Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Wir brauchen einen neuen Journalismus

Trotz Drohungen, trotz Hass: Die Flüchtlingsdebatte ist zu wichtig, als dass Journalisten sich hinter Gefühlslosigkeit verschanzen könnten. Sie müssen gerade jetzt ihrer demokratischen Aufgabe gerecht werden.

Ein Blogger gibt auf. Eine Grenze ist erreicht. Heinrich Schmitz schreibt: "Ich werde mir nicht mehr für meine lieben Mitbürger, die ihren Arsch erst hoch bekommen, wenn sie von einem Hooligan aus ihrem Sofa geprügelt werden, in der Öffentlichkeit den Arsch aufreißen."

Es geht, natürlich: um Flüchtlinge, das Panikthema dieser Gesellschaft, die durchschüttelt wird von der landestypischen Hysterie, die sie nie verlässt, die ängstlichen, herrischen Deutschen, nur scheinbar konterkariert von einer administrativen Kälte, die zum Beispiel das Regierungsreden über Griechenland bestimmt. Dafür sind die Zustände in den Aufnahmelagern für Flüchtlinge, sagt mein Freund Alex, der es wissen muss, schlimmer als im Kongo.

Auch Heinrich Schmitz hatte sich dafür eingesetzt, dass die Flüchtlinge nicht wie Tiere behandelt werden, er hatte eine Online-Petition unterstützt, er hatte darüber Kolumnen geschrieben - bis ein Unbekannter bei der Polizei anrief und sagte, er sei Schmitz und habe seine Frau umgebracht: Keine direkte Drohung, dafür eine seltsame, perfide Volte, die mit einem Schlag die Angst in die Familie trug und die Einsicht der eigenen Verletzlichkeit.

Schmitz, der Rechtsanwalt und Blogger, war ohne den Schutz einer größeren Institution oder Zeitung. Er nutze seine Freiheit, um seinen Journalismus anders, aggressiver, aktivistischer zu interpretieren. Es sind Leute wie Schmitz, die die oft so selbstbezügliche Uniformität des herkömmlichen Journalismus durchbrechen und verändern - aber im Moment der Bedrohung stand er plötzlich allein und sehr verwundbar da, mit seiner Privatadresse, mit seinem Namen, mit seiner Familie.

Journalismus ist Teil der Gesellschaft

Und deshalb ist seine Geschichte auch so wichtig: Es geht um einen, soweit ich das beurteilen kann, mutigen Mann, der für seine Worte und Taten, wie schon andere vor ihm, immer öfter und offener und drängender und drohender und unverschämter bedroht wird. Es geht also zuerst einmal um die Frage von Öffentlichkeit und Lethargie und Hass und dem, was Anja Reschke den "Aufstand der Anständigen" nannte - eine traurige, weil eigentlich so unnötig pathetische Formulierung, würde man denken, in einem modernen Land im 21. Jahrhundert, das Zuwanderung braucht und von Integration faselt und dem doch oft, so scheint es, das Bewusstsein dafür fehlt, was es heißt, andere Menschen zuerst als Mitbürger zu betrachten und nicht als Problem.

Es geht dann aber auch darum, was der Fall Schmitz für den Journalismus bedeutet, für den alten wie den neuen - denn der Journalismus ist nichts, was von der Gesellschaft getrennt werden kann, auch wenn das die Verschwörungsbestseller und Querfronthetzer gern so darstellen: Der Journalismus ist Teil der Gesellschaft und Spiegel ihrer Probleme, und beide, Journalismus und Gesellschaft, sind gerade auf eine Weise unter Druck, die miteinander zusammenhängt.

Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehsender verlieren Markt und Macht und damit die Autorität, auf der sie ihr Selbstverständnis und ihre Sprache begründeten. Defensive wird hier aber nicht die Lösung sein: Wenn man den Herausforderungen der Schwarmwelt mit ihren neuen Fragen begegnen will, muss man sich von einigen Gewissheiten verabschieden.

Es geht um existenzielle Fragen

Was heißt es zum Beispiel, wenn der Feuilletonchef der "Süddeutschen Zeitung" meint, ein Journalist dürfe sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten? Der Journalist dürfe, mit anderen Worten, nicht zum Aktivisten werden.

Abgesehen von den theoretischen Problemen, etwa festzulegen, was "Objektivität" je war außer eine Maske der Macht, oder der Frage, wie man das "Richtige" und damit "Gute" überhaupt erkennen kann und wie man das dann, wenn man es erkannt hat, ignorieren soll - es findet ja längst statt.

Der ehemalige Chefredakteur des "Guardian", Alan Rusbridger, etwa hat sich bei seiner Verabschiedung in den Ruhestand noch einen Wunsch erfüllt: Er hat die gläserne Wand der Objektivität durchbrochen und auf der Webseite des "Guardian" eine Kampagne gestartet dafür, die fossilen Brennstoffe nicht weiter zu nutzen. Es war das Versagen seiner Zeit als Chefredakteur und der Branche überhaupt, schrieb er, dass das Thema des Klimawandels so behandelt worden sei, als sei es auch nur eines unter vielen, mit dem Gleichmut des Großjournalismus samt Spesenkonto.

Es gibt, mit anderen Worten, Themen, die sind anders, die sind zu groß und zu wichtig, als dass der Journalist sich hinter seiner eigenen Automation und Gefühlslosigkeit verschanzen kann - und gerade drängen diese Themen mehr als in den vergangenen, ja: Jahrzehnten auf uns ein, und Klimawandel und die Flüchtlingsfrage etwa hängen ja direkt miteinander zusammen.

Wir müssen reden

Ein Journalismus also, der sich auf das zurückzieht, was scheinbar über viele Jahre funktioniert hat, wird nicht nur nicht überleben; er wird vor allem seiner demokratischen Aufgabe nicht gerecht.

Und auch das hat der Fall Schmitz gezeigt: Die Grenzen zwischen altem und neuem Journalismus gelten nicht mehr, wenn es um existenzielle Fragen der Gesellschaft geht. Anders gesagt: Heinrich Schmitz könnte weiterschreiben, wenn er bei SpiegelZeitSZFAZtazWelt angestellt wäre.

Wir müssen über Dummheit reden, hieß es diese Woche in der "Welt" , wir müssen über Hass reden, heißt es in der aktuellen "Zeit". Und ja, es ist etwas passiert, in den vergangenen Monaten, im vergangenen Jahr: Es begann, sagen manche, mit Thilo Sarrazin, der Ausländerfeindlichkeit für die gebildeten Stände betrieb und damit auch die ungebildeten Stände ermunterte, ihr Ressentiment mit dem Stolz der Deklassierten zu präsentieren, der gefährlichste Stolz von allen.

Ob es nun Kommentare aus Putins Trollfabriken sind, die die ganzen hässlichen und dummen Kommentare im Internet schreiben? Oder die Klein- und Großbürger des Hasses? Ob das Internet das alles verzerrt und die Bevölkerung besser ist als ihr digitales Abbild?

Um auf die neue Gegenwart zu reagieren, braucht es auch einen anderen Journalismus, analytischer, individualistischer, klarer, härter, aktivistischer, mutiger, offener, verständlicher, entschlossener, leidenschaftlicher. Es braucht weniger vorgefertigten Formeljournalismus. Und mehr Heinrich Schmitz.