S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Unsere geile globale Katastrophe

Das großartige Wachstum könnte sich schon in zehn Jahren als Witz des Jahrhunderts herausstellen. Aber was hilft Hysterie? Genießen wir das Schöne.

Eine Kolumne von


Was wäre eigentlich, wenn all das, wovor Pessimisten seit Langem warnen, wirklich passieren würde? Erinnern Sie sich an all die Geschichten über die angebliche Klimakatastrophe? Das Klima ändert sich, haha, sehr lustig. Es wird einfach ein wenig - na, sagen wir - verrückter, das Klima, und in der Schweiz grübeln Städtebauer gerade, wie sie den Fehler, Bäume in der Stadt gefällt zu haben, wiedergutmachen können. Vor der Völkerwanderung, auch Flüchtlingsbewegung oder was weiß ich wie genannt, wurde von Menschenrechtsorganisationen seit Jahren gewarnt. Und auf einmal ist alles da. In vorauseilender Kommentarpsychose stelle ich klar - Flüchtlinge, Klima, Fracking, alles unterschiedliche Baustellen. Nur der Ablauf ist immer derselbe: Die Welt ist ein überraschungsfreier Ort. Ob Natur- oder humanitäre Katastrophen, nichts, was nicht irgendwo erforscht und benannt worden wäre. Es interessiert außer Verschwörungstheoretikern nur kaum jemanden.

Das Klima, die Flüchtlinge und der Versuch der islamischen Mörder vom IS, die westliche Welt zu unterjochen: Ich glaube, keiner hat vor der Entführung und Versklavung, vor der Vergewaltigung und Demütigung Tausender Frauen durch diese Idioten gewarnt, was aber nur daran liegt, dass die Frauen nicht so besonders wichtig sind, selbst in der Skeptiker- und Warner-Lobby.

Jetzt hocken wir und starren und wundern uns, wie konnte das passieren, so schnell, so über Nacht, und immer brennt ein Wald, und bald kommen wieder die Wirbelstürme, und bald wird das Wasser knapp und boah - irgendwann wird kein Öl mehr aus der Erde kommen. Na so was. Scheiß der Hund drauf, lass schnell noch ein wenig Tropenwald abholzen, Elefanten umlegen, Meeresboden fracken, Mist in die Luft blasen, vielleicht hält es ja noch für uns.

Die globale Katastrophe wird alltäglich

Die lustige Nachricht ist: Vermutlich hält es nicht mehr. Zu hoffen stünde, dass all jene, die zu dumm sind zu begreifen, dass persönliche Bereicherung und Profit albern sind in einer Welt, durch die man nur noch mit Panzern und Taucheranzügen fahren kann, die Scheiße, für die sie mitverantwortlich sind, noch auskosten dürfen. Wird schon.

Unser großartiges Wachstum, dem wir in jeder Hinsicht hinterherlaufen, könnte sich schon in zehn Jahren als Witz des Jahrhunderts herausstellen. Wachstum, ja gerne, wenn man es in Richtung Mad-Max-Szenario versteht, wir wachsen über uns hinaus im Angesicht der geilen globalen Katastrophe, die so schnell vom blöden Gruselwort blöder Skeptiker zum gelebten Alltag wird. Aber Mann, Mann, Mann, das ist schon wieder so ein pessimistischer Text.

Verdrängen, was man nicht ändern kann

Wo doch draußen gerade so schön die Sonne scheint, und es riecht nach Herbst, und haben Sie das Licht gesehen, am Morgen? Gleichsam ein wenig gelebter Tau, und nun fehlt nur noch das Reh, das mit seinem nassen Schnäuzchen im Moos herumstupst. Gesundheit ist so weit auch alles in Ordnung, die Steuer bezahlt für das Jahr, und dann gibt es bald ein neues Auto. Denken wir.

Ich denke so, Sie vielleicht nicht. Ich verdränge das Außen, das ich nicht ändern kann, weil ich nicht Madame Curie bin, ich konzentriere mich auf das Schöne, rede das Seltsame klein, was hilft uns Hysterie. Möglicherweise lebt die Menschheit in einem Dauerausnahmezustand, seit Anbeginn ihres Kriechens aus Tümpeln, vielleicht wird es auch ein angenehmes Leben nach dem Ende der Welt, wie wir sie kannten. Es könnte so aussehen, wie die brillanten Herren der Gruppe K.I.Z es zu Ende denken.

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Thomas Meyer 19.09.2015
1. Aufregen war gestern
Sehr gesunde Einstellung. Ich rege mich auch nicht mehr auf und denke nur noch: "Macht doch was ihr wollt." Gelegentlich versuche ich noch einen zynischen Kommentar durch die Spon Barriere zu pressen und sonst lass ich die Hiobsbotschaften gefühlsneutral über mich ergehen. Auch bin ich gespannt, was als nächste Attraktion kommt. Hoffentlich keine Wiederholung, denn die sind langweilig. Waldsterben, abgehakt globale Erwärmung, abgehakt Völkerwanderung, abgehakt Naturkatastrophen schon alle medial mitterlebt, abgehakt Was fehlt ist ein Meteoriteneinschlag und eine zünftige Alieninvasion.
micromiller 19.09.2015
2. Liebe Frau Berg
Ihre Kolumne ist wie immer interessant und sehr angenehm zu lesen, jedoch ist der Hintergrund in dem Sie leben ein absolutes Paradies im Vergleich mit dem Rest der Welt. Sie leben in einem Land wo Demokratie in vorbildlicher Weise gelebt wird, wo mehrere Sprachen und Kulturen sich hervorragend ergänzen, wo Wirtschaft und Wissenschaft blühen und wo Medien in grosser Vielfalt offen und klar informieren. Das ganze wird von umsichtigen hoch intelligenten Regierungen geführt, die es verstanden haben Ihr land aus den Irrungen der Welt drumrum herauszuhalten. Auf dieser einmaligen Grundlage muss der Rest der Welt total geil und bekloppt erscheinen und Sie habe wirklich Recht es ist leider so.
marthaimschnee 19.09.2015
3.
Wachstum? Noch dazu großartiges?? Wo??? Was hab ich nun schon wieder verpaßt? Und ansonsten brauchen wir keine zehn Jahre mehr warten, die Welt versinkt bereits jetzt in der Kacke. Der Grund dafür ist, daß wir die ans Ruder stellen, die uns vollmundig versprechen, sie könnten uns drum herum navigieren, in Wirklichkeit aber mitten drauf zu steuern. Und natürlich wird das folgerichtig in der Katastrophe enden, Aktio-Reaktio, eines der Grundgesetze des Universums, das befreit aufatmen wird, wenn es uns endlich los ist!
_neo_ 19.09.2015
4. Tja Frau Berg,
wir haben solange verdrängt, eigentlich seit dem 2. WK. Wir haben zu lange geglaubt, es wäre irgendwie vorbei mit den "Zerstörungen", weil wir nie an die Mahner glauten. Ich habe nie Krieg erlebt, aber meine "Vorfahren (ater und GV waren beide in den jeweiligen WK's). Aber ich habe kritisch denken gelernt seit ich etwa 1973 Meadows "Grenzen des Wachstums" las und seither sehr häufig den Club of Rome verfolgte. Seit 15- 20 Jahren erkläre ich allen, ob sie es hören wollen oder nicht, wie die Zusammenhänge um die Klimaveränderung stehen. All jene, die mich damals verteufelten, reden jetzt wie ich. Man muss nicht Hellseher sein, sondern nur 1+1 zusammen zählen und offen sein fürs Querdenken. Leider leben wir in einer Zeit, die nur noch - und ausschließlich von Lobbyisten regiert wird. Es wird solange Profitmaximierung gemacht, bis der letzte Flecken Erde ruiniert ist - Menschen stören eh nur.
bettyblue 19.09.2015
5. Die Party ist vorbei...
genau das ist doch der Punkt: wir müssen alle begreifen, dass der Glaube an ein endloses Wachstum ein Irrtum ist. Der Zeitpunkt ist doch schon lange überschritten, an dem die Weichen hätten umgestellt werden müssen. Weg vom grenzenlosen Wachstum und der maßlosen Gier nach immer mehr – hin zu einer gerechten und nachhaltigen Umverteilung des Wohlstands. Was auch bedeutet: Bildung für ALLE, freier Zugang zu sauberem Wasser für ALLE, Gesundheitsvorsorge, faire Arbeitsbedingungen usw. Seit der Zeit der Kolonialisierung, werden Völker unterjocht und ausgebeutet, um das Wachstum auf der nördlichen Halbkugel nicht nur zu sichern, sondern ins Grenzenlose zu steigern. Viele dieser Menschen hatten nie eine Chance lesen und schreiben zu lernen, aber mit der globalen Vernetzung der digitalen Medien, hat deren Unwissenheit ein Ende. Wir (wir alle in den Industrienationen) leben wie die Maden im Speck und die Bilder, die davon zeugen, erreichen den letzten Winkel dieser Welt. Was das auslöst, erleben wir in diesen Tagen. Die Vorstellung, dass die hausgemachten Probleme sich lösen, indem man den "Speckgürtel" mit Natostacheldraht und meterhohen Zäunen sichert, ist schon pervers. Und die Schuld nur den G8-Politikern zuweisen, die in der Tat mehrheitlich planlos reagieren, anstatt gemeinsam wirkliche Lösungs-Strategien zu erarbeiten, ist auch sehr einfach. Wir ALLE tragen mit unserem Konsumverhalten zu den Mißständen bei: mit jeder Tomate aus Andalusien, an der Schweiß und Blut von nordafrikanischen Wanderarbeitern klebt, mit jeder Kaffeekapsel für die Lifestyle-Kaffeemaschine, für deren Herstellung unverantwortlich viel Rohstoffe benötigt werden, für jedes Billig-t-shirt, das hergestellt wird, unter Missachtung fairer Arbeitsbedingungen… die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Wenn wir ALLE nicht begreifen, dass WENIGER oft MEHR ist und wir mit unserem Verhalten direkten Einfluss darauf nehmen, wie die Welt von Morgen aussehen wird, dann werden die Jungs von K.I.Z. wohl gar nicht so falsch liegen mit ihrem Video!
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