Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Jetzt können wir alles infrage stellen

Alles lässt sich in der Flüchtlingskrise hinterfragen: von der Art, wie wir leben, bis zu der Art, wie wir bauen. Wir haben SPIEGEL-ONLINE-Leser aufgerufen, Ideen und Initiativen der Flüchtlingshilfe vorzustellen. Die Reaktionen waren überwältigend.

Wenn man will, eröffnet sich gerade ein utopischer Raum, der die Veränderbarkeit dieser Gesellschaft aufs Schönste demonstriert: Die Flüchtlingskrise kann das Land zum Positiven verändern, trotz 10,5% AfD-Angsthasen und FAZ-Abschottungsfantasien.

Alles kann infrage gestellt werden: Wie wir über uns und über andere denken, wie wir leben und wie wir leben wollen, was uns wichtig ist und was nicht, wovon wir uns trennen wollen, was wir behalten und was verändern wollen, und zwar von den Winterschuhen im eigenen Keller bis zu den Bauvorschriften für Neubauten.

Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man etwas infrage stellt, wie nun all die Leitkulturalisten suggerieren, die fahrlässig humanitäre Notwendigkeit in Parteipolitik verwandeln und dabei das an Schönheit vernichten, was in der Politik als Idee enthalten ist.

Es ist vielmehr ein Zeichen von Stärke, von Souveränität, von "politischer Schönheit" (Philipp Ruch) eben, wenn man akzeptiert, dass die Dinge im Fluss sind und manchmal unberechenbar und dass man diese Gegenwart als Herausforderung sieht, an der man vor allem dann scheitert, wenn man sie ignoriert.

Die Gesellschaft wird sich verändern

Vor vier Wochen habe ich in einer Kolumne zusammen mit dem Kollegen Maximilian Popp dazu aufgerufen, Ideen und Initiativen vorzustellen, die exemplarisch zeigen, was das Kanzlerinnen-Wort bedeuten könnte: Wir schaffen das!

Die Reaktionen waren überwältigend. Die Vorschläge waren konkret, praktisch, inspirierend, überraschend, manche waren gewagt, manche waren verstiegen. Und aus allen Mails sprach eine gemeinsame Sehnsucht: Dass die Medien sich diesem konstruktiven Ansatz öffnen und ihren Auftrag auch so verstehen, dass es nicht immer nur um Probleme geht, sondern auch um Lösungen.

Lesen Sie hier die Vorschläge der SPIEGEL-ONLINE-Leser:

Der mediale Spin gerade ist gewaltig, und er ist angreifbar. Nach den Anschlägen von Paris werden die Fragen des Terrors mit den Fragen der Flüchtlinge auf eine Art und Weise verbunden, die geeignet ist, Hass und Vorurteile noch zu bestärken, Ausgrenzung und Stigmatisierung voranzutreiben, die Gesellschaft noch mehr zu spalten - eine Gesellschaft, die sich verändern wird, so viel ist sicher.

Und die Bestandteile des Neuen sind in den Trümmern und Ruinen des Alten erkennbar. Was bedeutet es etwa, wenn ein Leser vorschlägt, Flüchtlinge sollten - wie er selbst nach Verlust seiner Wohnung in der griechischen Finanzkrise - in umgebauten Pferdeanhängern wohnen, "voll wärmeisoliert mit fünf Zentimeter dicken Isolationsplatten, am Boden sieben Zentimeter", wie er schreibt: "Dieses "kleine Haus" ist mobil, es kann durch einen Freund oder eine Behörde an jeden Ort gezogen werden, man fühlt sich autark und hat sein eigenes kleines Reich."

Ist das zynisch? Ist die Realität zynisch? Oder steckt hier eine nomadische Utopie, die das verändern hilft, was wir mit Heim und Besitz verbinden, mit den Automatismen des Alltags und der Einfallslosigkeit gerade des sozialen Wohnungsbaus?

Architekten wie Lacaton Vassal machen sich längst Gedanken darüber, wie sich das Bauen im Zeichen des Mangels verändert. Bauvorschriften verhindern in der Flüchtlingssituation schnelle, kreative Lösungen.

Pragmatismus des Helfens

Der kamerunische Philosoph Achille Mbembe, der am Montag mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet wird, hat einmal davon gesprochen, was man von den Menschen, die in Armut leben, lernen kann - die Bastionen des Wohlstands zu verteidigen, ist oft unmenschlicher, als mit den Mitteln, die man hat, nach Lösungen zu suchen.

Und so wirkt auch ein anderer Vorschlag erst einmal grotesk: die "Bildung einer eigenen deutsch-syrischen Militäreinheit in Anlehnung an bestehende bi- oder trinationale europäische Einheiten - eine Art deutscher Fremdenlegion, bestehend aus syrischen Rekruten mit Ausrüstung/Ausbildung/Führung durch reguläre Bundeswehrkräfte", wie Johannes Höper schreibt.

Absurd? Aber warum? Wenn man den Syrienkrieg für den spanischen Bürgerkrieg unserer Zeit hält, also für einen moralischen Makel für eine ganze Generation und eine Zeitenwende, die entscheidet, wie es auf diesem Kontinent weitergeht - dann kann und muss man doch die Frage stellen, was man aus diesem Krieg lernen kann, wo Schriftsteller und Philosophen als Teil der Internationalen Brigade auf Seiten der Republik kämpften.

Der Künstleraktivist Philipp Ruch nennt das "militanten Humanismus", er will die Wohlstandsbürger aus ihrer selbstgewählten Lethargie wachrütteln. Wenn man will, dann bringt die gegenwärtige Situation das eigene Denken und das Leben in Bewegung, man kann vieles von dem, was man für sicher und gegeben hielt, hinterfragen. Das ist die positive Logik der gegenwärtigen Veränderungen, die so vielen Leuten so viel Angst machen. Eine positive Logik, die vieles möglich macht.

Es gibt einen Pragmatismus des Helfens, auf den Initiativen wie Refugee Guide , Refugeewiki , Helferwiki , Volunteer Planner , Refugee Law Clinic Cologne , Vision Education , Bellevue di Monaco  oder Be an Angel  verweisen.

Oder einfach das Angebot einer Deutschen aus Australien, per Skype Sprachunterricht zu geben.

Es geht immer noch vor allem darum, die Hilfe zu organisieren und zu koordinieren, und es ist inspirierend zu sehen, wie selbstverständlich und solidarisch viele Menschen handeln.

Das werden sie sich auch von Politik und Medien nicht kaputt machen lassen.

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