Folter-Enzyklopädie Vom Quälgeist besessen

Brauchen wir ein Buch über Foltermethoden und Quälgeräte? Der Eichborn-Verlag meinte ja und brachte eine "Enzyklopädie des Grauens" heraus. Grauenhaft sind jedoch vor allem die konzeptionellen Schwächen des blutrünstigen Kompendiums - das Werk taugt höchstens zum Anschauungsunterricht für Sadisten.

Von Lars Langenau


Schein-Hinrichtung im irakischen Gefängnis Abu Ghureib: Steilvorlage fürs Folterbuch
AP / The New Yorker

Schein-Hinrichtung im irakischen Gefängnis Abu Ghureib: Steilvorlage fürs Folterbuch

Eichborn ist ein Lexikon-Verlag. Es gibt ein Lexikon berühmter Tiere, eines der Öko-Irrtümer, eins der Fußballnieten, eins der Sex-Irrtümer, eins der verrückten Dichter und Denker und fast zwei Dutzend weiterer mehr oder weniger brauchbarer Titel. Eichborn ist auch der Verlag für Enzyklopädien: Es gibt eine über Engel, eine über die Faulheit und eine über die Dummheit. Unterschieden wird bei Eichborn zwischen Lexikon und Enzyklopädie eigentlich nicht. Bei dem börsennotierten Unternehmen gibt das Marketing, nicht philologische Finesse den Ton an.

Der Tod am Werk

Nun ist mit "Die Folter. Eine Enzyklopädie des Grauens" ein weiteres Lexikon erschienen. Unter Verkaufsgesichtspunkten sind Zeitpunkt und Titel nicht schlecht gewählt. Schließlich liegt der Folterskandal von Abu Ghureib noch nicht allzu lange zurück; gestern erst wurde einer der Täter zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Und womit sich Schockieren lässt, damit winkt auch Verlegern immer noch ein sattes Klingeln in der Kasse.

Eichborn konnte für die als Sensibilierungsmaßnahme in Buchform getarnte Sammlung von Foltermethoden Horst Herrmann als Autor gewinnen. Doch trotz eines vor Aufklärungswillen triefenden Vorwortes lässt der Professor für Religionssoziologie an der Uni Münster die Frage offen, warum und wozu man so ein Buch eigentlich benötigt.

Leseprobe gefällig? Bitteschön: "Zu Beginn der Hinrichtung taucht der Henker die Hand (...) in eine Pfanne brennenden Schwefel, bis sie verkohlt. Dann reißt ein Helfer mit einer glühenden Zange Fleischstücke aus Armen, Brust, Bauch und Schenkeln des Verurteilten, legt nach jedem Riss die Zange wieder in das Feuer und gießt flüssiges Harz oder Blei in die Wunde." Detailfreude, die buchstäblich unter die Haut geht - und zumindest Auftragsmördern als Inspirationsquelle dienen kann.

Sado-Maso-Schmöker? Militär-Ratgeber?

"Enzyklopädie des Grauens" von Horst Herrmann: Sado-Maso-Pflichtlektüre?

"Enzyklopädie des Grauens" von Horst Herrmann: Sado-Maso-Pflichtlektüre?

Hermann hat in Fleißarbeit historische und aktuelle Quälmethoden auf mehr als 350 Seiten zusammengefasst. Dabei beschreibt der Gelehrte vor allem jene Verfahrensweisen, die garantiert zum Erfolg führen: zur Erpressung von Geheimnissen oder der Inszenierung eines besonders qualvollen Todes. Zudem dokumentiert er Beispiele aus der Praxis: Von A wie "Abschneiden der Füße" und "Aufessen" über "Kitzelfolter" bis hin zu "Wassertropfentortur" und "Zerquetschfolter" reicht seine Inventur bluttriefender Quälmethoden.

Bleiben noch immer folgende Fragen: Soll das Buch die neue Bettlektüre für besonders hart gesottene Masochisten sein? Oder handelt es sich eher um einen Ratgeber für Sadisten? Liegt hier die zukünftige Vorbereitungslektüre für Bundeswehrsoldaten bei Auslandseinsätzen vor? Auf jeden Fall handelt es sich um einen verlegerischen Schnellschuss, der auf der aktuellen Entsetzenswelle über Folter im Irak und in Guantanamo Bay ins Umsatzhoch surfen will.

Der Verlag selbst hält sich mit einer Erklärung zurück und spricht schlicht von einem "historischen Grundlagenwerk". Autor Hermann sekundiert mit fadenscheiniger Historiker-Akkuratesse: "Solange es unter uns einen Foltertourismus gibt, der Foltermuseen und Folterkammern vorführt, die offenbar besonders für Kinder attraktiv sind, haben wir kein Recht, uns über das angeblich dunkle Mittelalter zu erheben."

Zukünftig müssen wir uns gar nicht mehr über ein anderes Zeitalter erheben und brauchen auch keinen Foltertourismus mehr. Eine Lektüre der zugleich blutrünstigsten und konzeptionsschwächsten Enzyklopädie des Buchmarkts tut es auch.


Horst Herrmann: Die Folter. Eine Enzyklopädie des Grauens.
382 Seiten. Eichborn 2004. ISBN 3-8218-3951-1; 24,90 Euro




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