Forensiker-Serie "Bones" CSI in sexy

Der ganze Sender ein Labor: Ab November reißt sich RTL den Vox-Erfolg "CSI" unter den Nagel, vorher starten die Kölner mit einer eigenen Forensiker-Serie aus den USA: "Bones - die Knochenjägerin" addiert einige amüsante neue Aspekte zu den bekannten Pathologen-Plots.

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Man komme ihr bitte nicht mit Psychologie. Das sei eine weiche Wissenschaft, und während die Forensikerin das sagt, guckt sie so angewidert, als habe ihr jemand ein Steak mit Zuckerguss angeboten. Dr. Temperance Brennan (Emily Deschanel) hält sich an die Fakten. Knochen sind Fakten, und keiner sortiert sie so geschickt wie sie, weshalb sie "Bones" genannt wird. Es gibt sehr wenig, was Bones nicht aus den sterblichen Überresten eines Menschen herauslesen kann. Die Lebenden bleiben ihr dafür ein Rätsel.

"Bones"-Star Dr. Temperance Brennan (Emily Deschanel): Ein Knochenjob
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"Bones"-Star Dr. Temperance Brennan (Emily Deschanel): Ein Knochenjob

Das ist nicht so schlimm, denn ihr zur Seite steht der FBI-Agent Seeley Booth (David Boreanaz aus "Angel – Jäger der Finsternis"), ein Brocken von Mann, der für das zuständig ist, was Bones die weiche Seite des Verbrechens nennen würde. Die Knochenjägerin spricht mit den Toten, der Bundes-Cop mit den Lebenden.

Das schroffe IQ-Wunderkind Bones und der sanfte Klotz Booth, das ist eine schöne Paarung. So wird die in Krimis noch immer weit verbreitete geschlechtliche Arbeitsteilung unterwandert – formelhaft zwar, aber amüsant. Während sie die hard facts besorgt, überzeugt er durch eine Qualität, die allgemein als typisch weiblich gilt: soziale Kompetenz. Während sie mit Kampfkunsttricks oft voreilig Verdächtige zu Boden drückt, bereitet ihm der zuweilen unabwendbare Gebrauch der Schusswaffe große Sorge. Manchmal sitzen die beiden zusammen im Auto, Booth spricht dann über seine Gefühle, während Bones grimmig guckt, als wolle sie ihn gleich mit einem Handkantenschlag beglücken.

Richtig wohl scheint sich die Forensikerin eben nur im Labor zu fühlen. Wenn sie nicht fürs FBI arbeitet, klebt sie Knochensplitter aus dem Ersten Weltkrieg zusammen, packt sie in kleine Holzkisten und versieht sie mit Namen. Ein weiterer Toter kann dann zur ewigen Ruhe gebettet werden – mehr als 80 Jahre nach seinem Ableben. Bones verschafft das Frieden. Was mit der eigenen Geschichte zu tun hat: Ihre Eltern gelten seit Jahren als vermisst, sie müssen längst tot sein. Was würde die Medizinerin dafür geben, wenn sie irgendwann mal den Namen ihrer Eltern auf eine Kiste kleben könnte.

Wie so viele andere Ermittler in Profiler-, Pathologen- und Forensiker-Krimis wird also auch die Wissenschaftlerin aus Washington D.C. von einem Trauma in die Arbeit getrieben. Trotzdem spült "Bones" mit der sich immer höher auftürmenden Welle von Spezialisten-Serien durchaus einige neue Aspekte des Genres hoch – oder verquickt doch zumindest alte auf neue Weise.

Sexed-up CSI

Die Heldin ist irgendwo zwischen der soziopathischen Gerichtsmedizinerin aus "Crossing Jordan" und den von jedem Privatleben befreiten Laborraten in "CSI" zu verorten. Auch sie beschreibt ausgiebig biochemische Vorgänge – gelegentlich allerdings lüstern-morbiden. "Sexed-up variation of 'CSI'" hat das "New York Magazine" die Serie genannt. Hier wird zwar nicht zwischen Leichenteilen Liebe gemacht, dafür führt der auferlegte Triebverzicht gelegentlich zu einem libidinösen Umgang mit der toten Materie. Während sich etwa ihre Kollegen erschrocken von den Leichenfitzelchen in einem ausgebrannten Autowrack abwenden, bittet Bones um Pflanzenöl: "Um die verkohlten Teile abzulösen wie ein gut geöltes Steak vom Grill."

Die Dialoge sind also ebenfalls gut geölt. Gelegentlich arg plakativ, aber stets pointiert. "Bones" ist wie "Sex And The City" ohne Bettszenen und mit Skelettteilchen statt Schühchen. Nachvollziehbar, dass RTL die Serie auf einem prominenten Sendeplatz ausstrahlt und heute mit einer Doppelfolge loslegt. Und das, obwohl der Sender sein Programm doch schon ordentlich mit Spezialistenkrimis wie "Monk" oder "Dr. House" angereichert hat. Und auch "CSI Miami" ist seit geraumer Zeit ein Quotenschlager bei RTL; im November entzieht man dem kleineren Schwestersender Vox dann sogar noch die Las-Vegas-Ausgabe von "CSI". Ganz RTL wird ein Labor.

Kittel-Nerds im Laborbetrieb

Solange die Produktionen aussehen wie "Bones", ist das okay. Zumal hier durch die Glas- und Stahl-Architektur des Forschungsinstituts ein gewisses Maß an zeitgemäßen Themen dringt – auch wenn, zugegeben, die Verweise auf die Tagespolitik gelegentlich gewollt erscheinen. Dass die Serie in der US-Hauptstadt beheimatet ist, sorgt dafür, dass nebenbei Sitten und Gebräuche des Politbetriebs beleuchtet werden. Sexsüchtige Senatoren und willige Parteiaufsteiger, wo man hinschaut. Die Kittel-Nerds im Labor basteln derweil an Verschwörungstheorien, während sie ein Glas fleischfressender Käfer zum Säubern der Knochen über einer verkohlten Leiche entleeren.

Der Laborbetrieb in "Bones" ist bei einer hohen Dichte strebermäßig herausposaunter Fachtermini mithin recht quirlig geraten. Was auch daran liegt, dass die Autorin der Romanvorlage vom Fach ist: Inspiriert wurde die Serie von den Krimis der Bestseller-Autorin und forensischen Anthropologin Kathy Reichs und deren Romanfigur Temperance Brennan. Die Filmfigur Temperance Brennan schreibt übrigens ebenfalls Krimis – mit einer Heldin namens Kathy Reichs. Drollig.

Fiktion und Wirklichkeit geraten hier also schon mal durcheinander. Der Gadget der Serie ist denn auch eine recht lässige fiktionale Weiterentwicklung tatsächlich möglicher Rekonstruktionstechniken: Anhand von Computer-Hologrammen werden in "Bones" Skelette sekundenschnell zu kompletten beweglichen Körpern. Der Sci-Fi-Gimmick wirkt wie die Erfüllung der großen Sehnsucht der traumatisierten Forensikerin. Ein Zauberkunststück, um Knochenresten und Aschepartikeln ein Gesicht abzuringen. Die Toten, so leben sie wieder.


"Bones": Donnerstags, 21.15 Uhr, RTL



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