Foto-Ikonen in München Mit der Kamera über die Welt nachdenken

Der eine hat die Ästhetik einer ganzen Generation entscheidend geprägt, der andere gilt als Japans schärfster Kultur-Export: Eine Münchner Ausstellung zeigt je eine Serie der Fotografen-Ikonen Wolfgang Tillmans und Nobuyoshi Araki, die verblüffend viel gemeinsam haben.

Von Jenny Hoch


Zwei alte, angegammelte Würstchen waren das erste, was Wolfgang Tillmans je fotografiert hat. In der Küche seiner Mutter war das, da war er 20 Jahre alt und zu Hause zu Besuch. Später ist dann ein noch älteres Foto aufgetaucht. Am Strand hatte der damals 18-Jährige an seinen Beinen hinunter fotografiert. Das Bild hat er "Lacanau (self)" genannt.

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Tillmans und Araki: Foto-Ikonen in der Pinakothek der Moderne
Nobuyoshi Araki dagegen hat sein erstes Foto auf einem Schulausflug gemacht. Da war er vielleicht zwölf. Er habe eine Mitschülerin fotografiert, in die er heimlich verliebt gewesen sei, erzählte der erotomanische Skandalfotograf vor einigen Jahren in einem Interview. Ganz lässig habe sie an einer Säule des Toshodaiji-Tempels gelehnt, weit weg vom Lehrer und den anderen Schülern. Später habe er sie noch mal vor einer Brücke und ein paar Bäumen abgelichtet.

Schnappschüsse zweier Jugendlicher aus unterschiedlichen Welten. Und doch nehmen sie auf verblüffende Weise die Sujets ihrer späteren Arbeiten vorweg. Während Tillmans berühmt dafür geworden ist, mit der Fotolinse den Alltag der Generation der um 1970 Geborenen festzuhalten, verfolgt Araki seit über 40 Jahren mit obsessivem Blick zumeist nackte Frauen mit der Kamera und gruppiert sie oft vor oder neben Landschaften und Stadtansichten. Mit Tillmans "München Installation 1991-2005" und Arakis Fotoserie "Tokyo 1969-1972" kann man jetzt in zwei eigens eingerichteten Künstlerräumen in der Münchner Pinakothek der Moderne Variationen zu den künstlerischen Dauerthemen der beiden besichtigen.

Wie immer hat Tillmans, inzwischen Professor für interdisziplinäre Kunst in Frankfurt, verschiedenformatige Abzüge seiner Fotos einfach mit Klebestreifen an die Wand gepinnt. Locker durchgemischt hängen da neue und alte Bilder, die einem aus Katalogen oder anderen Ausstellungen schon lange vertraut sind. Als großformatiger Tintenstrahldruck hängt da etwa "Deer Hirsch" von 1995, das einen dünnen blassen Jungen mit Gummischlappen zeigt, der am Strand einem kleinen, aber männlich wirkenden Hirsch begegnet. Man sieht junge Leute entspannt auf Decken in einem Park sitzen und Seifenblasen in den Himmel schicken, oder man bewundert zwei sich kreuzende Arme von Piloten im Cockpit, auf deren Hemdsärmeln das Sonnenlicht irisierende Muster zeichnet.

Geschickt dirigiert Tillmans den Blick kreuz und quer durch den Raum, mal muss man den Kopf in den Nacken legen, um eine Aufnahme zu erkennen, mal ganz nah an ein winziges Bild rangehen. Lediglich einige Bilder der alle vier Wände einnehmenden Installation hat er in Rahmen gesteckt. Das sind Porträts wie "man pissing on chair" von 1997, das einen nackten Punk zeigt, der äußerst konzentriert auf einen grünen Freischwinger pinkelt, den man als Interieur schon von Tillmans' Fotos mit Kate Moss oder Michael Stipe her kennt.

Keiner trifft die unsichtbaren Codizes seiner Generation besser, und trotzdem kämpft der 1968 in Remscheid geborene Fotograf mit dieser Installation gegen Dämonen, die er selbst rief: Immer hatte er sich geweigert, seine Bilder mit der altmeisterlichen Aura der Malerei zu präsentieren und sie deswegen betont anti-museal, eben mit Klebeband und Reißzwecken, an der Wand befestigt. Doch spätestens, seitdem ihm im Jahr 2000 als erstem Deutschen der renommierte Turner Preis verliehen wurde, gehören seine Werke zum Establishment des modernen Ausstellungs-Kanons.

Obwohl er damals völlig zu Recht als authentischer Porträtist der neunziger Jahre gefeiert wurde, muss man sagen, dass seitdem nicht mehr viel Neues nachgekommen ist. Da waren zwar ein paar abstrakte Experimente, die ohne Kamera in der Dunkelkammer entstanden sind, aber die riefen bei Kritik und Publikum nicht mehr als freundliches Erstaunen ob der Wandlung des stilsicheren Lebensgefühlporträtisten zum spröden Foto-Alchemisten hervor.

Vielleicht ist es aber auch ein Fehler, ständig Neues zu erwarten. Denn wenn man davon ausgeht, dass jede Kunst aus ihrer Zeit kommt, dann ist auch nichts dagegen einzuwenden, Jahre später eben jene Kunst im Museum zu bewundern.

Nobuyoshi Arakis sexuell aufgeladene Fotoserie "Tokyo 1969-1972" fügt sich leichter der musealen Vereinnahmung. In einem streng formalistisch gehaltenen Raum präsentieren sich die 21 kleinformatigen Doppelbilder wie intime Schmuckstücke. In dieser konzeptuellen Arbeit kombiniert der Fotograf, der sein Gesicht stets hinter einem Bart und einer runden Sonnenbrille verbirgt, Schnappschüsse namenloser Passanten auf den Straßen von Tokio mit erotischen Selbstinszenierungen junger Frauen.

Die hier ausgestellten Bilder gehören sicherlich nicht zu den härteren Porno-Kalibern, für die man Araki in Japan als Superstar feiert. Hier sind keine Sperma-Orgien oder Bondage-Phantasien (Araki: "Ich umschnüre den Körper von Frauen, weil ich ihre Seele nicht zu fesseln vermag") zu sehen, sondern blanke Frauenkörper neben Kopftuch tragenden Damen, bei deren Anblick sich Privatheit mit Öffentlichkeit und Begehren mit Alltag vermischen.

"So eine Foto-Session ist wie ein Nahkampf. Es entsteht dabei eine körperliche Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau, wie beim Liebesspiel. Da ist es ganz normal, dass man während oder nach der Arbeit Geschlechtsverkehr hat." In der Öffentlichkeit provoziert der 1940 geborene Fotograf gerne mit saftigen Statements wie diesem. Dabei befriedigt er, das wird mit der hier ausgestellten Bilderserie einmal mehr deutlich, mit seiner Lust am gesellschaftlichen Tabu eher seine hohe Emotionalität, sein Bedürfnis nach Aneignung von Welt.

Genau hier könnte ein Anknüpfungspunkt an Tillmans' Werk liegen. Denn auch er betont stets, dass Fotografie für ihn nur ein Mittel sei, mit dem er über die Welt nachdenke. Und das machen beide, das muss man ihnen lassen, bravourös.



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