Foto-Künstler Hasskarl "Da ist diese Diarrhöe auf Facebook"

Schrott oder Schatz? Der Fotograf Dirk Hasskarl entdeckt Schönheit in Dingen, die anderen banal erscheinen. Im seen.by-Interview spricht der Hamburger Künstler über Asiaten als hemmungslose Verunstalter, lakonische Popzitate - und lästert über die Bilderflut im Netz.

Frage: Herr Hasskarl, der Titel Ihrer Ausstellung lautet:"One Man's Trash is Another Man's Treasure". Was ist das für Sie: Trash, also Müll?

Dirk Hasskarl: Trash sind für mich Dinge, die objektiv betrachtet keinen Wert, Nutzen oder keine Funktion haben, die polarisieren können und keinem aktuellen Trend angehören. Das Interessante für mich ist, dass die Klassifizierung einer Sache als Trash subjektiv beziehungsweise kulturell festgelegt ist. Sie ermöglicht mir Einblicke in das Denken, Empfinden und Wertesystem einer Person, auch eines Landes und seiner Kultur. Von den Bildmotiven soll für mich eine subjektiv empfundene Schönheit oder ein Statement ausgehen.

Frage: Wie von dem in Indien entstandenen Foto "Wired"?

Hasskarl: Ein deutscher Elektriker würde bei einem Schaltkasten mit diesem Kabelgewirr die Baupolizei verständigen. Ein Inder wackelt mit dem Kopf und lächelt freundlich. Er versteht die Aufregung gar nicht. Ich empfinde als Fotograf dieses unbeabsichtigte, originär gewachsene Chaos sowohl als Schatz wie auch als Schönheit - und gleichzeitig als guten Witz.

Frage: Welche Absicht steht hinter Ihren Natur-Serien "Thuringia" und "Mekong"?

Hasskarl: Bei einem Spaziergang in einem normalen, regennassen deutschen Wald entstanden unheimliche Bilder wie aus einem Film von David Lynch. Ein Schatz - zumindest für mich. Ein anderer empfindet das als banal. Eine Fahrradtour durchs Mekongdelta mit exakt der gleichen Kamera und der gleichen Technik fotografiert hatte eine ähnliche Stimmung. Ich kombinierte "Thuringia" mit "Mekong" und merkte, dass sich die Stimmung beider Bildstrecken kongenial verstärkt. Ich finde etwas, schätze es, verleihe ihm möglicherweise eine andere Bedeutung. Die Motive müssen im Ansatz eine allegorische Qualität haben, eine zweite, dritte Ebene, eine Doppelbödigkeit. So wird aus einem überfüllten Fischbecken ein Gleichnis für menschliches Besitzstreben, Gier und Sucht.

Frage: Was wollen Sie mit dem Buddha-Foto ausdrücken?

Hasskarl: Das Bild "Are You Experienced" ist mein Lieblingsmotiv. Vor den Augen des Buddhas hängt eine Neonröhre. Die Asiaten sind völlig hemmungslos im Ausstaffieren und Verunstalten von heiligen Räumen. Da geht zusammen, was hier ein völliges Tabu wäre. Hier würde man Kulturgüter sorgfältig ausleuchten, doch die hämmern einfach eine Neonröhre davor. Der Titel des Bildes ist abgeleitet von dem gleichnamigen Album von Jimi Hendrix, ebenso der Song "The Wind Cries Mary", der zum Bildertitel "The Sky cries Mary" wurde. Ich mag kleine lakonische Popzitate.

Frage: Spielt Musik für Ihre Fotografie eine wichtige Rolle?

Hasskarl: Ich bin auch Musiker, und ähnlich wie in der Musik ist auch in der Fotografie Timing fast alles. Und bei der Sichtung und Zusammenstellung meiner Bilder im Atelier läuft immer gute Musik. Sie verwebt alles miteinander.

Frage: Wie entstehen Ihre "Short Clips", die in der Ausstellung gezeigt werden?

Hasskarl: Die Filme sind mir eine Herzensangelegenheit. Auf meinen Reisen habe ich immer eine ganz kleine Kamera dabei, die ich am Gürtel trage und sofort zücken kann. Dank YouTube  ist es sehr einfach, diese Filme zu publizieren. Manchmal mit seltsamen Folgen wie bei dem Film "Burma #01"  mit dem Lautsprecher. Mich mailte nach dem Hochladen auf YouTube jemand an, ein Fetischist, der ausschließlich Lautsprecher filmte. Ich ging auf dessen YouTube-Seite, und da waren dann 300 Filme über verschiedene Lautsprecher-Typen. Fiese menschliche Untiefen, in denen man da aus Versehen landen kann.

Frage: Wie gehen Sie beim Filmen vor?

Hasskarl: Die einzige Vorgabe, die ich mir mache, ist, die Kamera stillzuhalten. Ich kann nicht steuern, was dann passiert. In dem Clip "Vietnam #02"  flattern fünf Fahnen, sonst passiert fünfzig Sekunden lang nichts - und dann fährt plötzlich eine Rikscha mit einem zehn Meter langen Brett von rechts nach links durchs Bild. Das Warten - und Ertragen dieses "Nichts" - wird fürstlich belohnt. Auf so etwas kommt man nicht selbst. Die Realität ist jedesmal wieder unschlagbar. Und dabei geht es in meinen "Short Clips".

Frage: Wie betrachten Sie selbst Bilder?

Hasskarl: Ich mag diese Stille eines Fotos. Wenn es Tiefe hat und mir trotzdem keine Botschaft aufdrängt. Ich darf das sehen, was ich hineinlesen möchte. Es gibt drei Arten von Bildern. Da ist diese Diarrhöe auf Facebook: Jemand war im Urlaub und kommt mit 25.000 Bildern zurück. Dann gibt es die hochwertige, schlaue Fotografie im Reportagebereich und schließlich die Kunst, die autonom ist. Ich mag es, mir Bilder in großen Räumen allein und in Ruhe anzuschauen. Das empfinde ich als die große Qualität von Fotografie im Gegensatz zu Filmgelärme, schnellen Schnitten und Gedöns.

Ausstellung mit Fotografien von Dirk Hasskarl: Galerie Pixel Grain, Berlin, bis zum 15. Juni 2011

Das Interview führte Sabine Tropp für seen.by
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