Sebastião Salgados Goldmine-Fotos "Das Grauen ästhetisiert"

Sebastião Salgado wurde berühmt mit seinen Fotos aus einer Goldmine: Im brasilianischen Serra Pelada setzten Menschen ihr Leben für einen Traum aufs Spiel. Nun bekommt der Fotograf den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Sebastião Salgado/ Taschen

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Viele der Männer tragen lediglich Lumpen als Lendenschurz, der Rest ihrer Körper wird von Schlamm bedeckt. Nur die dunklen Augen blicken gequält aus den starren, verkrusteten Gesichtern, einige gehören zu Teenagern, andere sind hochbetagt.

Tausende Leiber wimmeln auf den Fotos von Sebastião Salgado, wie auf Schlachtengemälden oder Höllenbildern von Hieronymus Bosch - nur dass diese Fotografien echt sind und die Menschen darauf sich freiwillig in diese Hölle begaben, weil sie auf das große Glück hofften. Sie suchen nach Goldkörnern, verborgen in schmieriger Erde.

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Fotoband "Gold": Gier und Grauen

Barfüßig schleppen die Goldgräber ihre Säcke, mit Schlamm gefüllt, die sie mit einer Hand auf den Schultern sichern, während sie über breite Holzleitern aus dem riesigen Loch herausklettern und danach über schlammige Abhänge wieder in den Abgrund des Amazonas-Regenwaldes rutschen.

Ästhetik des Grauens

Mit diesen Szenen wurde der brasilianische Fotograf Sebastião Salgado berühmt. In diesem Jahr wird ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Zum zweiten Mal erhält ein Bildkünstler den Preis, der eigentlich Sprachkünstlern vorbehalten war - denn Salgados Bilder sind so eindringlich, so wirkungsvoll, dass man sich ihnen nicht entziehen kann. Er hat das Grauen ästhetisiert - was man nicht gut finden muss. Fest steht aber: Seine Bilder sprechen zum Betrachter.

Salgado ist seit diesen Aufnahmen ein Mahner ohne Worte. Seine vielen Bildreportagen zeigen die Ausbeutung von Menschen und Natur, es geht um soziale Gerechtigkeit, Vertreibung, Flucht und Naturschutz. Regisseur Wim Wenders fühlte sich von einer Szene aus Serra Pelada so berührt, dass er 2014 die Hommage "Das Salz der Erde" über Salgado drehte.

Die Aufnahmen aus der Mine erscheinen nun erneut in einem opulenten Bildband. "Gold" (Taschen Verlag) heißt er verheißungsvoll, gedruckt in glänzenden Lettern, doch innen zeigt er Qual und Gier von 50.000 Bergleuten.

Preisabfragezeitpunkt:
15.07.2019, 12:47 Uhr
Ohne Gewähr

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Sebastião Salgado, Alan Riding
Sebastião Salgado. Gold

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
208
Preis:

"Die meisten Journalisten würden da nur einen Tag bleiben. Ich blieb über einen Monat", berichtete Salgado über seine Zeit in der Mine im Jahr 1986 in einem Gespräch mit dem Journalisten Alan Riding zur Veröffentlichung des Bildbands. "Als ich in der Mine ankam und in dieses Loch blickte, sah ich dann eine Masse von Menschen, die alle ohne irgendwelche Hilfsmittel mit der bloßen Hand gruben. Ich dachte, das kann nicht wahr sein - ich hatte die Minen König Salomos vor Augen. Das Geräusch der auf den Boden hämmernden Spitzhacken klang wie das Geräusch in den Seelen dieser Schürfer. Sie waren zu Sklaven des Goldes geworden."

Alles steht auf dem Spiel

Dem Goldrausch erlagen in den Achtzigern Menschen aller Kultur- und Bildungsstufen. Es gab viele Unfälle, keine medizinische Versorgung, massive Spannungen mit der Polizei. Er habe in einer anderen Mine einen Arbeiter getroffen, der mehr als 40 Jahre hoffte, am nächsten Tag reich zu werden und zu seiner Familie zurückzukehren, berichtet Salgado. "Das macht Gold aus einem. Was hat dieses leblose Metall nur an sich, dass es die Menschen dazu bringt, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Habe zu verkaufen, um ihr Leben, ihre Knochen und ihre Gesundheit für einen Traum aufs Spiel zu setzen?"

Sechs Bilder aus Serra Pelada schickte Salgado seinerzeit zum "New York Times Magazine". Monochrom zu fotografieren, war 1986 nicht state of the art, doch als die Bilder in der Redaktion eintrafen, herrschte vollkommene Stille. "In meiner ganzen Karriere bei der Times habe ich niemals erlebt, dass Redakteure so auf eine Serie reagierten", erinnert sich der damals zuständige Fotoredakteur. In "Gold" kann man diesen Moment nun nachfühlen, schwankend zwischen Schock und Bewunderung, und dann weiß man, warum dieser Bildkünstler für sein Lebenswerk den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verdient hat.


Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, Sebastiao Salgado sei der erste Bildkünstler, der nun den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalte. Korrekt ist aber, dass der Künstler Anselm Kiefer 2008 bereits ausgezeichnet wurde.

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