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Fotoband "Kachalka": Fitness mit Panzerkette

Foto: Kirill Golovchenko/ Kehrer Verlag

Fotoband über ukrainisches Bodybuilding Stemm die Panzerkette!

Eiserne Sprossenwände und Muckimaschinen aus Traktorenreifen - so sieht ein ukrainischer Trimm-dich-Pfad aus. Der Fotograf Kirill Golovchenko hat die Anlage "Kachalka" in Kiew porträtiert. Seine Bilder zum postsowjetischen Sportsgeist erzählen auch von einer Nation zwischen Demokratie und Oligarchie.
Von Lena Reich

High Heels auf dem Stepper. Dickbäuchige Rentner beim Hanteltraining. Steine stemmende Teenager. Schmerzverzerrte Gesichter zweier Männer, die hintereinander sitzen. Ein Typ macht die Fahne: Er hält seinen Körper an der eisernen Sprossenwand horizontal frei in der Luft.

Für seinen neuen Bildband hat der ukrainische Fotograf Kirill Golovchenko wieder einen Ort in seinem Heimatland aufgesucht und in überaus unterhaltsamen Bildern festgehalten: "Kachalka" heißt das Freiluft-Fitnessareal im Herzen Kiews, das sich auf zehn Quadratkilometern über die gesamte Insel Tuhev erstreckt. Während in Deutschland gute alte Trimm-dich-Pfade öffentlichen Wii-Stationen weichen und den Muckibuden die Sponsoren davonlaufen, ist der Eintritt in die "Kachalka" seit über vierzig Jahren frei.

"Kachat" bedeutet "pumpen". Tatsächlich glaubt man, beim Betrachten der sommerlichen Aufnahmen das Klirren der über 200 Gewichthebestationen zu hören. Hantelbank an Hantelbank. Blau lackiertes Holz und Eisen. So fotografiert, erinnern die ungepolsterten Bänke an mittelalterliche Folterinstrumente. Man spürt förmlich das Ziehen der Holzsplitter im Gesäß, meint, das Blut im Kopf rauschen zu hören und dahinter das Gemurmel, das vom Sandstrand herüberweht. Hier verwirklichten Anfang der siebziger Jahre der polnische Turner Kasimir Jagelsky und der Kiewer Mathematikprofessor Jurij Kuk ihren Lebenstraum: kollektives Krafttraining unter freiem Himmel.

Vom Altmetall zum Fußbett der Ruderbank

Das Material der Fitnessgeräte stammt aus der Zeit des Altmetall-Überschusses. Teile von Kettenfahrzeugen dienen als Gewichte oder Fußbetten für die Ruderbank. Deponiespenden und das Inventar geschlossener Fabriken erinnern an Winter, in denen Kinderzungen an gefrorenen Spielgeräten festpappten und Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß. An einem aus diversen Stangen und Platten zusammengeschweißten, mit Traktorenreifen abgefederten Konstrukt machen sich drei Männer zu schaffen. In kurzer Hose und Flipflops zieht einer Panzerkettenscheiben in die Höhe. Der Bursche ist mit jeder Faser seines Körpers gewillt, das Gewicht zu wuppen. Es ist das Drama von Bizeps und Trizeps, das Prinzip von Spannung und Entspannung. Wie bei einer Bernini-Skulptur will die zu platzen drohende Haut des Mannes gesehen, vielleicht sogar angefasst werden.

Der Fotograf gibt den Bodybuildern das Publikum, das sie verdienen. Viel mehr, als dass sie der Körperarbeit verfallen sind, erfährt man über sie nicht. Golovchenkos Held aus der Kindheit, die der 38-Jährige in der Ukraine verbracht hat, ist Arnold Schwarzenegger: die Verschmelzung von Mensch und Maschine in knappen Höschen. Über die klischeehaften Sportleraufnahmen hinaus erzählt Golovchenko diesen wundersamen Ort, der außerhalb des Medienspots liegt.

Der Machismo des Automaten

Der Prolog des Buches, das der Fotograf liebevoll "die kleinste Trainingseinheit" nennt, ist das Bild eines blau-weißen Handtuchs, auf das "Olympia Moskau 1980" gestickt ist. Der Gedanke an den Sportsgeist der untergegangenen Sowjetunion drängt sich auch bei manchen Porträts unweigerlich auf. Ein hagerer elegant gekleideter 85-Jähriger trainiert seine Brustmuskulatur an einem Flaschenzug. Da scheint all das nicht weit weg. Der Matrose, die Mechanik, die gepanzerte Einheit.

Neben dem konstruktivistischen Design der Fitnessgeräte erinnert vor allem das Layout des Buches an die Russische Revolutionskunst: Die Typografie des Agitprop und der rote Strich als kommunistischer Zeitstrahl auf dem cremefarbenen Hardcover, das breite Schultern hinter einem viergliedrigen "Butterfly" präsentiert. Vor dem Machismos des Automaten warnt der Buchrücken: Ein Mann mit brünetter Föhnfrisur in roter Badehose hält eine Schraube mit einer langen dünnen Eisenstange vor sein Gemächt. Es sticht dem Betrachter sozusagen die Augen aus. Schließlich überzeugt das längst vergessene, in den achtziger Jahren beliebte Format von 17 x 23 Zentimeter. Der Kehrer Verlag, sonst bekannt für eine eher traditionelle Buchpräsentation, hat eine Perle aufgezogen.

Golovchenkos Bilder offenbaren die Körperwerkstatt "Kachalka" als einen paradiesischen Flecken. Das Ackern, Stemmen und Reißen ergibt dabei ein ehrgeiziges Porträt der Ukraine. Der Wille dieser Nation mit ihrer politischen Ordnung zwischen Demokratie und Oligarchie erscheint beinahe beängstigend. Als der ukrainische Gewichtheber Alexej Torochti bei der diesjährigen Olympiade mit 412 Kilogramm eine Goldmedaille gewann, wurden Erinnerungen an vergangene Dopingskandale wach. Aus dem Hantieren mit Gewichten im Freizeitsport sind Anabolika nicht wegzudenken. Körper sind immer auch politische Instrumente.

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