Fotostrecke

Albert Watson: Der Alleskönner

Albert Watson "Als die Fotografie um die Ecke kam, war es um mich geschehen"

Der Schotte Albert Watson hat eine der steilsten Karrieren hinter der Kamera hingelegt - und dann kam Instagram. Im Interview spricht er über sein Katastrophenshooting mit Schauspielerin Nicole Kidman und die Oberflächlichkeit von Likes.
Von Florian Sturm
Zur Person

Albert Watson wurde 1942 in Edinburgh geboren und studierte Kunst, Grafikdesign und Fotografie. Ab 1970 lebte Watson in Los Angeles, wo er sich bald mit einem Hitchcock-Gans-Porträt für "Harper's Bazaar" einen Namen machte. Watson schoss über 250 Cover für die "Vogue", 40 für den "Rolling Stone", leitete Werbekampagnen für Prada, Chanel und Levis und produzierte knapp 650 TV-Werbespots. Watson wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet. 2015 verlieh ihm die Königin von England den Order of the British Empire für seine Verdienste um die Fotografie. Seit 1999 ist Watson außerdem Hoffotograf des Königs von Marokko.

SPIEGEL: Herr Watson, warum fotografieren Sie überhaupt?

Watson: Ich entdeckte die Fotografie während meines Grafikdesign-Studiums, denn beides hängt ja irgendwie zusammen. Ich liebe Grafikdesign. Aber in dem Augenblick, als die Fotografie um die Ecke kam, war es um mich geschehen. Für den Rest meines Lebens.

SPIEGEL: Ihr erster Job hatte mit Fotografie aber nichts zu tun.

Watson: Das stimmt. Ich berechnete die Routen ballistischer Raketen von Großbritannien nach Russland.

SPIEGEL: Wie kam es dazu?

Watson: Kurioserweise waren meine zwei besten Schulfächer Kunst und Mathe. Durch letzteres bekam ich einen Job beim Air Ministry, dem heutigen Verteidigungsministerium. Nach einem Jahr dort arbeitete ich im Labor einer Schokoladenfabrik und analysierte, in welchem Verhältnis die einzelnen Zutaten zueinander stehen müssen. Unser Augenmerk galt vor allem Arsen.

SPIEGEL: Arsen? In einer Schokoladenfabrik?

Watson: Nun, wie Sie vielleicht wissen, sind Spuren von Arsen in so ziemlich allem enthalten, was uns umgibt. Und weil Arsen akkumulative Eigenschaften hat, ist es extrem gefährlich. Einmal im Körper, werden wir es nie wieder los. Wenn der Arsenanteil in Schokolade also zu hoch ist, sind das keine guten Nachrichten.

Fotostrecke

Albert Watson: Der Alleskönner

SPIEGEL: Was haben Sie herausgefunden?

Watson: Man müsste schon 20 Kilo Schokolade essen - und zwar ein Jahr lang jeden Tag -, um an einer Arsenvergiftung zu sterben.

SPIEGEL: Ihre Karriere liest sich wie eine durchgehende Erfolgsgeschichte. Gab es jemals Phasen, in denen nicht alles nach Plan lief?

Watson: Aber klar. Mit den Jahren merkte ich, dass ich vor allem dann Fehler bei Shootings machte, wenn ich nicht gut genug vorbereitet war.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Watson: 1989 hatte ich das erste Mal die Schauspielerin Nicole Kidman vor der Kamera. Es ging um ihren Film "Dead Calm". Ich schlug der Redaktion vor, sie mit Wasser im Gesicht zu fotografieren. Als Nicole im Studio ankam, begrüßte ich sie, verschwand aber noch mal in der Dunkelkammer, weil ich eine Ausstellung vorbereiten musste. Ich entwickelte und entwickelte und entwickelte. Als ich nach zwei Stunden merkte, wie die Zeit verflogen war, war Nicole längst mit dem Make-up fertig und ich hatte vergessen, den Visagisten von meiner Idee zu erzählen. Entsprechend viel Make-up hatte Nicole im Gesicht. Ich versuchte die Wasseridee trotzdem.

SPIEGEL: Und?

Watson: Es sah, und ich übertreibe nicht, absolut schrecklich aus. Seither passe ich auf, dass mir so etwas nie wieder passiert ist. Als ich Nicole das nächste Mal fotografierte, entschuldigte ich mich bei ihr. Sie nahm es aber ganz locker.

SPIEGEL: Welcher Tag Ihrer Karriere ist Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben?

Watson: Da gibt es mehrere, aber einer sticht heraus. Da muss ich in meinen Dreißigern gewesen sein. Morgens fotografierte ich in Paris die Schauspielerin Catherine Deneuve für das Cover der französischen "Vogue". Dann stieg ich in eine Concorde, kam um 10.45 in meinem New Yorker Studio an und arbeitete dort bis 16 Uhr an einer Werbekampagne für ein Haarprodukt. Direkt im Anschluss flog ich nach Los Angeles und porträtierte dort in meinem Studio den Musiker Frank Zappa. Ich erledigte also im Grunde drei Jobs an einem Tag - in Paris, New York und L.A.

SPIEGEL: Sie lichten seit fast 50 Jahren vor allem Menschen ab. Warum ist unsere Gesellschaft so vom Selfie fasziniert?

Watson: Genau darüber habe ich mit Andy Warhol, dem Genie aller Genies, gesprochen. Heute kennt jeder seine berühmte Vorhersage: Zukünftig würde jeder für 15 Minuten berühmt sein. Und genau damit haben wir es beim Selfie zu tun. Wer sich selbst fotografiert und das Bild irgendwo hochlädt, hat die Chance, berühmt zu werden. Das Phänomen der Stars und Sternchen gab es schon in den Fünfzigern, aber als die Dinge und die Gesellschaft immer schnelllebiger wurden, stieg auch die Bedeutung von Celebrities. Und von Selfies.

Eine der neuen Stars auf dieser Bühne ist Gigi Hadid. Ich konnte kaum glauben, dass sie mehr als 50 Millionen Follower auf Instagram hat. Wenn sie ein Selfie mit einer Tasse Kaffee postet, schreiben ihr eine Million Leute: Großartig! Wahnsinn! Wunderschön!

SPIEGEL: Was denken Sie darüber?

Watson: Für mich ist das surreal, seltsam - und ein Phänomen, das Andy Warhol vorhersah. Ich kann eines meiner - wie ich finde - guten Fotos auf Instagram hochladen und bekomme dafür vielleicht 1000 Likes. Poste ich aber einen Schnappschuss einer Ausstellungseröffnung in Moskau, bekomme ich 6000. Stellen Sie sich doch mal vor, van Gogh hätte damals seine berühmten Sonnenblumen auf Instagram veröffentlicht - und 50 Leute schauen sich das Bild dort an. Gleichzeitig kommentieren aber 50.000 Leute, wie irgendein Promi in Paris einen Kaffee trinkt.

SPIEGEL: Instagram hat die Balance zwischen Erfolg, Ruhm und Qualität verschoben.

Watson: Definitiv. Qualität spielt keine Rolle mehr. Warum sonst bekommt ein Foto von einer Giraffe, die ein Blatt frisst, vier Millionen Likes?

SPIEGEL: Was ist Ihr Antrieb, auch nach fast 50 Jahren hinter der Kamera noch weiterzumachen?

Watson: Manche Leute werden heroinabhängig. Ich bin fotografieabhängig. So einfach ist das.

SPIEGEL: Haben Sie jemals über den Moment nachgedacht, wenn dieses Verlangen, neue Bilder zu kreieren, verschwunden ist?

Watson: Dann schaue ich mir wahrscheinlich die Radieschen schon von unten an.


Ausstellung: "Albert Watson", Galerie Camera Work Berlin, 23. November 2019 bis 18. Januar 2020

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.