Fotograf Joel Meyerowitz Der Chronist von Ground Zero

Berühmt wurde er mit poetischen Landschaftsmotiven, doch historisch sind seine Bilder von Ground Zero: Joel Meyerowitz hat den Katastrophenort gleich nach dem Angriff fotografiert. SPIEGEL TV hat sich die irritierend schönen Aufnahmen vom Künstler zeigen lassen.

Von Ralph Quinke


Er gilt als der Edward Hopper der Fotografie, ein Magier des Lichts, ein Interpret melancholischer Stimmungen: Der New Yorker Fotograf Joel Meyerowitz, Jahrgang 1938. Berühmt gemacht haben ihn seine stillen Landschaftsbilder von Cape Cod, dem amerikanischen Sylt.

Nach dem 11. September wurde der Künstler zum Dokumentar einer bizarren Trümmerlandschaft: Neun Monate lang hat Meyerowitz fotografiert, was vom World Trade Center übrig blieb. Minutiös hat er die Aufräumarbeiten mit seiner altertümlichen, großformatigen Holzkamera festgehalten.

Eigentlich war Ground Zero für Fotografen ein verbotener Ort. Doch damit wollte sich Meyerowitz nicht abfinden. Inspiriert durch die Arbeit von Walker Evans und Dorothea Lange, die in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in den USA dokumentiert hatten, wollte er für die Nachwelt festhalten, wie die New Yorker mit der Wunde umgingen, die die Attacke der Terroristen hinterlassen hatte.

Als er zu Ground Zero kam, erwartete ihn das erste Hindernis: "Ich nahm meine Kamera ans Auge, schaute, ob ich so irgendetwas erkennen konnte. Als ich das tat, schlug mir jemand auf die Schulter. Es war eine Polizistin, die zu mir sagte: 'Keine Fotos, Kumpel, das hier ist ein Tatort!'"

Mit List, Hartnäckigkeit und guten Freunden verschaffte er sich Zugang zu Ground Zero. Immer wieder wurde Meyerowitz des Geländes verwiesen, doch er ließ sich nicht einschüchtern. Ihm gelangen Fotografien, die irritieren, die das Unfassbare im Licht der Abendsonne manchmal geradezu schön erscheinen lassen.

Ground Zero wurde zur Theaterbühne: Das Drama, das gegeben wurde, hieß Trümmerbergung. Die Apokalypse bildet er so ab, wie alte Meister historische Schlachten gemalt haben. Meyerowitz über eines seiner Bilder: "Man sieht fünfzig Männer, Feuerwehrleute und Polizisten, die genau hier, im Zentrum des Bildes, die Leichen von fünf Feuerwehrmännern in Uniform gefunden haben, in einem Treppenhaus. Wir stehen im Südturm, einer der Feuerwehrleute kam heraus und sagte: 'Dieses Treppenhaus gehörte zum Nordturm.'"

Gegen alle Widerstände belichtete Meyerowitz mehr als 8000 Fotos, 400 davon erscheinen jetzt unter dem Titel "Aftermath - Das World Trade Center Archive" als Buch. Ein Panorama der Zerstörung - und ein bedeutendes Dokument der Zeitgeschichte.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.