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Fotograf Jupp Darchinger gestorben: Das Auge von Bonn

Foto: Josef Heinrich Darchinger/ Taschen Verlag

Fotograf der Bonner Republik Jupp Darchinger ist tot

"Das Auge von Bonn": Seine Politikerfotos und seine Aufnahmen des deutschen Alltags prägen unser Bild der alten Bundesrepublik. Jetzt ist Josef Heinrich Darchinger wenige Tage vor seinem 88. Geburtstag gestorben.

Hamburg/Bonn- Josef Heinrich "Jupp" Darchinger gilt als einer der herausragenden Fotojournalisten in Deutschland. Als Starfotograf der Bonner Republik hielt Darchinger mit seiner Kamera die Geschichte des Landes fest. Er war unter anderem für den SPIEGEL und die "Zeit" tätig. Der SPIEGEL, wo er seit den sechziger Jahren rund 10.000 Aufnahmen veröffentlicht hat, nannte Darchinger "das Auge von Bonn ".

Jupp Darchinger, geboren 1925, kam als Teenager schwer verletzt in französische Kriegsgefangenschaft. Erst nach dem Krieg traute sich der als Landwirt ausgebildete Darchinger, den Beruf des "Fotojournalist" zu ergreifen - eine Bezeichnung, die er 1952 selbst wählte, da er sich mangels Ausbildung nicht Fotograf nennen durfte.

Darchinger war immer dicht an den Politikern, aber stets auch um Distanz bemüht. Ein Fotograf müsse immer Abstand wahren, dann sehe er mehr -das war sein Motto. Viele Politiker kannte er über Jahrzehnte, und sie öffneten ihm auch ihre Privaträume. So wurde er eine veritable Institution der Bonner Republik - immer angetrieben von einer sich selbst auferlegten Chronistenpflicht. Staatsbesuche, Auslandsreisen, Parteitage - wo andere Fotografen hinwollten, stand er meist schon. Sein Ziel waren keine steifen Handshake-Bilder, sondern situative, aussagekräftige Aufnahmen. Er machte etwa das berühmte Foto von Ex-Kanzler Willy Brandt, dem der - später als DDR-Spion enttarnte - Günter Guillaume ins Ohr flüstert.

"Majestät, mehr Zähne bitte!"

Er hielt fest, als Rut Brandt ihrem Mann für den Bundespresseball 1967 die weiße Smokingfliege am Hals zurechtrückte. Auch als der damalige sowjetische Parteichef Leonid Breschnew 1973 innig die Hand von Rut Brandt küsste, drückte Darchinger auf den Auslöser.

Von Helmut Schmidt allein hat er fast 40.000 Bilder gemacht. Dazu gehören auch Aufnahmen von Schmidt in seinem Ferienhaus am Brahmsee und beim Segeln. Ein exklusives Bild gelang ihm, als der damalige DDR-Staatschef Erich Honecker im Dezember 1981 vom Bahnsteig in Güstrow (Mecklenburg-Vorpommern) Schmidt ans Zugfenster noch ein Hustenbonbon zum Abschied reichte. Für dieses Bild, fotografiert auf dem Bahnhof Güstrow, hatte sich Darchinger, wie er einmal sagte, "vier Stunden lang bei Minus 15 Grad den Arsch abgefroren."

Es ging ihm um den Menschen hinter der Fassade. Dafür rückte er sich kurzerhand auch schon mal Persönlichkeiten zurecht. Vom Schah von Persien forderte er: "Majestät, mehr Zähne bitte." Beim Porträt sei er "ein schrecklicher Diktator", meinte er 2010 in einem Interview. "Wer sich nicht in meine Obhut begeben wollte, der war nicht mein Mann oder meine Frau."

Die Wende und den Umzug der Hauptstadt von Bonn nach Berlin begleitete der Fotograf noch mit, dann zog er sich allmählich aus dem aktuellen Geschäft zurück. 1997 würdigte das Rheinische Landesmuseum in Bonn den Fotografen mit einer umfangreichen Retrospektive seiner charakteristischen Schwarzweißfotos . 2008 erschien Darchingers

Josef Heinrich "Jupp" Darchinger starb bereits am Sonntag im Bonner Stadtteil Endenich. Das bestätigte sein Sohn Marc am Freitag. Am 6. August wäre er 88 Jahre alt geworden.

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