Fotograf Nadav Kander "Mein Ziel war ein genaues Bild von Obama"

Als ob er den Präsidenten gescannt hätte: Der in London lebende Fotograf Nadav Kander hatte den Auftrag, Barack Obama und sein Team zu porträtieren und ging dabei äußerst exakt vor. Seen.by sprach mit ihm über die Bedeutung von Ruhe, seine Vorbilder aus Deutschland und Blackberrys.


Frage: Wie erging es Ihnen, als Sie 2008 von der "New York Times" den Auftrag bekamen, Barack Obama und seinen Mitarbeiterstab zu porträtieren?

Kander: Ich glaube, zuerst hatte ich Angst, diese Gelegenheit zu haben und nicht das Beste hinzubekommen. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie die Bilder sein müssen, damit sie nicht zeitgebunden sind, über einen Stil, der ohne Tricks auskommt, und über Dinge von heute, die in der Fotografie- und Kunstgeschichte mit unserer Zeit verbunden wären - Kleidung etwa oder die Blackberrys, Frisuren oder Make-up. Solche Sachen sind historisch gesehen wirklich interessant. Ich stellte mir vor, was ich sähe, wenn ich in dreißig Jahren ein Album aufschlüge.

Frage: Wie sind Sie vorgegangen?

Kander: Die Aufnahmen hatte ich so entworfen, dass sie sehr wenig Erzählerisches enthielten. Ich habe versucht, die Bedeutung des Lichts zu reduzieren. Ich wollte die Personen auch nicht unnötig verherrlichen, indem ich Hollywood-Porträts machte. Mein Ziel war es, sehr genaue Bilder zu machen, die Personen zu zeigen, wie sie wirklich sind. Wenn sie dann vor mir standen, war es fast so, als ob ich sie gescannt hätte.

Frage: Was war die größte Schwierigkeit?

Kander: Schwierig ist die Mode, die heute ziemlich banal ist. Man trägt keine Hüte mehr, Schirme oder Fliegen. Die meisten tragen ähnliche Anzüge, weiße oder blaue Hemden, ähnliche Krawatten und Kleider. Die größte Herausforderung war also eine ausreichende Vielfalt in den Porträts. Ich habe daraufhin eine Entscheidung getroffen, die mit dem deutschen Fotografenehepaar Bernd und Hilla Becher zusammenhängt, mit ihrer Vorgehensweise, viele Dinge auf die gleiche Weise zu fotografieren. Das nämlich macht deren Unterschiede erst wirklich sichtbar. Es hat dazu geführt, dass ich die Personen aus ihrem üblichen Kontext von Ort und Zeit herausgelöst habe. Man sieht sie nicht in ihrem Büro, nicht vor dem Parlament oder dem Weißen Haus, sondern vor einem weißen Hintergrund, entfernt von allem, was man normalerweise mit ihnen assoziiert.

Frage: Welchen Vorteil hat das?

Kander: Ich denke, es macht die kleinsten Dinge deutlich. Die Art und Weise wie jemand dasteht, der Schnitt seines Anzugs, ob er eine Faust ballt, leicht angespannt oder auch sehr entspannt ist. Ich hatte Sorge, dass alle Fotografien viel zu ähnlich aussehen würden. Mit dieser Erinnerung ging ich kürzlich ins Kennedy Museum in Berlin, wo die 54 Porträts hängen. Sie sehen wunderbar aus, und ich bin wirklich stolz darauf.

Frage: Sind Sie als Fotograf ein distanzierter Beobachter?

Kander: Da mag etwas Wahres dran sein. Eine meiner Vorstellungen ist, ruhige Bilder zu machen, einen gewissen Abstand zu haben. Sie werden als still bezeichnet, ruhig, manchmal einsam. Aber alle diese Gefühle sind für mich mit etwas sehr Schönem verbunden.

Frage: Welche Idee steckt hinter den abstrakten Nachtfotografien aus Ihrer Serie Colour Fields?

Kander: Colour Fields ist meiner Meinung nach das Beste, was ich bisher gemacht habe. Sie sind ein gutes Beispiel für intuitives Schaffen. Ich habe damit einfach eines nachts angefangen und dann ein Jahr lang weitergemacht. Leute, mit denen ich gesprochen habe, erwähnten Künstler wie Rothko oder Kandinsky. Daher der Titel Colour Fields. Es geht um die Stilrichtung in der amerikanischen Kunst, die sich an flächigen Farben einfach erfreute. Rothko hat unter ihnen sicherlich das größte Ansehen.

Frage: Welche Gefühle verbinden Sie damit?

Kander: Ich fühle das Leben und die Ruhe. Bilder, die nach dem entscheidenden Augenblick verlangen, haben mich nie interessiert. Dafür umso mehr Bilder, die an jedem beliebigen Tag aufgenommen werden könnten oder mit einer Belichtungszeit von vier Stunden. Ich finde auch Werke interessanter, wenn ihr Künstler erkennbar ist. Der entscheidende Augenblick ist daher eher etwas, das mich von dem, was ich eigentlich sehen möchte, wegbringt. Bei den Fotografien von Colour Fields geht es auch um Zeitspannen. Sie wurden nachts aufgenommen, geben also immer eine unnatürliche Ansicht wieder. Es ist unter natürlichen Umständen niemals möglich, ein Feld wie dieses, mit diesem langsamen Übergang von der Helligkeit im Vordergrund ins Schwarze, zu sehen. In der Natur gibt es das nicht. Der Effekt wurde durch künstliches, von Menschen hergestelltes Licht hervorgerufen. Das wiederum gehört zu einer anderen Ebene dieser Arbeit. Während ich fotografierte, stand der ästhetische Gesichtspunkt weitaus mehr im Vordergrund.

Frage: Haben Sie schon vorher eine konkrete Vorstellung von Ihren Bildern oder entstehen sie spontan?

Kander: Spontan ist vielleicht nicht ganz richtig, auf jeden Fall aber intuitiv. Ich beginne normalerweise mit sehr wenig.

Frage: Aber eine Idee muss doch da sein...

Kander: Ja, vage. Wenn ich jetzt an mein nächstes Projekt denke, fange ich einfach an und probiere aus. Ich fange an und warte, was passiert. Es ist überhaupt nicht meine Art, über etwas nachzudenken und es dann auszuarbeiten. Das Schwierigste ist der Anfang.

Frage: Die Menschen auf Ihren Bildern wirken oft verloren und sehr klein in ihrer Umgebung, etwa in der Serie God's Country. Woher kommt das?

Kander: Mich erinnert das daran, dass die Menschen doch sehr klein sind und ihre Ideen sehr groß. Dass die Menschen im Vergleich zu der Größe von Natur oder Religion sehr klein sind. John Constable, John Martin oder Caspar David Friedrich hatten eine ähnliche Sicht auf das Leben. Ich setze das in meiner Arbeit sehr stark ein, in der Serie über das Leben am Yangtse sogar noch mehr.

Frage: Auch wenn Bilder menschenleer sind, so zeigen viele doch zumindest Spuren, die die Menschen hinterlassen haben...

Kander: Ich denke, das tun sie alle. Ich interessiere mich nur für Landschaften, die die menschlichen Einwirkungen zeigen, nicht für malerische Bilder schöner Landschaften.

Frage: Welchen Unterschied macht es für Sie, für einen Werbekunden zu arbeiten oder für sich selbst?

Kander: Beides ist grundverschieden, macht aber aus unterschiedlichen Gründen Spaß. Wenn ich für mich arbeite, dann ist das ein sehr einsames Geschäft. Ich bin ganz auf mich selbst bezogen und auf das, was vor mir liegt, auf meine Gedanken und Gefühle. Ich mag das Arbeiten im kommerziellen Bereich deshalb sehr, weil es hier mehr um Zusammenarbeit mit anderen Leuten und ihre Ideen geht, darum sie mit meinen zu verbinden und weiterzuentwickeln. Mir gefällt auch, dass man vielleicht im Januar etwas macht und schon im März sehen es zwei Millionen Menschen. Meine Herangehensweise ist ähnlich. Im Allgemeinen ändere ich meine Methoden nicht. Ich fotografiere einfach so gut ich kann.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


"Obama's People", Museum The Kennedys, Berlin, 20. März - 31. Oktober 2010; "Selected", Galerie Camera Work, Berlin, 20. März - 30. April 2010



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