Fotografie Im Bett mit Ali

1984 begleitete der "Stern"-Fotograf Volker Hinz den Box-Champion Muhammad Ali drei Tage lang hautnah mit seiner Kamera. Eine Auswahl der neu bearbeiteten Schwarzweiß-Bilder ist nun unter dem Titel "The Private Life of Muhammad Ali" in einer Hamburger Galerie zu sehen.

Von Patricia Batlle


Luxuskarosse: Der Box-Champion Ali fuhr am liebsten in seinem Rolls Royce Corniche
Volker Hinz

Luxuskarosse: Der Box-Champion Ali fuhr am liebsten in seinem Rolls Royce Corniche

Hamburg - Die psychologische Kriegsführung, den Gegner vorab zu zermürben, beherrschte er glänzend. Seine Kontrahenten scheiterten an seinen ansatzlos ausgeführten Hammerschlägen und seiner immer wieder veränderten Taktik. Bei einem Kampf tänzelte Muhammad Ali um sein Opfer herum, beim nächsten lehnte er fast unbeweglich an Seilen des Rings und steckte Schläge ein, bis der andere ermüdete - wie 1974 beim legendären "Rumble in the jungle" gegen George Foreman in Zaire. Dreimal konnte der einzigartige Boxer den Schwergewichts-Weltmeistertitel ergattern.

Bekannter, wenn auch nicht unbedingt beliebter wurde der Freund des Polit-Aktivisten Malcolm X für sein religiöses und soziales Engagement. Kompromisslos kämpfte der Sportler in den sechziger und siebziger Jahren für Gleichberechtigung und Selbstbewusstsein der Schwarzen. In der aufgeheizten politischen Lage in Amerika während des Vietnamkriegs verweigerte Muhammad Ali 1966 als gläubiger Muslim den Militärdienst: "Man, I ain't got no quarrel with them Vietcong", lautet das legendäre Statement des boxenden Großmauls. Dreieinhalb Jahre Berufsverbot, die Aberkennung des 1964 errungenen Weltmeistertitels, Entzug der Boxerlizenz und finanzielle Einbußen waren die drastischen Folgen seiner Rebellion.

Disziplin und Eitelkeiten: Muhammad Ali hatte immer einen Kamm dabei
Volker Hinz

Disziplin und Eitelkeiten: Muhammad Ali hatte immer einen Kamm dabei

Aufgegeben hat der charismatische Kämpfer jedoch nie. Dem "Größten", wie er sich selbst nannte, gelangen gleich mehrere Comebacks, bis sich seine schleichende Parkinson-Erkrankung immer stärker bemerkbar machte. Trotzdem zeigt sich der ehemalige Sportler bis heute selbstbewusst in der Öffentlichkeit: 1996 entzündete er das olympische Feuer in Atlanta, 1999 wurde er mit dem World Sports Award ausgezeichnet, und im vergangenen Jahr ernannte Uno-Generalsekretär Kofi Annan den 1942 in Louisville, Kentucky geborenen Boxer zum Friedensbotschafter der Vereinten Nationen.

Dem langjährigen Amerika-Korrespondenten und "Stern"-Fotografen Volker Hinz ist es zu verdanken, dass es Bild-Dokumente aus dem Privatleben und der Zeit am Ende von Alis Karriere gibt. Bilder, die die ersten Anzeichen der Krankheit ebenso wie die Disziplin des Sportlers und seine Eitelkeit zeigen: Ali hatte immer einen Kamm dabei.

"Ali war sehr verträglich", erzählt Hinz bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Hamburger Fotogalerie Aplanat, "aber immer leicht müde." 1984 war der damals 37-jährige Hinz mit dem ZDF-Sportkorrespondenten Rolf Kunkel für eine "Stern"-Reportage nach Kalifornien und Las Vegas gereist. In dem Hochglanzmagazin wurden jedoch nur wenige Bilder der insgesamt 62 von Hinz verknipsten Filme abgedruckt. Die vollständige, neu aufgearbeitete Schwarzweiß-Serie ist nun in der noch jungen Galerie in einem Hinterhof des Hamburger Schanzenviertels zu sehen.

"Ali-Blick": Den Gegner niederzustarren war nur eine der Kampftaktiken Alis
Volker Hinz

"Ali-Blick": Den Gegner niederzustarren war nur eine der Kampftaktiken Alis

Insgesamt 51 ausgestellte Fotos - der Katalog enthält noch mehr Abdrucke - zeichnen das intime Porträt eines 42 Jahre alten Mannes, der fest an die Fortsetzung seiner Karriere glaubte. Auf den grobkörnigen Aufnahmen ist unter anderem festgehalten, wie der Champion vor dem Training mit einer Schicht wasserabweisender Creme eingerieben wurde. Darüber trug er einen schwarzen Plastikanzug und schwitzte sich beim Seilspringen, mit dem Punchingball und im Sparring-Ring Pfund um Pfund ab.

Ob bei der Fahrt mit den Töchtern zum Fast-Food-Restaurant, beim Moscheebesuch oder beim Wettkampf von Boxerkollegen; beim Flirten auf dem Parkplatz oder beim Ausruhen in der prunkvoll eingerichteten Villa am Wilshire Boulevard in Los Angeles - wie ein Schatten hat Hinz den Riesen begleitet. Ausgetauscht haben sich die beiden trotz der ungezwungenen Atmosphäre jedoch kaum: "Wenn man jemandem mit der Kamera so nah auf den Leib rückt, ist es besser, sich unsichtbar zu machen und nicht das Gespräch zu suchen", sagt der Fotograf.

"Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene": Training im Joe Louis Memorial Gym
Volker Hinz

"Schweben wie ein Schmetterling, stechen wie eine Biene": Training im Joe Louis Memorial Gym

"The Private Life of Muhammad Ali" ist erst die zweite Ausstellung in den Anfang April in den 1000 Quadratmeter großen Räumen einer ehemaligen Kartonagefabrik eröffneten Aplanat-Galerie. Galerist Christian Hiltawsky freut sich sehr, Dokumente einer Persönlichkeit zu zeigen, dessen Bedeutung weit über das Sportliche hinausreicht. "Er dürfte der wohl bekannteste lebende Mensch unserer Zeit sein und dabei ist er kein Mann der Macht."

Hiltawsky lernte als Assistent bei der Fotografen-Koryphäe F.C. Gundlach, dem Begründer der zweiten Hamburger Triennale für Fotografie, in deren Rahmen die Ausstellung stattfindet. Aplanat möchte der 41-Jährige präsentieren wie New Yorker Galerien in Chelsea, wo er längere Zeit als Fotoassistent gearbeitet hat. Seine Vision vergleicht der Wahl-Hamburger mit Ausstellungen der Hamburger Deichtorhallen - "in klein und privat".

"The Private Life of Muhammad Ali": Aplanat Galerie für Fotografie, Lippmannstraße 69-71 (Hinterhof), 22769 Hamburg. Bis zum 20. Juni 2002; Dienstag bis Freitag 11-19 Uhr, am Wochenende nach Absprache.



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