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Ein Alkoholiker in Amsterdam: Zum Trinken verdammt

Foto: Jasper Juinen

Trinker-Fotografien Das erste Bier morgens Viertel vor sieben

Alkohol als Arbeitslohn: Fred Schiphorst sammelt Müll von den Straßen Amsterdams, die Stadt bezahlt ihn mit Bier und Tabak. Der Fotograf Jasper Juinen hat den Trinker begleitet - und zeigt ein Leben, das von Trauer geformt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Juinen, in "Beer For Work" porträtieren Sie den Alkoholabhängigen Fred Schiphorst. Sie zeigen, wie er sich morgens für die Arbeit fertig macht, wie er mit seinen Kumpels trinkt, und wie er mit seinem Hund in seiner verrumpelten Wohnung spielt. Wie ist Schiphorst Trinker geworden?

Zur Person

Jasper Juinen wurde 1973 in Rotterdam geboren. Mit 16 Jahren hat er die Schule abgebrochen und ließ sich bei der Nachrichtenagentur Reuters zum Fotografen ausbilden. Später arbeitete er für Getty Images, die niederländische Presseagentur ANP und für AP. Zurzeit ist er als freier Fotograf in Utrecht tätig.

Jasper Juinen: Er hat viele schlimme Dinge in seinem Leben durchgemacht. Seine erste Frau starb 1970 an einer Überdosis Drogen. Sie war schwanger. Seine zweite Frau starb an Krebs. Fred begann zu trinken. Er ließ sich dann in verschiedenen Kliniken behandeln, machte einige Therapien mit. Aber er verlor. Vermutlich kommt er aus seiner Situation nicht mehr raus. Er ist 60 Jahre alt.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit Menschen wie Fred Schiphorst um?

Jasper Juinen: Ich habe da kein Mitleid. Wenn jemandem etwas Schlimmes passiert, dann hängt es ja meist von demjenigen selbst ab, wie er damit umgeht und was aus ihm wird. Es spielen natürlich auch andere Dinge eine Rolle: Bildung, Familie, Freunde. Vermutlich auch, ob man die richtigen Entscheidungen trifft oder ob man einfach nur Glück hat.

SPIEGEL ONLINE: Fred Schiphorst nimmt an einem Programm der Stadt Amsterdam teil. Er sammelt Müll von den Straßen, die Stadt bezahlt ihn dafür mit Bier, Tabak, zehn Euro und einer Mahlzeit pro Tag. Der richtige Umgang mit Suchtkranken?

Jasper Juinen: Unbedingt. Die Teilnehmer haben einen Grund aufzustehen. Sie tun etwas Gutes für die Gesellschaft und fühlen sich gebraucht. Sie werden respektiert und sie sind stolz auf die orange-farbenen Jacken, die sie tragen. Das Programm tut auch Fred sehr gut.

SPIEGEL ONLINE: Wieso haben Sie sich entschieden, gerade ihn zu porträtieren?

Jasper Juinen: Es hat irgendwie Klick gemacht. Wir konnten uns gut miteinander unterhalten und kamen gut miteinander zurecht. Er ruft mich manchmal immer noch an. Er ist ein guter Kerl.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie sein Vertrauen gewinnen?

Jasper Juinen: Ich habe mich zu ihm an den Tisch gesetzt, meine Kamera weggelegt und ihn gefragt: "Was ist geschehen?" Ich war in erster Linie an seiner Geschichte interessiert. Außerdem habe ich auch etwas von mir erzählt. Je mehr man Leuten von sich selbst preisgibt, desto mehr verraten sie auch von sich. Und als Fred meine Tätowierung am Arm sah, sagte er: "Die ist aber klein." Und dann zeigte er mir seine Tattoos. Die gehen über den ganzen Oberkörper. Als ich morgens früh bei ihm zu Hause war, habe ich gemerkt, dass er es unbedingt vermeiden wollte, sein erstes Bier des Tages vor meinen Augen zu trinken.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das gemerkt?

Jasper Juinen: Er war ein bisschen nervös. Dann hat er mir einen Kaffee angeboten. Ich wollte aber keinen. Dann wollte er einen Kaffee trinken. Aber am Ende ging er dann zum Kühlschrank und hat ein Bier herunter gekippt. Er hat es nicht getrunken. Er hat es runter geschüttet. Das war ein typischer Morgen für ihn. Aber trotzdem zieht er jeden Tag ein weißes Hemd an, bindet sich einen Schlips um und geht zu seiner Arbeit.

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Foto: Tina Terras & Michael Walter

SPIEGEL ONLINE: Wie wohnt er?

Jasper Juinen: Seine Wohnung war sehr unordentlich. Viele Dinge haben sich auf dem Tisch im Wohnzimmer gestapelt. Es roch, als würde man morgens in einen Irish Pub reingehen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen haben Vorurteile gegen Alkoholabhängige. Sie scheinen keine zu haben. Warum?

Jasper Juinen: Ich habe immer versucht, die Menschen zu verstehen. In Madrid, wo ich zehn Jahre gelebt habe, gibt es viele Leute, die betteln. Eines Tages habe ich einen Mann gesehen, er war sehr gepflegt, aber saß auf der Straße. Ich habe mich gefragt, was wohl mit ihm passiert ist, also habe ich mich zu ihm gesetzt. Dabei habe ich gemerkt, dass mich plötzlich niemand mehr ansah. Die anderen Leute haben mich plötzlich komplett ignoriert.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlte sich das an?

Jasper Juinen: Das bringt dich echt zurück auf den Boden. Ich kann nach Hause gehen, diese Menschen können es nicht. Meine größte Angst ist es, auch mal so zu enden.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie so große Angst davor?

Jasper Juinen: Jeder macht mal schlimme Phasen in seinem Leben durch. Wir verlieren Menschen, die wir lieben. Wir lassen uns scheiden. Und irgendwann merken wir, dass wir zu viel trinken.

Die Website des Fotografen.  Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby.de 

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