Fotografin Christine Fenzl "Sie wundern sich, was die Deutsche will"

Junge Straßenfußballer aus aller Welt hat Christine Fenzl besucht, um sie zu porträtieren - ihr Projekt "Looking Forward - Streetfootball" ist preisgekrönt. Seen.by sprach mit der Fotografin über ihre Arbeit mit Nan Goldin, soziale Grenzen und das Erlernen von Toleranz.

Christine Fenzl

Frage: Frau Fenzl, Sie haben den Fotokunst-Preis der Alison-und-Peter-Klein-Stiftung für Ihr Projekt "Looking Forward - Streetfootball" bekommen. Sind Sie denn Fußballfan?

Fenzl: Nein, überhaupt nicht. Außer bei der WM interessiere ich mich nicht wirklich für Fußball.

Frage: Wie sind Sie dann gerade auf Straßenfußball gekommen?

Fenzl: Letztendlich über einen Freund. Er ist Dokumentarfilmer und hat einen Film für die Berliner Organisation Streetfootballworld gemacht, die 2006 parallel zur WM eine Straßenfußball-Weltmeisterschaft auf die Beine gestellt hat. Da haben in Berlin 24 Teams aus verschiedenen Ländern gegeneinander gespielt. Sie kamen aus Mazedonien, Israel, Palästina, Kolumbien, England, Afrika und so weiter. Parallel zum Film sollten Porträts von diesen Leuten in ihren Heimatländern entstehen. So kam ich dazu.

Frage: Wie alt sind die Kinder und Jugendlichen, die dort eingebunden sind?

Fenzl: Das geht von Fünf-, Sechsjährigen bis Mitte zwanzig.

Frage: Und was sind das für Teams?

Fenzl: Die Fußballteams sind immer an soziale Projekte gebunden. In England kümmert man sich um ehemalige Drogenabhängige und Obdachlose, die man über den Fußball zu resozialisieren versucht. In Mazedonien geht es darum, dass die Kinder nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien über den Fußball lernen, tolerant zu sein. Der Sport dient also dazu, zwischen den dort lebenden Griechen, Mazedoniern, Kosovo-Albanern, Sinti und Roma eine gemeinsame Sprache herzustellen. Der Prozess ist wirklich schwierig, aber zumindest wird es versucht. In Kenia geht es eher um das große Müllproblem, um Aids- und Gesundheitsvorsorge. Dort ist es mittlerweile so, dass viele Kinder und Jugendliche, die früher in den Slums groß geworden sind, jetzt die Organisation leiten. Sie kennen das Umfeld und die Problematiken genau und wissen, damit umzugehen. In Brasilien wiederum geht es um Gewaltfreiheit.

Frage: Ist Ihr Porträt-Projekt denn abgeschlossen?

Fenzl: Nein, ich habe bis jetzt in vier Regionen gearbeitet und würde es gerne später fortsetzen. Es gibt zum Beispiel eine Organisation in Kambodscha, die sich dafür einsetzt, minenfreie Gebiete zu schaffen, damit die Kinder dort spielen können. Das Prinzip ist immer, dass eine soziale Aufgabe an den Fußball gekoppelt ist. Die Kinder und Jugendlichen kommen in eine Gemeinschaft, haben dann aber gleichzeitig Verpflichtungen. Ich denke, das Gefühl, sich für etwas einzusetzen, macht dann auch die Stärke dieser Jugendlichen aus. Sie merken, sie können etwas an ihren eigenen Lebensumständen verändern.

Frage: Was ist Ihr Anliegen?

Fenzl: Es geht mir darum zu zeigen, welche anderen Lebensumstände und Schwierigkeiten die Leute zu bewältigen haben. Man kann durch meine Porträts eine gewisse Nähe zu ihnen erfahren. Die Leute, die ich herausgreife, sehe ich als eine Art Stellvertreter für ihre Gruppe. Ich stelle sie heraus, setze aber gleichzeitig das Umfeld als Motiv daneben, so dass man sich die Bezüge selbst schaffen kann.

Frage: Wie hat sich Ihre Art zu fotografieren herausgebildet?

Fenzl: Nach der Fotoschule war ich in New York, um herauszufinden, in welche Richtung ich mich eigentlich bewegen will. Ich habe dort bei mehreren Fotografen gearbeitet. Als ich dann nach Berlin zurück gekommen bin, habe ich Nan Goldin assistiert und sehr viel bei ihr gelernt.

Frage: Was haben Sie damals für sie gemacht?

Fenzl: So ziemlich alles. Sie hatte damals ein Stipendium für zwei Jahre. Ich habe für sie übersetzt, mit ihr Bilder ausgesucht, Diashows zusammengestellt, mit Galerien und Museen verhandelt. Ich habe sie beim Fotografieren begleitet, als sie zum Beispiel ein Projekt mit Nobuyoshi Araki in Tokio hatte. Nach dieser Zeit habe ich ihr noch einige Male assistiert und ihre Ausstellungen mit vorbereitet.

Frage: Würden Sie Ihre Streetfootball-Arbeiten der Porträt- oder der Dokumentarfotografie zuordnen?

Fenzl: Ich versuche, mit den Porträts den Leuten so nah wie möglich zu kommen und parallel ihre Umgebung zu zeigen. Einerseits sind die Bilder also dokumentarisch, ich manipuliere nicht, und sie halten einen bestimmten Zeitpunkt fest. Andererseits sind die Porträts aber zeitlos. Man kann die Fotografien also nicht nur dem einen oder anderen zuordnen, sie sind beides gleichermaßen - wobei es mir mehr um das Porträt geht.

Frage: Wie haben die Kinder auf Sie reagiert?

Fenzl: Die sind natürlich erstmal neugierig und wundern sich darüber, was eine Deutsche bei ihnen will. Dann sind sie aber auch wahnsinnig stolz darauf, dass jemand von außen kommt, sie häufiger besucht, Interesse an ihnen zeigt und über sie berichtet. Sie hatten Vertrauen zu mir, waren sehr offen. Ich habe dann auch versucht, allen hinterher einen Abzug dazulassen, worüber sie sich sehr gefreut haben.

Frage: Wie passt das zu Ihren anderen Arbeiten?

Fenzl: Was ich mache, hat oft mit sozialen Grenzen zu tun. Deshalb sind es meistens auch Kinder oder Jugendliche, die bei meinen Projekten eine Rolle spielen. Bei ihnen sieht man, woher die Gesellschaft kommt und wohin sie sich bewegt. Sie sind wie ein Spiegel. In den Gesichtern der Heranwachsenden, in ihrer Ausstrahlung sieht man die Lebensumstände, die sie geprägt haben und mit denen sie konfrontiert sind.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


Projekt Streetfootball: www.christinefenzl.net

Andere Arbeiten: foto.christinefenzl.com

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