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06. Oktober 2009, 08:51 Uhr

Fotografin Nan Goldin

Ein Tagebuch sexueller Abhängigkeit

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Nan Goldin gilt als eine der verstörendsten Fotografinnen der Welt. Lange Zeit war es recht still um sie, nun ist sie zurück: In Berlin zeigt die Amerikanerin Bilder von Transsexuellen, Drag Queens und Transvestiten.

Eine Ausstellung mit Fotografien von Nan Goldin gab es lange nicht zu sehen. Gehört hat man auch wenig von ihr, außer, dass bei Christie's in Paris ein "Kabinett von Nan Goldin" versteigert wurde: eine vornehme Bezeichnung für ihre Sammlung mit ausgestopften Tieren, originellen Flohmarktmöbeln, religiösen Devotionalien und einem schwarzen Holzdildo - alles Erinnerungsstücke, von denen sie sich ungern getrennt haben soll.

Seit ein paar Jahren lebt Goldin in Paris, und dort sagte sie vor ein paar Monaten der "Zeit" in einem Interview, dass sie "im Moment in einer Krise" sei, weil sie nicht viel fotografiere, denn sie sehe "wenig, was schön genug ist, um fotografiert zu werden". Das klingt befremdlich aus dem Mund der 1953 geborenen amerikanischen Fotografin, denn mit dem Wort "schön" würde wohl kaum jemand ihre alten, großartigen Bildserien beschreiben. Bewegend, aufrüttelnd, brutal, verstörend, ehrlich, vielleicht auch zärtlich - aber schön?

Leben auf der Überholspur

Für Goldin waren sie "schön", ihre Freunde, mit denen sie zusammenlebte, die ihr in den siebziger und achtziger Jahren die Familie ersetzten und die sie fotografiert hat. Ein Leben auf der Überholspur, zu dem Drogen, Sex, problematische Beziehungen und Exzesse gehörten, Abhängigkeit, Einsamkeit, Aids und Tod. Und Verletzung und Gewalt, körperlich und seelisch. Aber es war ein Leben mit Freunden, die sich nicht der Vorstellung eines amerikanischen Traums vom Glück anpassen wollten, sondern nach einem anderen Glück suchten, nach Liebe, Lust, Identität jenseits der biologischen Festlegung und nach Vertrauen und Geborgenheit jenseits restriktiver Moralvorstellungen.

Als ein "öffentliches Tagebuch" hat Goldin ihre Fotografien bezeichnet. Festgehalten hat sie ihr eigenes und das Leben der Freunde, um sich später zu erinnern, hat Goldin gesagt. Und weil sie dachte, dass sie "niemals einen Menschen verlieren könnte", wenn sie ihn nur oft genug fotografieren würde.

Nach einem Song aus Brechts Dreigroschenoper hat Goldin ihre Serie "The Ballad of Sexual Dependency" genannt, die sie bis heute als 45-minütige Dia-Schau mit rund 700 Bildern zeigt, an jedem Ort verändert und mit Songs unterlegt. Ihre "Ballade von der sexuellen Abhängigkeit" ist nicht voyeuristisch und nicht für Voyeure gemacht. "Meine Fotos entstehen aus Beziehungen, nicht aus Beobachtungen." Sie habe niemals etwas fotografiert, was sie nicht auch selbst getan und erlebt habe.

Selbstporträt mit blauem Auge

"Ich strukturiere mein Werk entlang wichtiger Ereignisse in meinem Leben. Es gab Risse, die mir heute als unkittbare Brüche erscheinen. Nachdem ich zusammengeschlagen worden war, teilte ich alles in ein Vorher und ein Nachher ein", hat Goldin gesagt und damit auf ihr wohl bekanntestes Foto der Serie von 1984 angespielt, das sie selbst zeigt, schwer verprügelt von ihrem Freund Brian. Mit geschwollenen, blau geschlagenen Augen schaut sie in die Kamera. Dieses Foto ist gleichzeitig das Vorher, das zum Beispiel aus "Nan and Brian in Bed" bestand, und es ist das Dokument der Erkenntnis ihrer Abhängigkeit und der daraus folgenden Trennung von Brian.

Neben acht "Grids", das sind große Fotocollagen, wird Goldin vier Dia-Schauen in Berlin bei C/O zeigen: "The Ballad of Sexual Dependency", "All By Myself" und "The Other Side" mit Bildern von Transsexuellen, Drag Queens und Transvestiten sowie "Heartbeat" von 2003, eine Projektion mit 245 Diapositiven.

Die hatte sie zuerst in der Matthew Marks Gallery in New York gezeigt, und Frances Richard schrieb damals im "Art Forum" einen Verriss: "... But here, she has stepped outside, or isolated, or maybe gotten bored with herself... In fact, ,Heartbeat' describes an emptiness, as if the artist had made a mental note - ,try to shoot happiness' - but found her heart wasn't in it. Taken together, the work looks like an elaborate spread in a lifestyle magazine for the arty Ph.D. Ex-Junkie who's gotten married, has a kid, and lives in Europe. It's Harlequin romance for people who read Gide and Genet."

Besonders der letzte Satz ist wieder und wieder abgeschrieben und auf neuere Arbeiten von Goldin angewandt worden - meist klingt es hämisch, als ob man sich freut, dass so ein skandalöses Leben, wie Goldin und ihre Freunde es geführt haben, eben nicht möglich ist in unserer Welt, in der viele Leute eine lebenslange "Harlekin-Romanze" in abgesicherten Reservaten spielen.

Schade, dass Goldin eine neue Serie, die C/O angekündigt hatte, nun doch nicht zeigt. Man würde gern ihren Blick auf eine Welt sehen, die mit Photoshop glattgebügelt ist, durch die digitale Fotografie austauschbar und in Bildarchiven bestellbar.

Und ganz nebenbei: Vor fünfunddreißig Jahren waren ihre Fotos nicht nur ein "persönliches Tagebuch", in deren Mittelpunkt die Fotografin und ihre Freunde standen, sondern es war auch eine Chronik der kulturellen, sozialen und sexuellen Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft. Wie sehr würde man sich eine solche Chronik heute wünschen - vom Sarkozy-Paris und vom Merkel-Westerwelle-Deutschland.


Ausstellung Nan Goldin. Poste Restante. Slide Shows / Grids. Berlin. C/O Berlin, 10.10. bis 6.12., Eröffnung 9.10.2009, 19 Uhr.
Lecture von Nan Goldin am 10.10., 16 Uhr.
Gleichzeitig im selben Haus die Ausstellung: Robert Frank. Die Filme.

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