Fotokünstler Hunstein So zuckersüß kann Verdrängen sein

Auschwitz? Nie gehört. Aber wir reisen bald nach Rimini! Das etwa war die Gemütslage der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Der Künstler Stefan Hunstein hat sich diese Ära jetzt vorgeknöpft - und der Postkartenidylle von damals einen verstörenden neuen Anstrich verpasst.

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Fotoserie "Schön war's": Alles so hässlich bunt hier

Die westdeutsche Nachkriegsära hat kulturell einen miesen Ruf: In den Fünfzigern blühte unterm Nierentischchen die Bigotterie, und die Kinogänger verkrochen sich in seelenwärmende Tannenhöhlen ("Der Förster vom Silberwald") oder schauten Dick, Dalli und Angela dabei zu, wie sie im Akkord von Pony zu Pony hüpften ("Die Mädels vom Immenhof"). In den Sechzigern reiste der Wirtschaftswunderländler dann nach Rimini oder zumindest in den Schwarzwald. Und wer dafür kein Geld hatte, guckte halt Heinz Erhardt beim Radeln oder Wandern zu. Als piefig und vor allem eskapistisch gelten die "langen Fünfziger", diese ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte; und zwar vor allem deswegen, so die populäre These, weil die Deutschen die Schuld von Auschwitz nicht schultern wollten.

Die Stichwörter lauten: verdrängen, vergessen, verschweigen.

Stimmt schon, aber nicht so ganz. Massenkulturell war nicht nur der regressive Reflex der Heimatfilme en vogue, sondern ein - genauso selbstvergessenes - Schreiten nach vorne; Erich Kästner prägte den schönen Begriff vom "motorisierten Biedermeier" für die Ära, der Historiker Axel Schildt schrieb akademisch nüchterner von "Modernisierung im Wiederaufbau".

Denn so eifrig die Deutschen aufrechten Förstern und reitenden Backfischen zuschauten, so sehr stürzten sie sich blindwütig in den Konsum, auf neue Statussymbole wie Motorroller, Autos und Fernsehgeräte oder berauschten sich an Wirtschaftswunder-Symbolbauten wie etwa der Anfang der Sechziger erbauten Berliner Philharmonie. Diese idyllisierende und fortschrittsversessene, immer aber doppelbödige Mentalität der Ära verbildlicht jetzt ein kleines, feines Projekt von Stefan Hunstein. Der deutsche Künstler und Schauspieler hat Ansichtskärtchen der Fünfziger und Sechziger gesammelt und sie für seine Serie "Schön war's" auf stark verfremdende Weise nachkoloriert.

Hunstein, Jahrgang 1957, ist Wiederholungstäter im besten Sinne. Als bildender Künstler wie als Schauspieler und Regisseur hat er sich wiederholt mit dem Nationalsozialismus befasst, ohne in moralinsaure Dozierkunst zu verfallen. Er verlas die "Liebesbriefe an Adolf Hitler" oder "Gesetze und Erlasse aus dem Reichsgesetzblatt des Jahres 1934", inszenierte das Theaterstück "Ein Monat in Dachau" nach Vladimir Sorokins fiktivem KZ-Tagebuch und legte schließlich eine Serie mit privaten Fotografien aus den Dreißigern vor, die er in ähnlicher Weise bearbeitet hatte wie die Postkarten in seiner neuen Arbeit.

Psychogramm einer Gesellschaft

Die Ansichtskarte ist ja ein Spiegelbild eigener Sehnsüchte, sie zeigt nie, was ist, sondern was sein soll: Warum sonst verschicken junge Männerbanden von Malle oder Ibiza gerne mal Karten mit barbusigen Damen im Sand, auf denen steht: "Geil hier!"? Weil's natürlich geil sein soll.

Und so zeigt eben auch Hunsteins Kartensammlung das Psychogramm einer Gesellschaft mit all ihren Wünschen und Träumen. Ein Vater, der auf einer Bank vor seiner kleinen Doppelhaushälfte sitzt, davor eine Wandererstatue aus Holz: My Home is my Reihenhaus. Eine Ansicht von Garmisch-Patenkirchen, im Hintergrund das Alpenpanorama, vorne das Olympia-Stadion mit Skisprungschanze: Modernismus mit natürlichem Antlitz. Campingplatz-Rummel auf Norderney: Ein Volk im Reiserausch. Mit dem Kleinwagen zum Angeln: Motorisierte Romantik.

Hätte Hunsteins die Karten nicht verfremdet, sie wären kaum mehr als possierlich wirkende Zeitdokumente. Doch ihre Kraft entfalten die Bilder dank der vollkommen unnatürlichen Nachkoloration mit allzu kräftigen, teilweise unpassenden Farben, mit einer malerischen Anmutung, die den meisten Sujets nicht angemessen ist. Ein simpler, aber doch sehr effektiver Kniff mit verblüffender Wirkung.

Denn plötzlich locken uns all diese kleinen Wünsche und Träume wie vollkommen überzuckerte und grell glasierte Torten, von denen man eigentlich weiß: zu süß und künstlich, um wirklich gesund zu sein.

So ähnlich war das ja auch mit dem Vergessenwollen nach dem Krieg.


Stefan Hunstein, "Schön war's", Hatje Canz Verlag, 35 Euro; Ausstellung in der Villa Merkel, Esslingen, 28. März bis 6. Juni 2010.



insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
newright 05.02.2010
1. Puh
Meinen die Leute nicht das es irgendwann zu einer Abstumpfung führt, wenn man dieses Thema immer und immer wieder in irgendeiner anderen künsterlerischen Form aufarbeitet? Oder hängt es daran das es einen Markt dafür gibt. Stellt sich die Frage ob ein solcher Markt moralisch ist.
Shimodax, 05.02.2010
2. Ich brauch nen Therapeuten ...
Ich brauch nen Therapeuten, ich bin ja sowaas von verstört. Diese Karten und die Einleitung des Artikels sind ja sowas von 1968...
Kindacool, 05.02.2010
3. auch noch
...und verar... wird man auch noch: Das (letzte) Bild vom Pinneberger Bahnhof zeigt Mercedes W115 ("Strich Achter"). Dieses Fahrzeug erschien 1968, bis es so verbreitet war, daß drei von 4 Taxen W115er waren dürfte es bald 1970 gewesen sein. Was der Zeitraum 1968 (ausgerechnet!) und folgende allerdings noch mit dem Thema dieses "Kunstwerks" zu tun haben, bedarf vielleicht noch der Erklärung... P.S. Auch die Bildunterschrift zu Bild 5 offenbart putziges Unwissen des zuständigen Redakteurs. Zu sehen ist ein Opel Rekord. Wer sich den in den 50er leisten konnte, der mußte schon mehr sein als einfacher Sachbearbeiter. Das war, in Zeiten wo es bei den meisten mit Ach und Krach für ein Motorrad reichte, mehr als gehobene Mittelklasse - vom hämisch getitleten "schicken, neuen 'Kleinwagen'" kann also höchstens die Rede sein, wenn man die aktuelle C-Klasse genauso bezeichnen möchte !
simpelkopp, 05.02.2010
4. Postkarten
Zitat von sysopAuschwitz? Nie gehört. Aber wir reisen bald nach Rimini! Das etwa war die Gemütslage der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Der Künstler Stefan Hunstein hat sich diese Ära jetzt vorgeknöpft - und der Postkartenidylle von damals einen verstörenden neuen Anstrich verpasst. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,674536,00.html
Farben schoen nachgearbeitet zur Verkitschung und zum Laecherlichmachen der Spiesser. Und Auschwitz koennen wir da auch hereinbringen ... Bloeder geht's nimmer.
maxweber 05.02.2010
5. Was wäre denn die Alternative?
Was empfiehlt denn Herr Hunstein als Postkarten-Motive: Leichenberge in Auschwitz? Das ist doch eine absurde Debatte. Unsere Eltern und Großeltern haben schreckliche Dinge erlebt. Ich finde es mehr als verständlich, dass sie danach von dem ganzen Schrecken erstmal nichts mehr wissen wollten und versuchten, ihr "kleines Glück" zu finden. Diesen natürlichen und verständlichen Reflex ständig als vorsätzliche Verdrängung oder gar Leugnung zu diffamieren, geht mir schon lange auf den Geist.
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