Fotokünstler Jeff Wall "Meine Arbeiten sind klein und schmutzig"

Wenn Jeff Wall mit seinen Fotos nicht zufrieden ist, bearbeitet er sie gern nach - auch wenn sie längst im Museumsbesitz sind. Der kanadische Fotograf kann sich solche Freiheiten nehmen: Seit 30 Jahren liefert er Bilder von Weltrang.

Ein Interview von


Jeff Walls Fotos glimmen wie Standbilder von Filmen. Die von hinten beleuchteten Großbild-Dias sind meist sorgfältig arrangierte, oft auch mit Schauspielern inszenierte Tableaus. Etliche sind zu ikonischen Rätselbildern geworden: der "Thinker" etwa, dem ein Dolch im Rücken steckt, oder der "Doorpusher", der sich mit seltsam zarter Gestik an einer Hintertür zu schaffen macht. Mit diesen Leuchtkastenbildern hat Jeff Wall seit den späten siebziger Jahren wesentlich dazu beigetragen, die Fotografie in der Kunst zu etablieren. Die Pinakothek der Moderne zeigt jetzt eine Werkschau mit Arbeiten nur aus Münchner Besitz.

SPIEGEL ONLINE: Mister Wall, wie kommt es, dass sich mehr als 20 von Ihren nur 166 Arbeiten in Münchner Sammlungen befinden?

Wall: Meine erste Ausstellung in Deutschland war Teil der Kölner Schau "Westkunst" 1981. Ein Freund hat damals die Verbindung zu dem Galeristen Rüdiger Schöttle hergestellt. Ab Mitte der achtziger Jahre hat Schöttle meine Arbeiten in München gezeigt. Er hat sehr viele Bilder verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Alle hier gezeigten Arbeiten sind vor dem Jahr 2000 entstanden.

Wall: Damals wurden meine Arbeiten sehr viel teurer. Vielleicht ist das ein Grund. Viele Sammler sind nicht wirklich reich. Als sie sich in den achtziger und neunziger Jahren in die Bilder verguckten, konnten sie sich die Arbeiten leisten. Wenn ein Künstler teurer wird, landen seine Arbeiten oft nicht mehr bei den Menschen, zu denen sie am besten passen.

SPIEGEL ONLINE: Das Bild "An Eviction" haben Sie nachträglich verbessert. Weshalb?

Wall: Es entstand 1988, als eine digitale Bearbeitung noch nicht möglich war. Weil es eine Zwangsräumung mit vielen Details zeigt, war es schwer, den richtigen Moment zu erwischen. Auf allen Aufnahmen stimmte irgendwas nicht. Für eine Ausstellung in Paris musste ich mich für eine Version entscheiden. 2004 aber war die Computertechnik so weit: Auf anderen Aufnahmen von der Räumung hatte ich bessere Motive, und so habe ich einiges ausgetauscht.

SPIEGEL ONLINE: Was genau?

Wall: Der Mann mit seinen beiden Kindern und dem weißen Auto passte viel besser als die Frau, die dort vorher stand. Ich habe auch das Sonnenlicht eingefügt, das sich im Hintergrund auf einem Auto bricht. Und den Mann links, der zwischen den Ästen kaum zu sehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Pinakothek der Moderne reagiert, der das Bild damals schon gehörte?

Wall: Sie war ein wenig geschockt. Die alte Version aber ist noch in ihrem Besitz. Es ist nicht mehr die Arbeit, aber ein historisches Faktum. Generell können sich meine Arbeiten verändern, solange ich lebe. Ich würde gern noch ein, zwei andere Bilder korrigieren. Mir fehlt dafür aber das fotografische Material.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor einigen Jahren aufgehört, mit Großbild-Dias in Leuchtkästen zu arbeiten.

Wall: Einstweilen. Nicht für immer. Ich fand es ermüdend, dass sie sich so ähnlich waren. Dazu habe ich in den neunziger Jahren angefangen, Schwarzweißfotos zu machen und zu drucken. Und die Tintenstrahl-Printer wurden so gut, dass ich jetzt auch großformatige, farbige Drucke mache.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben sich Ihre Arbeiten inhaltlich verändert?

Wall: Meine früheren sehen dramatischer und manieristischer aus. Meine neueren wirken naturalistischer und dokumentarischer. Ich würde gern wieder eine sehr artifizielle Arbeit machen, wenn der richtige Einfall kommt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Galerist Schöttle zeigt Ihre Arbeiten gerade zusammen mit Werken von Andreas Gursky. Ist das sinnvoll?

Wall: Andreas und ich sind Freunde, auch wenn wir uns nicht viel sehen. Er hat mehrmals öffentlich gesagt, dass er mag, was ich mache - und das haben nicht viele Fotokünstler getan. Und ich mag seine Arbeiten, seit ich sie in den Achtzigern erstmals gesehen habe. Wir beide haben die Veränderungen des Mediums Fotografie zur selben Zeit mitgemacht.

SPIEGEL ONLINE: Atmosphärisch aber unterscheiden sich Ihre Bilder sehr.

Wall: Ja, meine Sichtweise ist bodenständiger. Andreas würde so etwas wohl nicht machen.

Wall zeigt auf den stroh- und mistbedeckten Stallboden des "Donkey".

Wall: Er sieht die Dinge mit viel mehr Distanz. Meine Arbeiten sind klein und langsam und schmutzig. Dagegen sind die Gurskys von mehr Begeisterung für Räume getragen, sie sind viel abenteuerfreudiger. In meinen dagegen ist immer irgendwas kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Steckt im Kaputten ein pessimistischer Blick auf die Geschichte?

Wall: Ein Bild kann etwas zeigen, aber nicht wirklich etwas definieren. Bei der "Eviction" werden Leute aus ihrem Haus geworfen. Warum? Vielleicht ist es der böse Vermieter. Vielleicht aber sollten sie aus dem Haus geworfen werden, weil sie zu laut Musik hören und unangenehme Nachbarn sind. Ein Bild kann das nur vermitteln, wenn jemand die Story aufschreibt und so Fakten schafft. Ich radiere aber fast alle Fakten aus und deute nur einen Satz an: "Die Zwangsräumung fand an einem Nachmittag statt." Früher habe ich das tatsächlich als einen Kommentar zum Zustand der Gesellschaft verstanden. Aber da bin ich nicht mehr so sicher.


Jeff Wall: 7. November 2013 bis 9. März 2014 in der Pinakothek der Moderne, München.



insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Walter Sobchak 07.11.2013
1.
Mir geht die Besonderheit der hier gezeigten Fotos ab. Was uebersehe ich?
schlawiano 07.11.2013
2. Ich verstehe nicht,
was an den Arbeiten besonderes sein soll. Vll. bin ich einfach nur blind. Ein bisschen Diagonale, Schnitt korrigiert... es gibt sicher etliche andere Künstler mit interessanteren Bildern
cor 07.11.2013
3. Naja
Reisst mich nun nicht vom Hocker.
rosenscholz 07.11.2013
4. Langweilig
Die Fotos von Jeff Wall sind strunzlangweilig. Das ist also Kunst? Aha! Sowas kann man auch selber fotografieren und sich an die Wand hängen. Spart jede Menge Geld.
thelix 07.11.2013
5.
Schöner Artikel! Aber eine Frage habe ich: WARUM werden in den SpOn-Bilderstrecken NIEMALS die im zugehörigen Artikel besprochenen Bilder gezeigt?? Ehrlich, dieses Kuriosum fasziniert mich seit Jaaahren...! ^^ Es gab hier schon so viele Portraits und Interviews bekannter (und unbekannter) Künstler, die sich teilweise en détail zu ihren Arbeiten auslassen, und noch bevor ich die Fotostrecke anklicke, WEISS ich, daß die erwähnten (und meist auch sehr spannend klingenden) Bilder NICHT zu sehen sein werden... Es ist keine Kritik, es ist einfach nur seltsam...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.