Fotokunst von Vanessa Beecroft Wer schön sein muss, der leidet auch

"VB 08-36" lautet der Titel des Fotobandes, der zum ersten Mal die Körper-Kompositionen von Vanessa Beecroft dokumentiert.

Von Wiebke Brauer


Das Guggenheim-Museum vor zwei Jahren: Zwanzig makellose Models stehen mitten im Raum, nackt bis auf einen Bikini von Gucci oder mit transparentem Körper-Make-up bedeckt. In ihrer Blöße waren sie den Blicken der Betrachter ausgeliefert - Und nach zweieinhalb Stunden taten den Mädchen die Füße weh und sie waren verfroren. Von Vanessa Beecroft wurde ihre bis dahin teuerste Performance "Show" genannt, und in ihrem Band "VB 08-36" sind die Beecroftschen Inszenierungen erstmalig auf Papier gebannt.

Vanessa Beecroft, die sich auch eine Zeitlang nach Farben ernährte, weil sie annahm, rote oder gelbe Früchte würden "unmittelbar auf ihren Körper wirken", wurde 1969 in Genua geboren. Sie wuchs bei ihrer italienischen Mutter in der Nähe des Gardasees auf und lebt seit 1993 in New York. Ihre Ausstellungen liefen, außer in den USA, in Japan, Frankreich oder auch in Deutschland. 1997 war sie mit ihren Arbeiten auf der Biennale in Venedig zu sehen.

Ihre Kunstwerke baut sie nach immer den gleichen Regeln auf. So lässt die Künstlerin ihre Modelle nach einer strengen Choreografie auftreten. Sie dürfen auf keinen Fall sprechen, nicht in Echtzeit reagieren und sich nicht zu schnell oder zu langsam bewegen. Außerdem dürfen sie sich nicht ansehen. Können sie die möglichst lang angehaltene Pose partout nicht mehr ertragen, ist es ihnen gestattet, sich im Schneckentempo auf den Boden zu setzen. Klassisch sollen sie sein. "Die Girls sind meine Werkszeuge", sagt die Künstlerin, die mit den weiblichen Objekten "ihre Bilder komponiert". Beecroft greift damit auf die Tradition des "tableau vivant" aus dem 18. Und 19. Jahrhundert zurück, bei der in höfischen Kreisen Werke aus Malerei und Plastik durch regungslose Personen nachgestellt wurden.

Performance im Museum of Contemporary Art, Sydney, 1999
DPA

Performance im Museum of Contemporary Art, Sydney, 1999

In "VB 08-36" ist der Titel schon Programm. Ihre Modelle sind uniformiert, die Identität ist ihnen genommen. Dabei verwendet Beecroft unterschiedliche Stilmittel, um eine Normierung zu inszenieren. Von der Army-Kappe über schrillgelbe Perücken und storchenrote Strumpfhosen bis hin zu den hochhackigen Schuhen. Dabei handelt es sich nicht um Bekleidung, im Gegenteil: Die Accessoires unterstreichen die Blöße der Objekte, setzen sie in einen kulturellen Rahmen.

Zugegebenermaßen ist die Idee, nackte Frauen in Pumps abzulichten, nicht wirklich neu. Helmut Newton stellte schon vor zwanzig Jahren seine "Big Nudes" vor, mit dem Schuhwerk der männlichen Phantasie und stellte damit die Frage, inwieweit sich der Betrachter selbst entblößt, wenn er auf Nacktheit starrt. Dieser Themenkomplex ist auch Gegenstand von Beecrofts Werk. So werden ihre arrangierten Idealkörper zu leeren und gleichförmig-anonymen Gefäßen, die mit dem Begehren des Betrachter gefüllt werden können.

"Die wahre Schönheit der Frauen ist bisher weder in der Mode noch in der Kunst deutlich geworden", sagt die Künstlerin - bietet jedoch selbst in ihren Körper-Kompositionen weder eine Lösung an, noch lehnt sie sich dagegen auf. Im Gegenteil, gerade im Vergleich mit Helmut Newtons Grazien wirken Beecrofts Schönheitsstudien besonders hohl. Denn Newtons Nackte blicken aus dem Rahmen zurück oder demonstrativ ignorant am Betrachter vorbei. Mit dem Effekt, dass der sich seiner Rolle als Voyeur bewusst, beim Anstarren ertappt wird.

Körper-Kunst von Beecroft: "Die Girls sind meine Werkzeuge"

Körper-Kunst von Beecroft: "Die Girls sind meine Werkzeuge"

Beecrofts Damen sind dagegen blicklos. So, wie ihnen aufgetragen wurde, ihre Leidensgenossinnen nicht zu mustern, darf ihnen auch der Blick des Fremden nichts gelten. In ihrer ausgelieferten Objekthaftigkeit und ihrer fehlenden Wahrnehmung sich und anderen gegenüber sollen sie als Vorwurf verstanden werden - Im Prinzip aber stehen sie, leicht karikiert, nicht anders da als das von Beecroft bemängelte Frauenbild in Mode und Kunst. Und insofern stellen die nach der traditionellen Kunstform des "tableau vivant" ausgestellten Grazien genau das Credo dar, welches schon von Generationen rollenbewusster Großmütter weitergegeben wurde: Wer schön sein will, muss leiden.

Vanessa Beecroft: "VB 08-36 - Vanessa Beecroft Performances". Cantz Verlag, Stuttgart; 68 Mark



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