Fotopreis für Richard Avedon "Man muss fühlen, was man sieht"

Helmut Newton hat in Berlin Konkurrenz bekommen: Für sein Lebenswerk wird der amerikanische Starfotograf Richard Avedon mit dem ersten "Berlin Photography Prize" ausgezeichnet.

Von Harriet Dreier


Avedon wirkt bescheiden: Im schlichten dunkelblauen Pullover sitzt der grauhaarige, schmale Mann bei der Pressekonferenz im Berliner "Four Seasons Hotel" und versteckt sich hinter seiner dicken Hornbrille vor den Fotografen. Nur sein Namensschild weist ihn als den prominenten Ehrengast aus, der die von der DG Bank vergebene und mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung "Berlin Photography Prize" erhält. Dabei posierten vor Avedons Kamera die Schönen und Reichen ganz Amerikas: Models für "Harper's Bazaar" und "Vogue" porträtierte er genauso wie US-Prominenz von Marilyn Monroe über Andy Warhol bis hin zu verschiedenen Präsidenten.

Avedon ist mehr als ein Modephotograf - er ist auch ein Kronzeuge der Geschichte der Vereinigten Staaten, der auch die Schattenseiten des amerikanischen Traumes ablichtete: Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre fotografierte er Landstreicher, Strafgefangene und Kriegsopfer in Vietnam. Doch der Fotograf bleibt bescheiden: "Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich durch die Linse meiner Kamera gucke oder mit bloßem Auge. Man muss fühlen, was man sieht, das ist entscheidend. Das Fotografieren geschieht bei mir ganz automatisch, so als wäre die Kamera ein Teil meines Körpers."

Kronzeuge der amerikanischen Geschichte: Avedon-Porträt von Caroline Kennedy mit Bruder John F. Jr.
AP Photo/ White House, Richard Avedon

Kronzeuge der amerikanischen Geschichte: Avedon-Porträt von Caroline Kennedy mit Bruder John F. Jr.

Seit Jahrzehnten setzt der heute 77-Jährige fotografische Meilensteine - seine Bilder prägten das kollektive Gedächtnis des 20. Jahrhunderts, urteilte die Jury des "Berlin Photography Prize", der künftig jährlich für herausragende Leistungen zur internationalen Förderung der Fotografie verliehen werden soll. Angesichts des vielen Lobes erklärte der Starfotograf ein wenig verlegen: "Ich bin daran gewöhnt auf der anderen Seite der Kamera zu stehen. Jetzt werde ich ständig fotografiert - und weil ich Angst hatte einzufrieren, habe ich mir Notizen gemacht." Und dann liest er von seinem Blatt ab: "Die Fotografie unterscheidet sich von jeder anderen Kunstform. Sie tötet den Moment, während sie ihn festhält. Ich erinnere nicht den Tag, an dem ich zum Beispiel Samuel Beckett aufgenommen habe. Aber sein Bild ist immer präsent. Wenn ich meine Porträts im Museum sehe, scheinen sie mit mir wenig zu tun zu haben. Sie haben ein Eigenleben, treten dem Betrachter entgegen. Sie sind Beispiele für das Wunder und den Terror, die die Fotografie bestimmen."

Avedon, 1923 in New York geboren, gilt in der Modefotografie als bahnbrechend. Er beendete die Ära steifer Kleiderpuppen. Wie ein Filmregisseur schuf er Szenen, in denen Models agieren wie Schauspieler. "Ich habe die Frauen beobachtet, wie sie durch die Straßen liefen - das wollte ich in die Fotografie bringen." Avedon habe seit den vierziger Jahren maßgeblich dazu beigetragen, aus der Modefotografie eine Kunstform zu machen, urteilte Manfred Heiting, Projektleiter des Deutschen Centrums für Photographie.

Ende der fünfziger Jahre änderte Avedon seinen Stil. Nicht mehr im Freien, sondern im Studio vor nackter, weißer Leinwand posieren jetzt seine Models. "Mich hat die fragile Natur der Schönheit gereizt - herauszufinden was hinter einem hübschen Gesicht ist", so der Amerikaner. Doch was ist das Geheimnis seiner intimen Portraits? "Ich behandle Prominente genauso wie alle anderen Leute. Ich versuche eine Bindung aufzubauen zu den Personen, die ich porträtiere. Ich verwickele mein Gegenüber in Gespräche - so entstehen Bilder von großer Nähe." Bloße Landschaften interessieren den Fotografen nicht: "Mit Bäumen kann ich nicht reden."

Der Preisträger brachte auch ein Geschenk mit nach Berlin: Eine Auswahl aus einer Porträtserie von seinem sterbenden Vater geht an das Deutsche Centrum für Photographie. "Es ist meine intimste Arbeit. Normalerweise steht ein Model nur fünfzehn Minuten vor meiner Kamera. Dann ist es vorbei, und es bleibt nur das Bild. Von meinen Vater habe ich über sieben Jahre hinweg wieder und wieder Aufnahmen gemacht."



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