Fotoprojekt "Ein Tag Deutschland" Die ganze Republik im Blick

Was kann an einem Freitag im Mai so spannend sein, dass 432 Fotografen in alle Ecken der Bundesrepublik zum Einsatz ausströmen? Alles. Und nichts. Ein spektakuläres Fotoprojekt dokumentiert den deutschen Alltag an einem stinknormalen Tag im Frühling.

Gerald Sagorski

Wo waren Sie am Freitag, dem 7. Mai 2010? Was haben Sie an diesem Tag gemacht? Eine Antwort auf diese Frage wissen wohl nur diejenigen, die an diesem Tag ihren Geburtstag gefeiert oder geheiratet haben. Vielleicht stand an diesem Tag für manche auch eine wichtige Prüfung an. Oder es war eben einfach nur einer dieser Freitage.

Im Großen und Ganzen jedenfalls war der 7. Mai 2010 ein ganz gewöhnlicher Tag. Mit der Ausnahme, dass sich 432 Fotografen vorgenommen hatten, sich in der gesamten Bundesrepublik zu verteilen, Ausschau nach für das Land repräsentativen Motiven zu halten und eine fotografische Momentaufnahme der Nation zu produzieren.

"Ein Tag Deutschland" heißt das Projekt von FreeLens, einem Verband der Fotojournalisten, der es sich zum Ziel gemacht hat, abseits der Medienberichterstattung zu zeigen, wie es in Deutschland "wirklich" aussieht. In der Zeit von 0:01 bis 23:59 Uhr verteilten sich die Fotografen in allen Regionen Deutschlands, um ungefähr 600 verschiedene Themen zu bearbeiten.

Herausgekommen ist eine Bestandsaufnahme über den Alltag der Deutschen in Form eines 640 Seiten dicken Bildbands. Er zeigt eindrucksvoll authentisch die Kontraste der Gesellschaft: Vom Gefangenen in der Vollzugsanstalt bis zum Bundespräsidenten im Privatjet, von der Großraumdisco zum Bauernhof, von den Alpen bis zur Nordsee. Es gibt kaum einen Bereich, den die Fotografen nicht abgedeckt haben. Mit "Ein Tag Deutschland" ist ein Gesellschaftsporträt entstanden, das wahrscheinlich mehr über die Bundesrepublik aussagt als so manches Geschichtsbuch.

So stellte sich im Rahmen des Projekts dann doch heraus, dass der 7. Mai 2010 doch ein ziemlich bedeutungsvoller, wenn nicht historischer Tag war. Zum Beispiel für die deutsche Eishockeymannschaft, die an diesem Tag das Auftaktspiel der Weltmeisterschaft 2010 gegen die USA gewann. Und auch im Deutschen Bundestag fand ein historisches Ereignis statt: Nie zuvor wurde ein Beschluss so schnell und einstimmig gefasst wie bei der Abstimmung über die Milliardenhilfe für Griechenland.

Doch besonders die weniger populären Ereignisse waren an jenem Tag für die Fotografen wichtig. Für viele Kinder der Krebsstation an der Uni-Klinik Gießen zum Beispiel war dieser Freitag ein hoffnungsvoller Tag. Sie unterzogen sich einer Tomografie und hofften auf bessere Untersuchungsergebnisse und schnelle Genesung. Und für die Marinesoldaten des Unterseebootes U17 und deren Angehörige hätte es wohl kein glücklicherer Tag sein können: Nach vier Monaten Einsatz vor der Küste des Libanon kehrten sie zurück nach Hause.

Die Mitglieder von FreeLens möchten mit dem Projekt auch ein Zeichen für ihre Berufsgruppe setzen. Der Verband erklärt auf seiner Website, die Medienbranche befinde sich in einem historischen Strukturwandel, der die Arbeitsbedingungen der Fotografen nachhaltig verändere. Es passiere immer häufiger, dass Zeitungen und Magazine, um Kosten zu sparen, auf PR-Material und Digitalfotos von Amateuren zurückgreifen. "Ein Tag Deutschland" soll die gesellschaftliche Relevanz hochwertiger Bilder unterstreichen und den Beweis antreten, dass ein gutes Foto auch eines besonderen Blickes bedarf.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
achwas35 21.09.2010
1. sehenswert
die vorgestellten 20 Photos sind absolut sehenswert - das mit den ToiToi-Häuschen gefällt mir am besten.
lalito 21.09.2010
2. klare Ansage
Zitat von sysopWas kann an einem Freitag im Mai so spannend sein, dass 432 Fotografen in alle Ecken der Bundesrepublik zum Einsatz ausströmen? Alles. Und Nichts. Ein spektakuläres Fotoprojekt dokumentiert den deutschen Alltag an einem stinknormalen Tag im Frühling. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,718025,00.html
Jap, gut geworben für ein sicherlich schönes und aussagekräftiges Bildbändchen. Den besonders versierten Blick gibt's also nur zu kaufen.
lalito 21.09.2010
3. jo
Zitat von achwas35die vorgestellten 20 Photos sind absolut sehenswert - das mit den ToiToi-Häuschen gefällt mir am besten.
Gut angefüttert;-)) Sind wirklich besondere Bilder dabei, macht Lust auf mehr.
Zapallar 21.09.2010
4. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Augenscheinlich scheint die Identitätskrise und Selbstfindung des Deutschen Volkes so weit fortgeschritten zu sein, daß man über "spektakuläre Photos" und Projekte wie "24h Berlin" die Identität in der Masse aus der Summe der Einzelnen sucht. 24h berlin und dieses Photobuch sind wunderschön gemachte Kunstprojekte, chapeau dafür, aber das Ganze ist in meinen Augen vielmehr ein sehnsüchtiger Ausdruck einer Deutschen Selbstfindung.
daniel79 21.09.2010
5. ...
Zitat von achwas35die vorgestellten 20 Photos sind absolut sehenswert - das mit den ToiToi-Häuschen gefällt mir am besten.
Und ich wollte gerade fragen, auf welchem dieser 22 bilder man den Profi erkennen können soll. Ich finde keins davon wirklich so klasse, dass man einen Unterschied zwischen Profi und Amateur sehen könnte. Klar gibt es Bilder von Profis, wo man einfach denkt "wow". Aber nicht jeder "Profi" hat das drauf. Und ich würde einfach mal behaupten, dass von diesen 400, die da ausgesandt wurden, maximal 5 das Prädikat Profi aufgrund ihrer aussergewöhnlichen Bilder verdienen. Wie viele andere Berufe auch, wird sich der Beruf des Profi-Fotografen wandeln. Da müssen die Jungs wohl oder übel durch. Danach bleiben dann nur noch die übrigen, deren Job Amateure nicht machen wollen. Zum Beispiel Kriegsberichterstatter.
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