Fotoprojekt zum 11. September Terror im Gesicht

Wie haben New Yorker die Zeit des Terrors erlebt? Der deutsche Fotograf Christoph Klauke war gerade nach New York gezogen, als sich die Anschläge ereigneten. In einer Porträtserie zeigt er, wie sich die Gefühle dieser schrecklichen Zeit im Gesicht einer einzigen Frau spiegeln.

Christoph Klauke

Im Sommer 2001 zog ich von London nach New York. Da ich in den USA Fotografie studiert und meine Assistenzjahre verbracht hatte, erschien mir der Umzug als kein größeres Unterfangen. In den heißen Augustwochen wohnte ich zunächst bei Freunden in Soho, am 10. September zog ich endlich in meine eigene Wohnung in Harlem ein. Dann kam alles anders als geplant.

Die folgenden Tage waren von Isolation geprägt. Die U-Bahnen fuhren nicht, die Lebensmittelgeschäfte waren fast vollständig leergekauft, die Geldautomaten wurden nicht wieder aufgefüllt. Kaum in New York angekommen, musste ich eine grundsätzliche Entscheidung treffen: entweder raus aus der Stadt und zurück nach Europa. Oder bleiben mit dem Wissen, dass es als Neuankömmling in einer so extremen Zeit kaum Aufträge geben würde.

Ich beschloss zu bleiben und solange es ging, meinen eigenen Porträtprojekten nachzugehen. Als die Subway wieder fuhr, ging meine erste Fahrt Richtung Downtown bis zum Union Square. In einem Eckhaus an der 17. Straße hatte ich einige Jahre zuvor ein winziges Atelier gehabt, hoch oben, mit purem Nordlicht und einem beruhigenden Blick auf die Spitze des Empire State Buildings. Der einstige doorman war nun Manager des Hauses und verschaffte mir innerhalb kurzer Zeit wieder ein Atelier dort, nur diesmal noch kleiner.

Was ich dort arbeiten würde, wusste ich sofort: Ich wollte eine Art visuelles Tagebuch über diese besondere Zeit erstellen, in einer Bildsprache, die mir die liebste ist: in Porträts mit einer großen Kamera, in diesem Fall einer alten Deardorff Holzkamera im 8x10-Zoll-Bildformat. Außerdem war mir klar, dass ich diese Porträtserie am liebsten mit einer einzigen Person statt mit mehreren machen wollte. Diese Person fand ich mit Corinne Dollé.

Corinne lernte ich zufällig über einen gemeinsamen Freund kennen. Sie lebte damals bereits einige Jahre in der Stadt. Ihr Gesicht erinnerte mich an eine Figur von Modigliani. Man ist gezwungen, einige Male hinzuschauen, weil es unmöglich ist, ein solches Gesicht mit einem Blick zu lesen.

Obwohl wir uns kaum kannten, verpflichtete sich Corinne zu täglichen Atelierbesuchen bei mir. Jedes Mal sollte ein neues Porträt entstehen, ohne Vorgeschichte, monatelang. Für Corinne und mich waren die täglichen Treffen im Studio oft unsere einzigen Verpflichtungen. Das gab uns eine Art Struktur und Sinn in dem Vakuum der Verständnislosigkeit, das diese Stadt ausfüllte.

Jetzt, zum zehnten Jahrestag der Anschläge, veröffentliche ich die Porträtserie zum ersten Mal. Auf 28 chronologisch geordnete Bilder habe ich sie kondensiert. Was mir die Arbeit bedeutet und was die Bilder für mich zeigen, möchte ich ungern in Worte fassen. Nur so viel: Auch nach einem Jahrzehnt sind die Bilder für mich genauso aktuell wie damals. Die Emotionen darin empfinde ich heute sogar als noch universeller, und das obwohl die Serie zeitlich und örtlich klar definiert ist. Corinne ist für mich durch die Kamera zum Medium geworden, das allgegenwärtige Emotionen erlebt und sichtbar macht.

Für die schamlose Offenheit und emotionale Transparenz bin ich ihr dankbar.

Christoph Klauke, Jahrgang 1964, wurde in Meschede, Nordrhein-Westfalen, geboren. Er studierte Fotografie am Brooks Institute of Photography in Santa Barbara, Kalifornen. Nach dem Studium arbeitete er zunächst bei Irving Penn, danach assistierte er bei Richard Avedon. Heute lebt und arbeitet er in London. Sein Fotoband "The 28 Faces of Corinne Dollé" erscheint in einer signierten und nummerierten Edition von 250 Exemplaren bei ArtData.co.uk (orders@artdata.co.uk).



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rgom 04.09.2011
1. 3. April 2003
Zitat von sysopWie haben New Yorker die Zeit des Terrors erlebt? Der deutsche Fotograf Christoph Klauke war gerade nach New York gezogen, als sich die Anschläge ereigneten. In einer aufwühlenden Porträtserie zeigt er, wie sich die Gefühle dieser schrecklichen Zeit im Gesicht einer einzigen Frau spiegeln. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,783265,00.html
Kann leider bei den Portraits keinen Bezug zum 11. September feststellen. Könnten genauso gut vom 3.April bis 4. Mai 2003 aufgenommern worden sein. Würde sagen, das Projekt ist gescheitert, weil es nicht reicht wenn alleine der Künstler die Bilder mit dem 11. September verbindet.
Zyklotron, 04.09.2011
2. Zu sehen...
ist eigentlich nichts.
hdudeck 04.09.2011
3. Sorry, aber
ich habe mich durch alle 28 Bilder gequaelt. Dieses Gesicht zeigt absolut keine Emotion und ist total leer. Jedes Photo gleicht dem vorhergehenden. Ich lebe auch in NYC, bin durch 9/11 gegangen und bin auch (nebenbei) Photograph auf Semi-Professionellen Niveau (meine Bilder werden in Magazinen veroeffentlicht) Ich muss sagen, ich habe nach 9/11 ganz andere Gesichter gesehen, voll Emotionen, Verzweiflung, Hoffnung, Trauer. Dieses Gesicht spiegelt nichts was die Leute in NYC gefuehlt haben.
Silver_Future 04.09.2011
4. voll daneben
Äh, was spiegelt sich bitte in deren Gesicht? Wäre nicht der kommentierende Text dabei, könnte es genauso gut eine Kampagne von Brigitte "Ohne Models" sein, eine Kundenbefragung mit Fotodokumentation zum Thema: "meine Lätta" oder ein Lehrstück für Visagisten: "wie wenig Makeup darf gerade noch sein".... Aber 9/11, nicht wirklich. Nur im Geiste des subjektiv Geschriebenen nachvollziehbar. Bitte: nicht alles muss nun zum Jahrestag gehypt werden, weil der Rest schon zu bekannt ist...
Strai 04.09.2011
5. Satire?
Ein völlig ausdrucksloses Gesicht, wieder und wieder. Das soll eine "aufwühlenden Porträtserie" sein? Oder ist der Artikel vielleicht Satire? Anders wäre auch schwer zu erklären, wie solch ein Beitrag es auf Spiegel Online schafft.
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