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22. März 2015, 17:21 Uhr

Private Handybilder

"Wir waren jung und tagelang im Auto eingesperrt"

Ein Interview von

Viele von uns haben unzählige Fotos auf dem Handy gespeichert - und eines davon ist das wichtigste. In der Reihe "Eins aus tausend" erzählen Menschen die Geschichte ihres Lieblingsbildes. Dieses Mal: ein Roadtrip mit dem besten Freund.

SPIEGEL ONLINE: Herr Fisher, haben Sie auf Ihrem Handy ein Bild, das Ihnen etwas bedeutet?

Fisher: Klar, ich muss es nur finden. Es ist merkwürdig, die meisten Fotos habe ich gemacht und dann nie wieder angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin lachen Sie viel, während Sie Ihr Fotoalbum durchsuchen.

Fisher: Das ist wirklich schön. Ich sehe hier gerade die letzten paar Jahre im Schnelldurchlauf, und sie waren viel besser, als ich dachte. Manche Bilder machen mich aber auch traurig, zum Beispiel von Menschen, die ich gar nicht mehr sehe.

SPIEGEL ONLINE: Welches Foto ist Ihnen am wichtigsten?

Fisher: Das hier.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beifahrersitz?

Fisher: Mit einem "Hooters"-Magazin, Kleingeld und Twinkies-Riegel! Das perfekte Stillleben.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist das für Sie perfekt?

Fisher: Ich habe mit meinem besten Freund Gavin vor drei Jahren eine Reise durch die USA gemacht. Wir kennen uns seit 20 Jahren und haben schon mit 14 von einem Roadtrip geträumt. Dann heiratete eine gemeinsame Freundin in Denver. Wir haben spontan beschlossen, ihre Einladung anzunehmen und sind nach der Hochzeit mit dem Auto bis nach New Orleans gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Das auf dem Sitz ist aber nicht die Ausrüstung für die Hochzeit, oder?

Fisher: Oh nein, aber Gavin und ich wollten in den USA unbedingt alles machen, was besonders amerikanisch ist. Also haben wir uns ein weißes Mustang Cabriolet gemietet, mit diesen braunen Sitzen. In der Filmreihe "Stirb langsam" isst der Polizist immer Twinkies, deshalb haben wir das Zeug ebenfalls gegessen. Es ist ziemlich eklig, aber wir haben das voll durchgezogen.

SPIEGEL ONLINE: Was noch?

Fisher: Ich sollte das nicht sagen, aber ich hatte fast durchgängig ein Hawaii-Hemd an, und wir trugen Cowboyhüte. Auf dem Armaturenbrett stand außerdem ein Hula Girl, das wir in Colorado gekauft haben. So eine kleine Plastikfigur, die beim Fahren mit den Hüften wackelt. Wir haben sie Lola getauft.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie waren offensichtlich bei "Hooters", einer Fast-Food-Kette, die für ihre leicht bekleideten Kellnerinnen bekannt ist.

Fisher: Das Bild nahm ich kurz vor Lafayette bei dem Halt an einer Tankstelle auf. Gavin war ausgestiegen, um zu bezahlen und suchte nach seinem Geldbeutel. Er schmiss dabei alles, was er an sich trug, auf den Sitz. Wir haben generell nicht viel geplant, und da die Ladenkette "Hooters" wirklich im Zentrum von jeder Stadt und sehr amerikanisch ist, gingen wir da regelmäßig hin, aßen Chicken Wings und nutzten das kostenlose Internet, um Hotels zu buchen.

SPIEGEL ONLINE: Ich wusste gar nicht, dass es dort zum Essen ein Magazin gibt.

Fisher: Das muss man extra kaufen, aber wir machten das natürlich. Ach, ich bin mir sicher, keiner wird uns verurteilen. Wir waren jung, beste Freunde und tagelang zusammen im Auto eingesperrt. Ich frage mich, ob Gavin das Heft hat. Ich habe es nicht. Aber ich merke jetzt: Ich will es haben!

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie die Zeit mit Ihrem Freund?

Fisher: Auf jeden Fall, man ist oft zu sehr im Alltag eingebunden und sieht sich viel zu selten. Das gilt auch für andere Freunde. Dabei bleiben solche Erinnerungen für immer. Dieser Urlaub hat wirklich Spaß gemacht. Und es ist lustig, dass ausgerechnet das Foto, bei dem nichts gestellt ist, mich am meisten an diese Zeit erinnert. Sobald ich es mir ansehe, muss ich lachen. Ach, jetzt werde ich ganz pathetisch.

SPIEGEL ONLINE: Woran denken Sie?

Fisher: Es ist so toll zu fotografieren, aber mit einem Handy in der Tasche wird man faul. Früher hatte ich immer eine Diana Kamera dabei. Die war aus Plastik, und ich habe viele besondere Bilder damit gemacht. Ich muss mir wieder mehr Mühe geben.

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