Jungsein in Europa Feiern trotz Finanzkrise

Gibt es das - ein Lebensgefühl der europäischen Jugend? Im Fotoprojekt "Sea Change" suchen Fotografen aus 13 Ländern danach.

Jocelyn Bain Hogg/VII/Sea Change

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Porträts von Jugendlichen sind besonders reizvoll für Fotografen, weil sich die seelische Unabgeschlossenheit in dieser speziellen Lebensphase zwischen Kindes- und Erwachsenenalter so gut in Szene setzen lässt. Unvergessen etwa Larry Clarks berühmte Fotoserie "Tulsa", für die der spätere "Kids"-Regisseur Heranwachsende aus der amerikanischen Provinz Anfang der Siebzigerjahre zwischen Langeweile und Drogenkonsum abbildete; immer am Abgrund, gleichsam bedürftig und verletzlich.

Für den Fotoband "Sea Change" wollen Fotografen aus 13 europäischen Ländern mit Bildstrecken und Kurztexten die Ästhetik des Jungseins in einen noch größeren sozial-historischen Kontext setzen: In Deutschland, Griechenland, Rumänien und weiteren europäischen Ländern machten sie sich auf die Suche nach den Bildern, die das Lebensgefühl europäischer Jugendlicher in Zeiten der Finanzkrise einfangen.

"Bekomme ich einen Job?"

Im Englischen steht der Ausdruck "Sea Change" nicht nur für einen Wandel der Gezeiten, sondern auch für die tiefgreifende innere Veränderung einer Person. "Über den ganzen Kontinent verteilt müssen sich Jugendliche mit den gleichen Fragen auseinandersetzen", schreibt der Journalist Harald Birkevold im Vorwort des Bandes. "Bekomme ich einen Job? Kann ich eine Familie finanzieren?" Und an anderer Stelle: "Unser Ziel ist es, dass aus einem Bildermosaik zusammen ein größerer Gesamteindruck entsteht."

Das gelingt so nicht. Der rund 260 Seiten starke Bildband zeigt vielmehr, dass es kaum möglich ist, eine allgemeine - also letztlich überindividuelle - Verortung eines Jugendgefühls zu leisten und die Heranwachsenden gleichzeitig auch individuell als Summe ihrer historischen Lebensumstände zu betrachten, vor allem weil sich die Finanzkrise ja in jedem Land und jeder sozialen Schicht mit ganz unterschiedlicher Wucht niederschlägt. Wer will ernsthaft die Lebenssituation eines Heranwachsenden in Griechenland, wo die Jugendarbeitslosenquote zwischenzeitlich auf über 60 Prozent stieg, mit der eines jungen Deutschen vergleichen?

Konkret spiegelt sich dieses Scheitern darin, dass sich die Fotografen nur auf ein Jugendgefühl einigen können, das auf bereits bekannte, aber nicht aktuell politische Bilder von Adoleszenz zurückgreift: Das Spiel mit Identitäten von Cosplay-Spielern inklusive Manga-Frisuren und Kostümen findet sich etwa in Bildern aus Norwegen, aber auch in Deutschland und Rumänien; Graffiti-Sprayer gibt es in Rumänien, Irland und Island. Auch junge Eltern und Misswahlen gehören zu den wiederkehrenden Motiven - und natürlich die Party als Standardsituation der Pubertät per se: In einem Foto von Joanna Demarco drängen sich junge Malteserinnen in knappen Shorts vor den Toilettenspiegeln eines Clubs, für Norwegen fängt Fotografin Marie von Krogh einen intimen Moment ein, als ein Freund den anderen nach einem Alkoholexzess pflegt, für Deutschland fotografiert Fabian Weiß junge Berliner bei einer Goa-Party in Friedrichshain.

Ein loses Puzzle von Lebensrealitäten

Erst wenn man den Band nicht auf einen roten Faden durchleuchtet, sondern als loses Puzzle von Lebensrealitäten begreift, zeigen sich die unterschiedlichen Qualitäten der 13 Blickwinkel. Manchen Fotografen gelingt es, in Einzelporträts eine Bildsprache zu entwickeln, die das Jungsein auf eine ähnlich berührende Art wie Clark in Szene setzt:

Der britische Fotograf Jocelyn Bain Hogg porträtiert eine mehrfach missbrauchte, schwangere 16-Jährige mit einer beeindruckenden Intimität; in ihrem sommersprossigen Gesicht spiegeln sich Trotz und Verletzung gleichermaßen. Und sein Porträt eines 22-Jährigen aus einer Sozialwohnung in Exeter lässt den Betrachter auf eine Art nicht mehr los, die sprachlich kaum greifbar ist - man weiß nur, dass dem jungen Mann schon viel zu viel zugestoßen ist.

Spannend ist auch, welcher Fotograf ganz bewusst nicht das Jungsein, sondern den sozialhistorischen Kontext in den Vordergrund rückt. Bestes Beispiel, natürlich, liefert das krisengebeutelte Griechenland: Fotograf Yannis Kontos zeigt junge Griechen, die bei Demonstrationen in Athen Molotowcocktails auf Polizisten werfen; nach Zusammenstößen mit blutigem Gesicht auf der Straße hocken; drei Brüder, alle arbeitslos, die sich eine heruntergekommene Wohnung teilen.

Dass er dazwischen ziemlich plakativ das fette Feiern von jungen Bikinifrauen auf der Luxusinsel Mykonos einstreut, sei verziehen. Denn seine restlichen Bilder erzählen eindrücklich davon, dass auch das Recht auf eine jugendliche Befindlichkeit verschwindet, wenn die Umstände andere, überlebenswichtigere Rollen erfordern: Während etwa Jocelyn Bain Hogg in seinen Porträts Gesichtsausdrücke mit Bedacht aufblättert, geht Yannis Kontos diese Ruhe ab; bei ihm rücken Körper und damit Taten in den Vordergrund. Er zeigt letztlich nicht Jugendliche, sondern Aktivisten, die sich wehren, die hoffen, die verzweifeln.

Die Täter bleiben unsichtbar

Zu den dunkelsten Abgründen Europas aber dringen selbst diese Bilder nicht vor. Das liegt vor allem daran, dass sich die Fotografen - auch über das Thema Finanzkrise hinaus - häufig mit augenscheinlichen Opfern solidarisieren: Für die norwegische Reihe porträtiert etwa Marie von Krogh eine alleinerziehende 22-jährige Litauerin, die sich von ihrem prügelnden Alkoholikerehemann scheiden ließ; im Vorwort erzählt Harald Birkevold von einem Asyl suchenden Afghanen, dem Neonazis bei einem Überfall die Nase brachen.

Die Täter selbst bleiben aber unsichtbar; man kann auch sagen, unverstanden. Der Gedanke, dass sich auch Täter als Opfer der eigenen Gesellschaft entpuppen können, ist einer, der schwer zu ertragen ist. Aber auch den griechischen Neonazi hat Europa hervorgebracht.

Vom 4. März bis 30. April zeigt das "Literarische Colloquium Berlin" die Bilder aus dem Projekt "Sea Change" in einer Ausstellung.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
diefetteberta 26.02.2015
1. Nichts Neues
Nichts Neues, solch eine Arbeit wurde schon vor zwei Jahren realisiert: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fotoserie-griechenlands-junge-gesichter-der-krise-a-881896.html
killing joke 26.02.2015
2. Stereotype
"Der Fotograf Pep Bonet setzt eine junge Spanierin in Szene. "Ich hatte die Stereotpye über Spanien so satt", sagt Bonet." Fotografen die Nackedeis und Busis in Edelporno-Ästhetik ablichten und das "frech" oder "mutig" oder "unkonventionell" finden, sind selbst die hohlsten Stereotype aus der Selbstvermarktungs- und Aufmerksamkeitsökonomie.
praesidente 26.02.2015
3. Normaler Zustand
Ich hatte vor ein paar Monaten beruflich einen Dialog mit einem Serben. Während des Krieges haben die jungen Leute in Belgrad Parties "gefeiert", um den Wahnsinn zu überstehen. Aber für die Älteren war die Zeit extrem hart.
johnnytango 26.02.2015
4. Ich glaube nicht, dass sich alle
Jugendlichen von heute fragen: "Bekomme ich einen Job?". Sondern eher: "Was sollen wir in dieser Welt bloß anfangen, die uns in diesem Zustand überlassen wird?". Das man da nur noch saufen gehen mag, kann ich durchaus verstehen.
themistokles 26.02.2015
5.
Zitat von johnnytangoJugendlichen von heute fragen: "Bekomme ich einen Job?". Sondern eher: "Was sollen wir in dieser Welt bloß anfangen, die uns in diesem Zustand überlassen wird?". Das man da nur noch saufen gehen mag, kann ich durchaus verstehen.
Ich glaube viel eher, viele Jugendliche fragen heute gar nicht mehr sondern feiern lieber Partys und ergötzen sich in der heute allseits vorgelebten Egomanie. Nicht alle, aber viele.
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