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Mongolei: "Einzige Chance, zu überleben"

Foto: Sven Zellner/Focus

Fotoserie aus der Mongolei Wo Reiche noch so richtig protzen

Champagner für 18.000 Dollar, ein aus Korea eingeflogenes Abendessen, gekaufte Uni-Abschlüsse: Sven Zellner hat in der Mongolei die Protzerei der Neureichen fotografiert - und wie Obdachlose in der Kanalisation leben.

SPIEGEL ONLINE: Herr Zellner, Sie haben in der Mongolei nach Reichtum gesucht. Wo haben Sie ihn gefunden?

Zellner: In Ulan Bator. Die Hauptstadt des Landes hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Der Verkehr hat zugenommen. Aber es fahren nicht nur viel mehr Menschen Auto, sondern sie fahren auch teure Autos. Und überall werden neue Hochhäuser gebaut.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Menschen reich geworden?

Zellner: Nach dem Rückzug der Sowjets Anfang der Neunzigerjahre wurde die Mongolei politisch unabhängig, staatliches Eigentum wurde privatisiert, und ein kleiner Kreis aus Privilegierten teilte es unter sich auf. Die mongolische Oberschicht kannte sich gut mit den Bodenschätzen aus und sicherte sich die Bergbaulizenzen, lange bevor die Rohstoffpreise anstiegen und der Boom in der Mongolei begann.

SPIEGEL ONLINE: Viele der Menschen sind sehr schnell zu Reichtum gekommen. Wie gehen sie damit um?

Zellner: Durch den Rohstoffboom ist die Wirtschaft sehr schnell gewachsen. Der Kapitalismus schlägt voll ein und die Leute wissen gar nicht, was da passiert. Früher gab es in Ulan Bator kaum Autos, innerhalb weniger Jahrzehnte ist der Verkehr geradezu explodiert. Es war eine unbeschreiblich schnelle Entwicklung vom Nomadenreich zur Metropole. Deswegen haben die Menschen oft kein Bewusstsein für die Probleme. Sie denken, Stau sei normal. Die Menschen stehen sogar lieber zwei, drei Stunden in ihrem teuren Auto im Stau als zu Fuß zu gehen und schneller anzukommen.

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SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie an die Reichen herangekommen?

Zellner: Ich kannte niemanden, der Geld hatte, deswegen habe ich erst versucht, Leute auf der Straße zu fotografieren. Da hatte ich beim mongolischen Arbeitsminister Glück: Er hat sich vor dem Parlament in einem Fahrzeug präsentiert, das mongolische Ingenieure gebaut hatten. Aber viele der Reichen wollen keine Aufmerksamkeit. Sie protzen nur unter sich, aber nicht gegenüber Fremden.

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Foto: seen.by

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie dann gemacht?

Zellner: Ich hatte vom Velvet Club gehört, dem offenbar exklusivsten Klub von Ulan Bator, in dem es Champagner für 18.000 Dollar gibt. Man durfte dort aber nicht fotografieren, als ich es doch einmal versuchte, bin ich rausgeworfen worden. Einmal wurde ich von einem Bodyguard durchsucht, und dann drohte mir mal jemand, dass ich niemals wieder in die Mongolei einreisen dürfe, wenn ich mit meinen Projekt weitermache.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es dann geschafft, in den Klubs zu fotografieren?

Zellner: Ich hatte vorher mit einem der Besitzer des Velvet Clubs gesprochen und eine Foto-Erlaubnis bekommen. Aber ich dufte nur fotografieren, wenn die Gäste damit einverstanden waren. Aber kaum hatte sich der Klub gefüllt, musste ich die Kamera abgeben, weil sich angeblich ein mongolischer Abgeordneter über sie beschwerte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es weiter?

Zellner: Ein junger Mongole hat mich dabei beobachtet, wie ich versuchte, zu fotografieren. Er hat gelacht und sich über mich lustig gemacht. Er war umgeben von Models, trug einen maßgeschneiderten Anzug und zeigte mir stolz seine goldene Uhr mit einer Gravur der mongolischen Flagge. Auf dem Ärmel seines Hemdes war sein Name eingestickt. Wir haben erst zusammen Wodka getrunken, dann nahm er mich in einen anderen Klub mit, wo er mit Models eigene Shows veranstaltet. Dort durfte ich schließlich fotografieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie präsentieren sich die Reichen in der Mongolei noch?

Zellner: Sie legen wert auf Marken und Autos. Sie prahlen damit, zum Shoppen nach Shanghai zu fliegen. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass jemand das Abendessen mit dem Helikopter aus Korea einfliegen lässt. Und die Reichen geben damit an, dass sie nicht studieren mussten, weil sie sich ihr Diplom gekauft haben. Ich glaube, viele sind auf der Suche nach Identität, sie orientieren sich am Westen, an Korea oder Japan und dem Reichtum, den es dort gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie leben die Armen in der Mongolei?

Zellner: Zwei Drittel der Bevölkerung lebt in den Jurtenvierteln, die die Stadt umgeben. Jede Jurte hat ihren eigenen Ofen, jeder heizt mit Kohle. Dadurch hat Ulan Bator auch so eine hohe Luftverschmutzung. Das Leben ist vergleichsweise ärmlich dort. Es gibt keine Asphaltstraßen und kein fließend Wasser. Wohnungen werden immer teurer in der Stadt. Die ganz Armen sind obdachlos, wohnen in der Kanalisation und leben von Essensresten aus dem Müll.

SPIEGEL ONLINE: Warum in der Kanalisation?

Zellner: Sie leben da, um den Winter zu überstehen. Bei bis zu 40 Grad unter Null ist das ihre einzige Chance, zu überleben. Ich habe zwei Männer, die da unten wohnen, auf der Straße getroffen. Als sie meine Kamera sahen, waren sie ziemlich aggressiv. Ich habe mich dann vorgestellt, ihnen die Hand geschüttelt. Das hatten sie nicht erwartet. Sie hatten dann nicht mehr das Gefühl, dass ich auf sie herab gucke. Sie fragten mich, ob ich mit zu ihnen nach Hause kommen würde. Dann sind wir zu ihrem Kanaldeckel gegangen und zusammen herunter gestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es dort unten?

Zellner: Es war dunkel und von den Fernwärmerohren, die dort unten verlaufen, sehr warm. Vermoderte Matratzen lagen herum, eine verbrannte Matratze lehnte an der Wand. Die Wände waren schwarz. Eine Ecke, die am weitesten von den Schlafplätzen entfernt war, diente als Toilette. Einer der Männer war seit Langem arbeitslos. Früher war er ein Taekwondo-Champion. Er war traurig darüber, was aus ihm geworden war, und wusste nicht, was er den ganzen Tag machen sollte. Er sagte, er wühle nun eben im Müll und hoffe, nicht verrückt zu werden.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby .

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