Vorwürfe der sexuellen Belästigung Fox News stürzt seinen Gründer

Donald Trump und Fox News - das war in den vergangenen Monaten ein perfektes konservativ-schrilles Paar. Doch jetzt soll der Gründer des Senders Roger Ailes rausfliegen. Ist das das Ende von Fox News?

Roger Ailes mit seiner Frau Elizabeth Tilson
AFP

Roger Ailes mit seiner Frau Elizabeth Tilson

Aus Cleveland berichtet


Der TV-Sender Fox News hat beim Republikaner-Parteitag einen Logenplatz. Hoch über der Bühne thronen die Stars des erfolgreichsten US-Networks auf ihrer eigenen Bühne und kommentieren die Polit-Show. Eine Show, die sie selbst mit ermöglicht haben - und der sie wiederum ihre Quoten verdanken.

Am Mittwoch ist die Skybox von Fox News hier in der Quicken Loans Arena abgeriegelt wie eine Militärbasis. Abends rauscht Topmoderatorin Megyn Kelly an, in einem schulterfreien Kleid, von Sicherheitsbeamten flankiert. "Megyn!", brüllen ein paar Fans. Kelly ignoriert sie und eilt in die Garderobe.

Auch anderswo sind die Fox-News-Anchorleute auffallend zugeknöpft. Bret Baier etwa posiert im Gang für Fotos, flüchtet aber vor der ersten Frage.

Denn eine der pikantesten Storys dieses Tages findet diesmal nicht im Parteitagsplenum statt - sondern hinter den Kulissen von Fox News selbst.

Es geht um Roger Ailes, den gefürchteten Gründer des Senders - und einflussreichsten TV-Macher Amerikas: 21st Century Fox, der Mutterkonzern des Kabelkanals, soll kurz davor stehen, Ailes, 76, wegen eines Skandals zu feuern - was Fox News in eine zutiefst ungewisse Zukunft stürzen dürfte.

Der rechte Propagandasender und die Republikaner sind eng verwoben. Wie eng, zeigt sich nun hier in Cleveland: Da wollten diese beiden Säulen des modernen US-Konservatismus gemeinsam ihren Präsidentschaftskandidaten Donald Trump feiern - doch schlittern stattdessen in hausgemachte Existenzkrisen.

Eine kaum überraschende Parallele: Die heutigen Republikaner und Fox News sind Produkte zeitgleicher Revolutionen, in der Politik und in den Medien. Und wie bei so vielen Revolutionen überhoben sie sich schließlich.

Bei den Republikanern wähnte sich das Tea-Party-gestützte Establishment so sicher, dass es die Gefahr der Trump-Rebellion unterschätzte. Bei Fox News herrschte Ailes wie ein Autokrat - bis die Unterlinge ihrerseits rebellierten.

Das Problem: Ailes ist Fox News

Moderatorin Megyn Kelly
AP

Moderatorin Megyn Kelly

Diese doppelte Rebellion explodiert in Cleveland in einem bizarren Tableau: Während die Parteitagsdelegierten am Mittwochabend den Tea-Party-Helden Ted Cruz von der Bühne buhen, weil er Trump in seiner Rede die Gefolgschaft verweigert, nutzt Megyn Kelly die Moderationspause in der Fox-News-Loge, um ihr Handy nach Nachrichten über das Schicksal ihres Bosses zu checken.

Das scheint in der Nacht zum Donnerstag besiegelt. Ailes und 21st Century Fox, das zu Rupert Murdochs Medienimperium gehört, stünden "in fortgeschrittenem Stadium von Gesprächen, die zu seinem Abgang führen würden", zitiert die "New York Times" Ailes-Anwältin Susan Estrich. Diese Meldung folgt einem wilden Hin und Her, bei dem Ailes' Sturz erst bestätigt wurde, dann dementiert und zuletzt im "No-Comment"-Nirwana landete.

Der Skandal dahinter: Ex-Moderatorin Gretchen Carlson beschuldigt Ailes in einer Gerichtsklage der langjährigen sexuellen Belästigung. Mehrere Kolleginnen schlossen sich inzwischen mit gleichlautenden Vorwürfen an - darunter auch Megyn Kelly, das hellste, populärste Gesicht von Fox News.

Die Vorwürfe gegen Ailes sind nicht neu, in der Medienszene zirkulieren sie seit Jahren. Doch wie beim schwarzen TV-Star Bill Cosby bedurfte es einer kritischen Masse an Klägerinnen, die sich an die Öffentlichkeit wagten.

Trends und Mobbing

Das Problem: Ailes ist Fox News. Der Ex-Berater Richard Nixons erfand den Sender 1996 auf Wunsch Murdochs eigenhändig. Als dessen Alleinherrscher trieb er ihn mit brillantem Geschäftssinn, einem Gespür für politische Trends und klassischem Mobbing am einstigen Marktführer CNN vorbei an die Spitze.

Allein dieses Jahr explodierten die Einschaltquoten von Fox News um 33 Prozent. Das verdankt es der Trump-Hysterie, die es selbst mit anfacht, indem es ihn fast täglich in Telefoninterviews zu Wort kommen lässt. Für 2016 werden dem Sender rund 2,5 Milliarden Dollar Umsatz prognostiziert.

Aufgrund der Klage Carlsons leitete Fox News interne Ermittlungen ein. Dazu stellte es seine Stars von ihrer betrieblichen Schweigepflicht frei. Megyn Kelly - die Ailes zuvor in Schutz genommen hatte - sagte nach Informationen des "New York"-Magazins aus, Ailes habe sie "mehrfach" sexuell belästigt.

Schließlich soll Rupert Murdoch persönlich der Kragen geplatzt sein. Der greise Mogul habe Ailes' Abgang von Frankreich aus befohlen, wo er gerade urlaubt. Quasi-offiziell wurde das dann mit der Schlagzeile des Fox-News-Schwesterblatts "New York Post": "Das Ende ist nahe für Roger Ailes."

Nahe sei damit auch "das Ende dieses Fox News", sagt Erik Wemple, der Medienkritiker der "Washington Post", am Rand des Parteitags. Michael Calderone ("Huffington Post") sekundiert: "Wir werden in ein paar Jahren ein ganz anderes Fox News sehen." Ob dann noch so profitabel - wer weiß.

Ailes soll sich längst auf die Zeit danach vorbereiten. Er wolle ein neues Network gründen, meldet die konservative Website Breitbart - und etliche Fox-News-Stars dahin mitnehmen.

Video: Republikaner-Parteitag - Buhs and Bromance

REUTERS

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