Frank Castorfs "Elementarteilchen" Der Gencode ist an allem Schuld

Frank Castorfs lang erwartete Inszenierung des Houellebecq-Romans "Elementarteilchen" mündet in einer trübsinnigen Polemik gegen den Kult der Selbstverwirklichung.

Von Simone Kaempf


Martin Wuttke als "Michel": wie Urtierchen
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Martin Wuttke als "Michel": wie Urtierchen

Die Rolle der Familie ist derzeit etwas unklar. Ist sie immer noch die einzig Halt gebende Gemeinschaft oder längst schon eine antiquierte Lebensform? Für Michel Houellebecq steht die Familie kurz vor der Abschaffung. Schuld an diesem unaufhaltsamen Zerstörungsprozess ist die sexuelle Befreiung der 68er. Was einst als Triumph über die Entfremdung in der autoritären Gesellschaft gefeiert wurde, ist jetzt die letzte Strategie des freies Marktes zur Zerstörung der Zweisamkeit. Und wenn auch das Individuum nicht mehr vom Markt getrennt ist, dann muss man demnächst auch für Liebe und Wärme bezahlen.

Diese These passt hervorragend zum Motto der Berliner Volksbühne "Kapitalismus und Depression", mit dem man sich seit einer Saison einer von allen Utopien erschöpften Welt widmen will. Schon vor einem halben Jahr war die Uraufführung von "Elementarteilchen" geplant. Angeblich scheiterte sie, weil Rainald Goetz die Bühnenfassung nicht rechtzeitig vorgelegt hatte. Seine nachgeschobene Version stellte Regisseur Frank Castorf nicht zufrieden, und er montierte sich mit seinem Dramaturgen ein eigenes Textgerüst zusammen.

Doch Goetz' Hadern mit Houellebecq mag ein Warnzeichen gewesen sein. Wie soll man auf der Bühne umgehen mit dem ungleichen Brüderpaar? Der Gymnasiallehrer Bruno will Sex ohne Fortpflanzung, der Wissenschaftler Michel will Fortpflanzung ohne Sex. Ihre Geschichten werden im Roman meist parallel erzählt, nur wenige Male treffen sie überhaupt aufeinander. Anders an der Volksbühne: Zu Beginn der Inszenierung lässt Castorf die beiden Schauspieler Herbert Fritsch und Martin Wuttke auf die Bühne treten, die aus einer mit dicken beigen Matten ausgelegten Turnhalle mit Kletterwand in Hintergrund. besteht.

Fritsch und Wuttke räsonieren über Aldous Huxley und über die Visionen eines besseren, weil genetisch beeinflussbaren Menschen. Wenn Wuttke davon mit eingeknickter Hüfte und knetenden Händen spricht, dann kann man in ihm tatsächlich Michel erkennen: Eine altmodische und asketische Figur, die schwer an der Berufung trägt, im Forschungslabor nach genetischen Codes zu suchen. Und in Fritsch verdeutlicht sich die verkrachte Gestalt Bruno, die mit ihren erotischen Bedürfnissen nicht zurechtkommt. Nach dieser kurzen Präsentation erlesener Schauspielkunst stürmen beide die Bühne, bewerfen sich mit Hüpfbällen, greifen einmal ungeübt in die Hanteln und lassen sich dann in die Matten plumpsen, um sich in Altherrenmanier über Frauen mit dicken Brüsten und die Virilität 40-jähriger Männer zu unterhalten: wirr verknüpfte Textfragmente aus "Elementarteilchen" und "Supermarkt".

Castorfs "Elementarteilchen": Spielen mit Hüpfbällen
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Castorfs "Elementarteilchen": Spielen mit Hüpfbällen

Frank Castorf hat sich in der Vergangenheit als Aussortierer von Stücken und Romanen bewährt. Was kann man noch gebrauchen, und was ist toter Text, der gar nichts mehr sagt? Doch dieses Mal ist beim Aufräumen etwas gehörig durcheinander geraten: Immer wieder werden originale Textfragmente ermüdend nachbuchstabiert, deren Wichtigkeit nicht auszumachen ist. Diese Kurzmonologe mischen sich mit Handlungsbrocken aus dem Roman, die zu tristen Slapsticknummern umgeformt sind. Die Männer legen sich dann meistens auf die Sonnenbank oder spielen mit den Hüpfbällen, die Frauen rutschen in BH, Höschen und zerrissenen Strumpfhosen über die Bühne.

Mit eigenartiger Akribie müssen die vier Volksbühnen-Darstellerinnen unablässig jene Frauen andeuten, denen Michel und Bruno im Laufe des Roman kennen lernen. Allen voran Brunos Freundin Christiane, die beim Sex verunglückt und daraufhin querschnittgelähmt bleibt. Auf der Bühne tanzt dann Astrid Meyerfeldt mit zwei Männern in Lederkleidung, als sie plötzlich die Beine nicht mehr bewegen kann - mit weit gespreizten Gliedmaßen kriecht die Schauspielerin über die Bühne. Dann stürzt sich Meyerfeldt, wieder ganz nach der Vorlage, in einen mit Plastikkügelchen gefüllten Bassin, weil Krüppel in der Welt des Partnertausches keine guten Karten haben.

Solche Szenen sind Castorfs berühmte sarkastische Injektionen, die auch diesmal wieder reichlich gespritzt werden. Nur ist diesmal nicht klar, an was da eigentlich Hand angelegt wird. Meistens fühlt man sich an eine Therapiegruppe erinnert, die sich im Bühnen-Krabbelraum einmal austobt und lakonisch zugespitzte Reflexionen über Mann und Frau vorträgt. Man hat das Gefühl, dass Castorf diese Figuren durchaus mag, Sie sind keine ausgestellten kaputten Existenzen, aber sie werden auch vom Regisseur nicht ernst genommen, und wenn die ganze Bühne am Ende mit Unmengen von Seifenschaum geflutet wird, durch den sich die Schauspieler wie Urtierchen durchkraulen, dann bleibt der Eindruck, alles ist nur eine große visuelle Pointe, eine Blase, die zerplatzt ohne das man überhaupt darin stechen muss.

Von dem verschwiegenen Schmerz aus "Elementarteilchen", von der Sehnsucht nach der Ausnahme vom ehernen Gesetz bleibt auf der Bühne nichts übrig. Nichts fürchtet Houellebecq mehr als das Eintreffen seiner Prophezeiungen. Auf der Bühne wandelt Castorf das in eine große verspielte Polemik gegen den Kult der Selbstverwirklichung - und fabriziert nicht mehr als ein schales und verbrauchtes Bild.



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