Frankfurter "Blechtrommel"-Premiere Das bewegte Hörbuch

Oliver Reese, noch Intendant in Frankfurt am Main, bald Chef des Berliner Ensembles, reduziert "Die Blechtrommel" auf eine Ein-Mann-Show: Der Schauspieler Nico Holonics verkörpert alle Figuren des Romans. Das gerät zum Teil ziemlich albern.

Brigit Hupfeld

Wer nicht lesen will, kann gucken. Die bekanntesten und dicksten Werke der deutschen Literatur lassen sich derzeit bequem und mit relativ geringem Zeitaufwand an ein paar Abenden im Theater "absitzen": in Hamburg Lenz' "Deutschstunde" (zwei Stunden statt 580 Seiten), in Stuttgart Manns "Zauberberg" (drei Stunden statt 1000 Seiten), in Frankfurt nun "Die Blechtrommel" von Günter Grass (zwei Stunden statt 800 Seiten).

Während sich die Regisseure allerdings bei Lenz und Mann noch mehr oder weniger ausufernde szenische Gedanken machten und also das anboten, was das Theater neben dem Wort eigentlich ausmacht: nämlich Bilder, erfindet Oliver Reese mit seiner Bearbeitung der Oskar-Matzerath-Geschichte eine ganz neue Abart der theatralischen Literatur-Verwurstung: das bewegte Hörbuch.

Zwei Stunden steht der eigentlich sehr gute Schauspieler Nico Holonics auf einem Podest, das wie ein braunerdiger oder kaschubischer Kartoffelacker aussieht, und referiert mit bewundernswerter Textsicherheit und wechselndem Eifer die Ereignisse des Romans. Kapitel für Kapitel - von der Befruchtung der vierröckigen Großmutter bis zu Oskars Wachstums-Verweigerungs-Beschluss - wird auch für den faulsten Gymnasiasten der Inhalt erinnerbar abgehakt. Und wer Grass noch nie las, dafür aber den Schlöndorff-Film mit gruseligem Aal-Gewusel und schwüler Brausepulver-Erotik noch im Kopf hat, wird sich auch zurechtfinden bei diesem Monolog.

Denn richtig, das ist ja das eigentlich Bemerkenswerte an dem Abend: Die ganze "Blechtrommel" gibt es in Frankfurt als großes Solo. Während es Jan Bosse und Armin Petras 2010 bei der Ruhrtriennale vielleicht etwas zu gut meinten und in ihrer Version gleich sieben Oskars aufmarschieren ließen, dreht Reese absolut auf Sparflamme und bürdet einem einzigen Schauspieler die ganze Erzählarbeit auf.

Parodie mit reichlich alberner pantomimischer Einlage

Warum er das tut, wird allerdings nicht ganz klar. Denn Reese erforscht ja nicht etwa das Seelenleben des kleinen Oskar neu: Der Urtext ist ihm heilig, und er erlaubt sich keinerlei interpretatorische oder zweiflerische Ausbrüche, von Einfällen ganz zu schweigen, von psychologischer Tiefenbohrung sowieso (und über Grass' NS-"Verstrickung" liest man nur im Programmheft).

So steht Holonics mit dreiviertelkurzen Jungshosen und streng gelecktem Scheitel in der leeren Weite, marschiert brav durch den Text wie ein aufgezogener Knirps durch schlechte Zeiten. Rechts ein Loch, das sowohl Keller wie auch Grab sein will, links steht ein Stuhl in Übergröße: sitzt der normal große Holonics auf dem, dann erscheint er als Oskar natürlich ganz klein. Alter, immer wieder verblüffender Theatertrick, perspektivischer Hokuspokus. Der einzige wirkliche Effekt an diesem Abend.

Holonics' Oskar ist ein durchschaubarer, ziemlich altkluger Zweieinhalbkäsehoch, der unangenehm arrogant daherreden kann, im Grunde aber darauf bedacht ist, seine Geschichte gut an den Mann, sprich: das Publikum zu bringen. Er erzählt immer frontal, und so entwickelt sich die Sache mehr und mehr zu jener Art Show, wie man sie von den Comedy-Größen her kennt, die Säle mit bis zu 3000 Zuschauern atemlos unterhalten.

Denn der Schauspieler ist nicht nur eine, er ist alle Figuren, die der Roman hergibt. Ständig hüpft Holonics zwischen den Charakteren hin und her, spielt liebestolle Frauen mit ebensolcher Hingabe wie nazistische Männer mit überzeugend gefährlicher Dämlichkeit, ist mal die bodenständige Großmutter und gleich ein sanfter jüdischer Spielwarenhändler, äfft die Erwachsenen nach und schlüpft zurück in seine Rolle als "Gnom", verstellt die Stimme und verfällt in Dialekte. Keine Frage: Das ist hohe Kunst - und wird doch mehr und mehr zu einer Nummernrevue, zu einem mit bald lähmender Virtuosität zelebrierten Panoptikum menschlicher Absonderlichkeiten, letztlich zu einer Parodie mit reichlich (bisweilen ziemlich alberner) pantomimischer Einlage.

"Ich verzweifle am Theater"

Zwischendurch trommelt Oskar auf seinem Instrument, das natürlich haargenau aussieht wie auf dem Buchdeckel und im Film. Ein knappes Dutzend kleiner rot-weiß gezackter Pauken verschleißt er, indem er aus Wut oder Verzweiflung das Fell eintritt. Das geschieht immer sehr energisch, wohingegen der Schrei, der bekanntlich Gläser zum Bersten bringt, bei Holonics mehr einem heiseren Krächzen gleicht, bei dem mit Sicherheit nichts in Scherben gehen könnte. Aber meist wird dann punktgenau ein Sound eingespielt, der zumindest hörbar ein wenig für die Atmosphäre sorgt, die die Inszenierung und die einsam deklamierende Person auf dem kaschubischen Bühnenacker nicht zu erzeugen vermögen.

Irgendwann gegen Ende sagt der kleine Oskar mal: "Ich verzweifle am Theater." So schlimm war es sicher nicht. Aber es war ja auch genaugenommen gar kein richtiges Theater - mehr eine spärlich illustrierte Lesung, eine literarisch geflunkerte One-Man-Show, ein szenisch karges Stückchenwerk. Eine ziemlich überflüssige Fleißarbeit.

Ach ja: Frankfurts Schauspielchef Oliver Reese ist ja bekanntlich designierter Intendant des Berliner Ensembles. Dies im Sinn, fiel einem mitten in der "Blechtrommel"-Premiere eine lustige Begebenheit, ein komischer Zufall ein: Vor Jahren hat Harald Schmidt mal die legendäre Matzerathsche Brausepulver-Nummer in seiner Show mit einer Zuschauerin nachgespielt. In deren Bauchnabel streute er Waldmeister-Körner, ließ seine Spucke draufträufeln und schleckte die "kochend brausende Kuhle" (Grass) aus. Beobachtet wurde Schmidt dabei ausgerechnet von Claus Peymann, der als Studiogast sichtlich etwas angeekelt die prickelnde Prozedur verfolgte. Und jetzt wird Reese also Peymanns Nachfolger...

"Die Blechtrommel". Schauspiel Frankfurt, nächste Vorstellungen am 18. und 29.1. (ausverkauft) sowie am 11., 12. und 26.2., Tel. 069/21 24 94 94.



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