Georg Diez

Jürgen Kaube und das "FAZ"-Feuilleton Nebelkerzen mit Agenda

Deutschland fehlen scharfe politische Kontroversen? Das behaupten konservative Autoren wie Jürgen Kaube von der "FAZ" immer wieder. Doch eigentlich wollen sie damit nur Kritik an sich selbst abwerten.
"FAZ"-Feuilleton-Chef Jürgen Kaube

"FAZ"-Feuilleton-Chef Jürgen Kaube

Foto: Arno Burgi/ picture alliance / dpa

Es klafft ein Loch im Denken dieser Republik, und es ist immer noch merkwürdig, wie der Tod einer einzigen Person, Frank Schirrmacher, Feuilleton-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen" und 2014 verstorben, zu einem solchen Spannungsverlust führen konnte. Nirgends wird das deutlicher als dort, wo er gearbeitet hat, im Feuilleton der "FAZ". Schirrmacher war dabei kein Heiliger und kein Genie, auch wenn er etwas Genialisches hatte. Er war ein zerrissener Mensch, angetrieben von großer Energie und Neugier, einer Offenheit für die Welt, wie sie sich ihm darstellte.

Sein Nachfolger nun, Jürgen Kaube, begann seinen Job als sozialdemokratischer Technokrat. Sein Ziel, so schien es, war die Spekulations- und Spaßfreiheit, sein Ziel war es, die Erinnerung an den Charismatiker Schirrmacher zu vertreiben, sein Ziel war es, dem Feuilleton das Feuilleton auszutreiben, also die literarische Dimension und auch die politische und speziell das Zukunftsfreudige, und es zu dem zu machen, was es im schlimmsten Fall immer war, ein Blatt für eine gelangweilte Gelehrtenrepublik.

Das "FAZ"-Feuilleton wurde universitärer und theoriehafter auf diese trübe Art und Weise, weil die Welt, Empirie, Technologie, die Schönheit, das Tastende und Unfertige hier keinen Platz mehr hatten - im Gegensatz zum professoralen Predigtton, der in bestimmten Kreisen immer noch beliebt ist, weil er die Zweifel am Wesen und Bestehen dieser Welt in Fußnoten verdammt und damit erst einmal den Status quo des Halbwissens absichert. Wer etwas wagte, wer anders war, wer anders klang, musste gehen. Es waren übrigens vor allem Frauen, die das betraf.

Und so veränderte sich das Klima, so veränderte sich der Ton. Es wurde einerseits stiller und schlicht weniger interessant, das Feuilleton der "FAZ" verlor an Aufmerksamkeit und auch an Bedeutung. Und andererseits setzte sich das fort, was sich schon unter Schirrmacher angedeutet hatte, der als Mann immer auch das Medium war, durch das seine Zeit erkennbar wurde, und die wurde eben immer konservativer bis reaktionär.

Schirrmacher rief auf, Kaube winkt ab

Das zeigte sich etwa in der Diskussion um die Serie "Unsere Mütter, unsere Väter", die in Schirrmachers FAZ so geführt wurde, dass die Frage der Schuld der Deutschen am Holocaust verdreht wurde und in ein "Täter sind Opfer, und Opfer sind Täter" überführt wurde: Alle sind gleich, nichts Genaues weiß man nicht. Es war eine Vernebelungstaktik, es war eine Zäsur im Nachdenken über den Holocaust, so wie es Martin Walsers Rede von der "Auschwitz-Keule" war oder Björn Höckes Attacken gegen den deutschen "Schuldkult".

Bei Kaube nun ist das Pendant zu geschichtsrevisionistischen Grenzverschiebungen die Gelangweiltheit, mit der noch jeder Streit beiseite gewunken wird, ein andauerndes Luftrauslassen, mit dem Ziel, den Mangel an Sauerstoff dann selbst kritisch zu beschreiben - Kaube funktioniert so, wenn er etwa über den Historikerstreit der Achtzigerjahre urteilt, ein intellektuelles Schlüsselmoment der späten BRD, bei dem es auch speziell um die deutsche Schuld ging, das Ganze habe nur "weitgehend forschungsfrei dem Austausch geschichtsphilosophischer und geschichtspolitischer Provokationen" gedient.

Wo Schirrmacher also ein dauerndes Seht-Her in die Welt rief, ist Kaubes Maxime ein einziges Abwinken: War schon da, kenn ich schon, ein Geraune von eigenen Gnaden. Man könnte fast denken, dass hier jemand das eigene Phlegma als Grund nimmt, auf eine politische Sicht auf die Gegenwart oder die Gegenwart ganz generell zu verzichten - wenn hinter dem, was Kaube immer wieder als seinen Antiideologismus präsentiert, nicht doch ein ideologisches Motiv erkennbar wäre: Das Raunen war schon immer der Grundton der Rechten, und Nebel ist das Gegenteil von Aufklärung.

Gegner ohne Namen

In dieser Woche wurde diese Strategie besonders deutlich. Alem Grabovac hatte in der "taz" in seinem Text "Treibstoff für die Reaktionären"  den "FAZ"-Feuilleton-Redakteur Simon Strauß angegriffen, den er als "jungen wütenden Mann" beschreibt, der "wieder mit der Ästhetik und den Inhalten des rechten Randes spielt". Und Kaube antwortete darauf , indem er nicht darauf antwortete, sondern mal wieder den Wolkenproduzenten gab, einen Intellektuellenflüsterer, der den Mangel an Klarheit mit Klugheit verwechselt.

Seine Nicht-Verteidigung von Strauß war mit viel Tamtam ein einziges Nichts: Es gebe keine politischen Lager und keine politischen Konflikte mehr, so Kaubes empirisch kaum belegte Beschreibung, es gebe dafür viel Hysterie und Nostalgie, dann doch von links wie von rechts, und beides bedinge und befördere sich, so Kaube, der auf Gegner einschlug, die er nicht benannte, was das Problem aufwirft, dass weder der Leser noch die Gemeinten sich wirklich mit den Vorwürfen auseinandersetzen konnten. Kaube trug damit selbst zu dem bei, was er kritisierte, die "intellektuelle Faulheit heutiger Debatten".

Es war die typische herablassende Wurstigkeit, die eher ein Charakterproblem wäre, wenn wir eben nicht in Zeiten wie diesen leben würden, in denen sich die politischen Koordinaten verschieben und eine intellektuelle Drift begonnen hat und eine aggressive rechte Identitätspolitik versucht, die Deutschen wieder auf den Weg der Deutschen zu bringen. Wer hier die Sehnsucht nach einer reinen Ästhetik formuliert, wie es Simon Strauß tut, der gibt eben den "Unpolitischen", der nicht erst seit Thomas Mann die Gestalt des Reaktionärs war. Und wer bestreitet, dass es ernsthafte politische Auseinandersetzungen braucht und gibt, der spielt die gleiche Melodie.

Kaube ist sein eigenes Problem

"Links und rechts werden insofern als Unterscheidungen künstlich und um den Preis gewaltiger Manipulationen am Leben gehalten, um der tatsächlichen Bedeutungslosigkeit des bloßen Meinens nicht ins Auge blicken zu müssen", schreibt Kaube in seinem eigenen Meinungstext. Es bleibt unklar, was die "Tatsächlichkeiten sozialen Elends" sind, von denen Kaube spricht, es bleibt unklar, wer die "wirklichen Toten" sind, "Opfer von Rechtsverletzungen". Deutlich wird dafür Kaubes Abneigung gegen das "Abstrakte", eine geistesgeschichtlich gefährliche Abneigung speziell deutscher Art, die auch nicht dadurch harmloser wird, weil Kaube sich auf die französische Philosophin Simone Weil bezieht.

Und so zeigt Kaubes Wutschrift vor allem eines: Das, was er den "Wut-, Moral-, Protest- und Hasskolumnen" vorwirft, ist sein eigenes Problem, seine eigene Disposition. Er kritisiert die Entleerung des Politischen und betreibt sie zugleich, indem er alles ins Kostüm des Lächerlichen kleidet und selbst, kurz nach der Bundestagswahl, den Einzug der AfD ins Parlament als politisch notwendig präsentiert, um das "Versagen der Volksparteien" zu bekämpfen. Auch diese Partei, nationalistisch, identitär, ausländerfeindlich, verharmlost und verniedlicht er und verweigert die politische Auseinandersetzung, die er selbst fordert. Simon Strauß hat die AfD wenigstens noch mit Anerkennung bedacht.

Es ist ein seltsames Spiel, das man hier bestaunen kann. Was sich bei Kaube als das Pompöse aufwirft, endet meist mit in der Petitesse. Intellektuell ist das problematisch, weil es den Raum den Rechten öffnet, die sich längst nicht mehr mit Kleinigkeiten zufriedengeben. Wie gesagt, in der Mitte klafft damit ein Loch. Der große Feind der Demokratie ist das Egal.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.