Sibylle Berg

Buchmarkt Mehr ist mehr ist mehr ist mehr

Die Umwelt stirbt und auch die Buchbranche verliert Leser. Dennoch gab es auf der Frankfurter Buchmesse mehr von allem: Bücher, rechte Verlage, essbare Trinkhalme. Fast allen scheint das egal - fast.
Frankfurter Buchmesse: Immer mehr von allem, Bücher, Menschen, rechte Verlage?

Frankfurter Buchmesse: Immer mehr von allem, Bücher, Menschen, rechte Verlage?

Foto: RONALD WITTEK/ EPA-EFE/ REX

Kinder, wie die Zeit vergeht. Da gab es gerade die Buchmesse in Leipzig, wusch, steht schon wieder eine Buchmesse in Frankfurt an. Und zack ist die auch schon wieder vorbei. Aber: Man kann nie genug Messen haben oder Bücher, denn das Motto des Spätkapitalismus ist: MEHR. Und: Die Märkte werden es richten. Prost.

Mehr von allem wieder in Frankfurt. Sind es mehr Neurechte, Rechte oder gar ein klitzekleines bisschen faschistenfreundliche Verlage? Oder scheint es nur so, durch die neue Selbstverständlichkeit? Wenigstens gut beschützt von bewaffneten Irgendwas-Truppen. Falls sie hinfallen beim erregten Entwerfen der Demokratiezersetzung. Wann haben die Anhänger faschistischer Ideen  eigentlich Zeit zum Lesen?

Egal. Es scheint egal geworden, regt keinen mehr auf, keine Rangeleien, keine Proteste . Alles normal.

Mehr ist mehr - Herbst und Frühjahrskollektion

"Umwelt" ist der Trend des Jahres. "Mehr Ökologie", verspricht schmunzelnd der Buchmessechef Herr Boos und nun gibt es essbare Trinkhalme. Zufrieden mümmeln Rechte also Trinkhalme, kann man sich so vorstellen. So geht das mit der Demokratie, und der Rest der Verlage schaufelt seine Bücher in die Stände. Um sie einander zu zeigen und abends zu feiern, dass sie alle so schöne Bücher haben.

Der Duden zum Beispiel. Geiler Stand, schöne Bücher. Viele Romane mit Runen und Drachen, mit Schwertern und mit Darm. Darm geht immer. Gegen Darm kann man nicht anstinken. Die Logik, bei schwindenden Leser*innenzahlen einfach mehr Bücher zu drucken, scheint einleuchtend. Mehr ist mehr - Herbst und Frühjahrskollektion.

Wir erwarten auch im Buchsegment bald eine rentable Zwischensaison, noch mehr Bücher also. Krimis zum Beispiel, klar, Krimis lesen die Menschen gerne, Bücher von Promis dito. Die kennt der Mensch, da kann man ja auch mal ein Buch kaufen.

Sebaldeskes Schreiben erfreut die Kritik

Apropos, was läuft denn so in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur schief, die sich ihren Ruf als langweilig und schwurbelig immerhin weltweit über Jahrzehnte hart erarbeitet hat? Viele Autor*innen haben gelernt, dass es sich auszahlt, so zu schreiben, wie alle schreiben, also ziselierte, ordentlich geschwurbelte Sätze, die nach rotweintrinkenden Professorinnen in Bibliotheken schreien, für die Lesen etwas Erbauliches ist, das mit trefflichen Naturbeschreibungen oder feinen Geschichten mit Rotwild und Familie zu tun hat.

Sebaldeskes Schreiben erfreut die Kritik. Aber keine Ahnung, ob es auch die Buchbranche rettet. Denn die meisten besprochenen literarischen Sensationen verkaufen sich mäßig. Vielleicht, weil die Rotwildfans, wie auch die Fernsehzuschauer*innen, langsam die Sehkraft verlässt und die angestrebten jungen Leser*innen - alle streben ja irgendwas Junges an, Zuschauer*innen, Leser*innen, Theaterbesucher*innen - also die haben mehr Freude an Marc-Uwe Kling oder Frau Despentes oder Heinz Strunk oder an gar nichts, was nichts mit Pixeln zu tun hat.

Und in Frankreich sitzt Herr Handke

Vermutlich ist es eben wie in jedem Bereich der Kunst so, dass es einfach sehr viel mehr schlechte als gute Ware gibt. Egal. Es wird weiter gedruckt, produziert, aber nicht gelesen. Und Hauptsache, es war schön auf der Messe, und man trifft sich wieder, bald geht die Produktion für die Frühjahrsmesse los. Mit noch mehr rechten Verlagen, noch mehr Büchern, vielleicht. Viel Spaß dabei.

Irgendwo in Frankreich sitzt unterdessen Herr Handke. Komplett verkannt wird er sich fühlen. Preisgeld hin oder her, in den Bereichen der Selbstüberschätzung, in denen er zu Hause ist, ist alles zu wenig, alles Kränkung. Da geht es ihm wie den meisten Menschen. Besser ist dran, wer seine Unwichtigkeit erkennt und dennoch tut, als wär' nichts. In dem Sinn: Nach der Buchmesse ist vor der Buchmesse.

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