Weltkriegsgedenken Menschenkette der Toten

In Nordfrankreich vereint ein Mahnmal erstmals die Namen der Kriegstoten der Region von 1914 bis 1918 - 580.000 Namen, Freund wie Feind. Präsident Hollande eröffnet das "Internationale Memorial", hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges.

Prost-Architectes

Aus Notre-Dame de Lorette berichtet


Ein Anlass, zwei Mahnmale, zwei Sichtweisen: Unweit von Arras erhebt sich die "Nationale Nekropole" von 1925, Frankreichs größte militärische Ruhestätte. Eine wuchtige Basilika mit Krypta und "Laternenturm" thront über einem weiten Feld von Soldatengräbern. Das Ensemble pompöser Betonbauten von "Notre Dame de Lorette" steht für die damalige, patriotisch geprägte Gedenkkultur.

Eine architektonische Geste der Versöhnung ist gegenüber zu besichtigen, am Rand des abfallenden Geländes. Wahrnehmbar von außen zunächst als abweisendes, feldgraues Band, schält sich ein Betonring aus dem Grün des Hügels, schwebend zwischen Himmel und Erde. Der sich verengende Zugang öffnet den Blick auf den Innenraum der Ellipse: Die Fläche ist leer, nur Rasen und Ruhe - Atmosphäre wie in einem Zen-Tempel.

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Weltkriegsgedenken: Menschenkette in Faserbeton
Dazu haben Architekt Philippe Prost und sein Team ein Oval aus tonnenschweren Faserbetonelementen horizontal auf der 2,2 Hektar großen Fläche integriert. Die Ellipse - 129 Mal 75 Meter - bleibt zu zwei Dritteln im Hang verankert. Am dem Eingang gegenüberliegenden Scheitelpunkt ragt das Bauteil auf 56 Metern als waghalsige Auskragung ins Leere - zwei Fensterschlitze erlauben den Blick auf die ehemaligen Schlachtfelder.

"Ich dachte dabei an eine Menschenkette, deren Mitglieder einander an den Händen halten", so Prost. "Die Form des Rings unterstreicht die Brüderlichkeit, der schwebende Überhang steht für die Fragilität des Friedens auch in unserer Zeit."

Auf der 329 Meter langen Innenseite des Runds führt eine Galerie an bronzefarbenen Metallstelen vorbei, die sich wie geöffnete Bücherrücken aneinander reihen. Eingraviert in die Tafeln sind Vor- und Familiennamen, eine immense, ununterbrochene Litanei beschrifteten Stahls: 579.606 Tote des Ersten Weltkriegs, gefallen in den Departements Nord und Pas-de-Calais. Signaturen der Schicksale von Menschen, die bei den apokalyptischen Schlachten des Ersten Weltkriegs starben.

"Hölle des Nordens"

Denn hier, im Kohlerevier zwischen Artois und dem französischen Teil Flanderns, verlief zwischen 1914 und 1915 einer der mörderischsten Abschnitte der Westfront: In der der "Hölle des Nordens" tobten auf 90 Kilometern Länge monatelange Materialschlachten, die Grabenkämpfe um die strategischen Höhen waren erbarmungslos. "Mehr als hundert Dörfer wurden dem Boden gleichgemacht", sagt Projektleiter Yves Le Maner, der als Historiker die Arbeiten begleitet hat: "Die Verluste unter Militärs und Zivilbevölkerung waren katastrophal."

Allein bei den Kämpfen rund um die Pilgerkirche Notre Dame de Lorette starben rund 50.000 Deutsche und 102.000 Franzosen. "Anhöhe des Todes" nannten die Überlebenden die Erhebung von 165 Metern. Grund genug, hier nach Ende des "Großen Krieges" 42.000 Gefallene beizusetzen.

Neben dieser Nekropole wird Präsident François Hollande zum Jahrhundertjubiläum am 11.November das neue Internationale Memorial einweihen. Im Beisein von Politikern der damals kämpfendem Nationen und Vertretern der Organisationen, die die Namen der in der Region gefallenen Soldaten recherchierten: Frankreichs Verteidigungsministerium, die Commenwealth War Graves Commission oder der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Gegenentwurf zur Feierstätte nationaler Emotionen

Ganz symbolisch: Auf den Stahltafeln sind die Namen der Kriegstoten in alphabetischer Reihenfolge aufgereiht, unabhängig von Rang, Religion oder Nationalität. Franzosen, Briten, Belgier, Deutsche, aber auch Kanadier, Südafrikaner, Portugiesen, Russen und Rumänen - ihr Gedenken bewahrt in schlichter typografischer Ästhetik: Beginnend mit dem Briten A Tet (gebürtig in Nepal) bis zum Deutschen Rudolf Zywitz.

Der "Ring des Gedenkens", der bei einbrechender Dunkelheit in Wellen wechselnden Lichts aufscheint, versteht sich nicht als weiteres Kriegerdenkmal in einer Region, die tausend Soldatenfriedhöfe zählt. Das Monument ist stattdessen ein Gegenentwurf zur traditionellen Feierstätte nationaler Emotionen: "Hier werden keine Sieger gefeiert, sondern des kollektiven Leidens gedacht", sagt Architekt Prost.

Er erklärt sein Projekt zum "Zeichen der Hommage und der Hoffnung": "Die Namen bleiben eingraviert ins Gedächtnis der Menschheit, geeint in postumer Brüderlichkeit."

insgesamt 3 Beiträge
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fischersfritzchen 10.11.2014
1. 100 Jahre?
[Zitat:] Präsident Hollande eröffnet das "Internationale Memorial" am 11. November, hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ...[Zitatende] Eigentlich eine gute Idee - aber warum will Hollande noch vier Jahre warten? Und kann er sicher sein, dass er am 11. November 2018 noch Präsident ist?
friedfreedom 10.11.2014
2. Wohl verrechnet
Wäre schön, wenn auch das Kriegsende in diesem Jahr 100jähriges feiern würde. Mensch, Spiegel
loeweneule 10.11.2014
3. Aua!
Heißer Tipp: Einleitung, letzte Zeile, "Ende" gegen "Beginn" tauschen. Ist nur ein Zeichen mehr und ändert nichts am Zeilenumbruch.
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