Streit über Karikaturen von Franziska Becker Diskriminierung geschieht oft unabsichtlich

Die "Emma"-Karikaturistin Franziska Becker wird am Samstag für ihr Lebenswerk geehrt. Dabei arbeiten ihre Cartoons mit islamfeindlichen Klischees, kritisiert unsere Gastautorin. Ausreden will sie nicht gelten lassen.

Selbstbewusste Integrationsarbeiterin mit Kopftuch: Boxerin Miriam Hamdoun
Jens Büttner/ DPA

Selbstbewusste Integrationsarbeiterin mit Kopftuch: Boxerin Miriam Hamdoun

Ein Gastbeitrag von Sibel Schick


Alle dürfen kritisiert werden. Und man darf über alle spotten. Wenn es aber um Gruppen geht, die diskriminiert werden, ist die Grenze zwischen Kritik und Diskriminierung schmal. Besonders schwer sichtbar kann diese Grenze für jene sein, die sich selbst für Gleichberechtigung und Freiheit einsetzen. Diese Menschen mögen überzeugt sein, niemanden diskriminieren zu können - immerhin setzen sie sich dagegen ein. Aber gerade wenn man sich selbst die Fähigkeit zu diskriminieren abspricht und keinen Anlass zur Selbstreflektion sieht, besteht ein hohes Risiko, fahrlässig zu diskriminieren.

Am heutigen Samstag zeichnet der Journalistinnenbund das Lebenswerk der Karikaturistin Franziska Becker mit der Hedwig-Dohm-Urkunde aus. Becker ist eine bekannte Feministin, die sich unter anderem mit Weltreligionen beschäftigt. Während man viele ihrer Zeichnungen als Islamismuskritik sehen kann, bedient sich die Karikaturistin nicht selten auch islamfeindlicher Klischees. Hierbei geht es um die Karikaturen, in denen sie Frauen mit Kopftuch behandelt, eine ohnehin massiv diskriminierte Minderheit in Deutschland. In vielen dieser Zeichnungen gelingt es ihr nicht, patriarchale Strukturen differenziert darzustellen, ohne zu der Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch beizutragen.

Diese Karikaturen von Becker zeigen keine Länder mit einem islamischen Regierungssystem, sondern ein islamisiertes Deutschland. Sie zeichnet Kopftuch tragende Polizistinnen, die Hände abhacken, Kindergärtnerinnen, die Kinder zu Terrorist*innen erziehen, Bankangestellte, die keine Frauen ohne Erlaubnis eines Mannes bedienen. Sie kommen in Deutschland offenbar mit der Scharia im Gepäck an, oder eröffnen die Tagesschau mit "Allahu Akbar". Becker bedient sich oft der islamfeindlichen Verschwörung einer Machtübernahme in Deutschland, mit der die AfD und Pegida arbeiten. Eine Differenzierung zwischen Islamistinnen und Musliminnen sieht man nicht.

Becker widerspricht zwar, Muslim*innen pauschalisiert zu haben, befürwortet dennoch im Interview mit Cicero, dass Frauen mit Kopftuch Berufe verboten werden sollen, in denen sie eine Vorbild- oder staatliche Funktion einnehmen: "Ich möchte nicht, dass [...…] meine Kinder von so jemandem erzogen werden in der Schule oder sonst wo." Im Interview mit dem SPIEGEL sagt sie, sie zeige "Frauen, die freiwillig und sehr bewusst und aus ideologischen Gründen das Kopftuch tragen." Diese seien "Täterinnen".

Frauen mit Kopftuch in Deutschland werden beim Zugang zu Bildung, Ausbildung und Arbeitsmarkt diskriminiert, wie die Dokumentation der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2016 zeigt. In schlecht bezahlten Berufen werden sie zwar toleriert, aber sobald sie im Mittelstand ankommen, problematisiert. Während eine Putzfrau nicht auffällt, empört die Lehrerin mit Kopftuch. Es gibt keine Rechtfertigung für diese Diskriminierung - egal, was man persönlich vom Islam oder dem Kopftuch hält. Ein Mensch, der ohne Religion lebt, kann sich trotzdem für die Rechte jener aussprechen, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit diskriminiert werden - auch dann, wenn man das Kopftuch für ein Symbol der Unterdrückung hält.

Das Bundesinnenministerium registrierte 2018 über 800 islamfeindliche Angriffe in Deutschland, die auch oft Frauen mit Kopftuch betreffen in Form von verbaler oder körperlicher Gewalt. Becker hält die Kritik an ihrer Arbeit für ein Streben nach "politischer Korrektheit". Sich einen Feminismus zu wünschen, der nicht zu weiteren Diskriminierungen führt, hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun. Wenn es um Gewalt und rassistische Diskriminierung geht, ist es egal, was man persönlich von dem Kopftuch hält - das ist eine andere Diskussion.

Franziska Becker
Oliver Berg/ DPA

Franziska Becker

Frauen mit Kopftuch werden zur Projektionsfläche von mindestens zweifachem Hass: aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Religion. Eine mehrfachmarginalisierte Frauengruppe pauschal zu Täterinnen zu erklären schürt Hass, und macht sie anfälliger für Angriffe. Sowohl in ihren Bildern als auch in Interviews macht Becker deutlich, dass sie kein Bedürfnis hat, zwischen Islamistinnen und Kopftuch tragenden Frauen zu unterscheiden.

So sagt sie im Interview mit Cicero: "Es ging in den Bildern [...…] um eine Weltideologie mit 1,6 Milliarden Mitgliedern." Das ist die Zahl aller Muslim*innen weltweit. Spätestens, wenn es um alle Muslim*innen geht, ist Schluss mit der Differenzierung.

Ein Mensch kann sich rassistisch äußern, auch wenn er kein Rassist ist. Diskriminierung geschieht sogar öfter unabsichtlich und unreflektiert als mit Intention. Es ist die Verantwortung eines jeden Menschen, seine Handlungen in seinem Machtbereich zu reflektieren.

Zur Person
  • Tabea Cubelic
    Sibel Schick, Jahrgang 1985, ist freie Autorin und Journalistin, feministische Aktivistin und Social-Media-Redakteurin. Auf Twitter war sie eine der ersten Kritikerinnen der Auszeichnung für Franziska Becker.


insgesamt 82 Beiträge
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syracusa 29.06.2019
1. Kopftuch ist ein Bekenntnis dazu, nicht dazu gehören zu wollen
Zitat: "auch dann, wenn man das Kopftuch für ein Symbol der Unterdrückung hält" Die allerwenigsten Kopftuchträgerinnen werden bei uns durch ihre Ehemänner oder Väter zum Kopftuchtragen gezwungen, und deshalb ist das kein Symbol weiblicher Unterdrückung. Sehr oft ist sogar das Gegenteil der Fall: Mädchen tragen das Kopftuch gegen den Willen ihrer Eltern. Das hat einerseits was mit pubertärer Suche nach einer eigenen Identität zu tun, die immer auch ein erster individueller Akt des Widerstands gegen Bevormundung ist, das hat aber auch was mit einer Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft zu tun. Es ist ein Zeichen dafür, nicht zur Mehrheitsgesellschaft gehören zu wollen, anders zu sein, und anders behandelt werden zu wollen. Das Kopftuch ist für muslimische Mädchen oft das, was in meiner Jugend lange männliche Haare waren. Ich bin deshalb zwiegespalten. Grundsätzlich sind staatliche Verbote völlig fehl am Platz und würden unseren eigenen Grundwerten entgegen stehen. Wir müssen den Wunsch der Kopftuchträgerinnen auch respektieren, sich von der Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, aber wir müssen darüber nicht froh sein. Ich halte es für legitim, Kopftuchträgerinnen auch darauf hinzuweisen, dass sie sich damit selbst aus dem Mainstream ausschließen. Die Grenze zur Diskriminierung verläuft da sicher sehr fließend.
altais 29.06.2019
2. Das Kopftuch steht für Rückständigkeit
für Leben in einer sozialen Umgebung, die Werte aus früheren Jahrhunderten hoch hält. Ich hätte die gleichen Probleme, wenn eine christlich orientierte Lehrerin mit einem "christlichen" Kopftuch vor der Klasse auftaucht. Auch dort steht das Kopftuch für eine Frauenrolle, die sich von männlichen Weltbildern steuern lässt, "Frau an den Herd" und so. Das Kopftuch ist ein Unterdrückungssymbol, da könnt ihr "modernen" Moslems dagegen halten, so viel ihr wollt.
penie 29.06.2019
3. Blödsinn, unabsichtliche Diskriminierung gibt es nicht!
Ein Begriff oder auch eine Darstellung ist niemals per se diskriminierend. Es kommt immer auf die Absicht an. Wenn eine Darstellung herabwürdigend ist, weiß die Autorin das natürlich. Frau schaue sich nur mal die Diskussion um die Zulässigkeit von Benennungen, wie "Mohren-Apotheke" an. Hier liegt die Diskriminierung einzig im Auge der Betrachterin.
Dion 29.06.2019
4. Franziska Becker, eine Erfüllungsgehilfin?
Dahinter steht wahrscheinlich die Politik der Emma: Was Alice Schwarzer für verboten hält, u.a. Pornos und Kopftücher, müssen Schreiberinnen und Zeichnerinnen in der Emma umsetzen. Und weil Alice bei diesen Dingen nicht differenziert, dürfen in der Emma auch keine anderen Meinungen erscheinen. Das ist Schwarz-Weiß-Denken in Reinkultur.
Rosenhag 29.06.2019
5.
Sibel Schick sieht sich eben als Vertreterin des intersektionalen Feminismus. Es scheint ihr vordringliches Anliegen "Emma-Feminismus" zu bekämpfen.
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