Plattenbau-Drama "Franziska Linkerhand" Zwischen geschminkten Leichen

Der Plattenbau sollte den Sozialismus real machen - und produzierte doch nur ein seelenloses Nebeneinander: "Franziska Linkerhand" nach Brigitte Reimann am Deutschen Theater ist ein Unsittenbild der frühen DDR.
Zwischen Aufbruch und Anpassung: Kathleen Morgeneyer als Franziska Linkerhand

Zwischen Aufbruch und Anpassung: Kathleen Morgeneyer als Franziska Linkerhand

Foto: Arno Declair

Niemand fand "die Platte" wirklich schön. Die Neubausiedlungen, die in der DDR mitten in den Städten und an deren Rändern hochgezogen wurden, waren allenfalls praktisch. Und dennoch begehrt. Wer raus konnte aus den maroden und dunklen Altbauwohnungen, war glücklich: die hellen Zimmer, die funktionierenden sanitären Einrichtungen galten als Luxus.

Der Staat stufte den Städtebau - neben dem Frieden - als "Weltproblem Nummer eins" ein und verkaufte das endlich dichte Dach überm Kopf als sozialistische Errungenschaft. Im Plattenbau sollte der neue und glückliche Mensch heranwachsen, zwischen Kitas, Konsum und Kulturhaus durfte es ihm an nichts fehlen. Aber wenn Erich Honecker bei der Einweihung einer dieser Siedlungen den Genossen zuprostete, hörte man das Klirren der Gläser auch noch in der Nachbarwohnung, weil die vorgefertigten Wände so dünn waren. Und wenn er aus den Fenstern blickte, sah er immer und trotzdem stolz die Öde: Platte an Platte an Platte...

"Seelenlos" nennt die Schriftstellerin Brigitte Reimann diese Siedlungen in ihrem Roman über die junge idealistische Architektin "Franziska Linkerhand". "Amputierte Städte" sieht diese Romanheldin, denen man nur eine Funktion zubilligt: die Wohnung als Schlafstätte, "eine Tür, die man hinter sich abschließen kann, das alte Spiel Familienleben zwischen Tisch und Bett, nicht mehr." Die Siedlung - eine "geschminkte Leiche".

Eine Frau im Wandel

Wenn diese Franziska jetzt auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin auftaucht, dann hat das zum einen den Grund, dass man hier natürlich in dieser Spielzeit an die Grenzöffnung vor 30 Jahren erinnern will, zum anderen aber ist die Linkerhand auch ganz ohne Jubiläumsgedenken eine dieser Figuren, nach denen das Theater immer sucht: eine Frau im Wandel, sensibel in ihrer Haut und gegen Konventionen und falsche Hoffnungen anrennend; kein künstliches Ideal, sondern das reale Spiegelbild eines Menschen, der einmal von sich selber sagt: sie könne nicht gefallen, weil sie zu viel zu verbergen habe. Sehnsucht nämlich und zertretene Träume, Visionen von einer menschlichen Welt und Wut auf den Stillstand im Denken. Die Autorin Reimann, die Aufmüpfige und Unangepasste, hat sich da auch schonungslos selber porträtiert.

Spiegelbild eines Menschen: Szene aus "Franziska Linkerhand"

Spiegelbild eines Menschen: Szene aus "Franziska Linkerhand"

Foto: Arno Declair

Weit über 600 Seiten brauchte sie dafür und wurde doch nie fertig. Das Buch ist ein Fragment geblieben, und es endet nicht einmal mit einem vagen Versprechen: Linkerhand, die Architektin mit dem Sendungsbewusstsein, gibt ihren Kampf als verloren - noch ehe sie ihn eigentlich antrat. Kathleen Morgeneyer spielt das in der Inszenierung von Daniela Löffner in Berlin mit einer so feinen Traurigkeit, dass man sie in den Arm nehmen möchte. Wie sie überhaupt die vier Stunden stets eine feste wie schwankende, verlorene wie aufbrechende Person gibt, die sich zwischen Anpassung und Aufruhr einen Weg gesucht hat, der nachvollziehbar war, ungekünstelt und lebenswahr.

Vielleicht lässt Löffner daher der Linkerhand im Gegensatz zu Brigitte Reimann doch diese kleine Chance und endet mit ihrer Bearbeitung ein paar Absätze vor dem desillusionierenden Romanschluss: Franziska ist der "Synthese zwischen Heute und Morgen (...) auf der Spur, hochmütig, und ach, wie oft zaghaft, und eines Tages werde ich sie finden."

Auferstanden aus Ruinen

Das sind die Momente, die bleiben nach einer Inszenierung, die sich oft genug verzettelt und mit verbissener Mühe versucht, die Fäden der Handlung nicht zu kappen. Wie letztlich das Buch, so bleibt auch die Bearbeitung Stückwerk, führt im Schnelldurchlauf durch die paar Jahre, die Linkerhand, die hoffnungsvolle junge Baukünstlerin, in der Provinz und somit in jeglicher Beziehung "am Arsch der Welt" als Handlangerin eines falsch inszenierten Fortschritts verbringt.

Löffner teilt dieses Leben in zwei Hälften: die gutbürgerliche Familie, die unter Hitler nicht muckte, im Sozialismus aber auch nicht die Erfüllung sieht, steht am Anfang. Auferstanden aus Ruinen, flüchtet man gleich in den Westen - nur Franziska ("Uns hat Stalin erzogen") bleibt. Sie will dem Volk eine wahre, lebenswerte Heimat geben und geht nach Neustadt (ein Synonym für Hoyerswerda und die Arbeitersiedlung vom Kombinat "Schwarze Pumpe"), wo der erste Aufbau Ost noch in den Kinderschuhen steckt und wo man schon alles falsch macht.

Versoffen und einsam: Maren Eggert (r.) als Linkerhands Kollegin

Versoffen und einsam: Maren Eggert (r.) als Linkerhands Kollegin

Foto: Arno Declair

Reimann beschreibt diese nüchtern-trübe Atmosphäre im Abseits des real existierenden Pathos einzigartig. Weite Teile ihres Romans zeigen eine DDR, in der es für die sich abkapselnden Menschen im Braunkohledampf scheinbar unmöglich war, "noch einmal anders anzufangen, wenn man am Ende sieht, dass es verfehlt war". Auf der Vielzweckbühne von Wolfgang Menardi, die wie auf dem Reißbrett die Wirklichkeit als einen Entwurf und ein Durcheinander von Versatzstücken präsentiert, kann sich diese Stimmung selten entwickeln.

Die Charaktere um Franziska Linkerhand sind nur flüchtig hingetuscht. Ein rechtes Rollenwechselspiel ist vonnöten, bei dem man manchmal nicht mehr durchsteigt. Im Unsittenbild der frühen DDR erscheinen die Figuren wie Abziehkarikaturen: der blass-ängstliche Vorgesetzte (Peter René Lüdicke) tritt auf Text und Stelle, die versoffene Kollegin (Maren Eggert) trällert zum Klavier Einsamkeitsschmock. Aus der Riege der wahren und eingebildeten Lieben der Franziska ragt Felix Goeser hervor und muss (immerhin ist Jubeljahr!) exemplarisch einen ellenlangen Regimeopfer-Lebenslauf referieren.

Es ist ein schwieriges, kaum lösbares Unterfangen, diesem Buch, seinem Furor und seinem sensiblen Trotz, seiner Vielstimmigkeit und seinem verzweifelten Mut im Theater gerecht zu werden. Doch auch im Scheitern ist dieses Unternehmen noch durchaus sehenswert, denn diese Franziska Linkerhand ist eben nicht von gestern: "Sie fand sich in einer Gegenwart, die sie bestürzte. Ich bin. Wer?"


"Franziska Linkerhand": Deutsches Theater Berlin , nächste Vorstellungen am 7., 17. und 25.11.