Margarete Stokowski

Harmonische Feiertage Frauen als Stahlträger und Zuckerguss

Geschenke besorgt, Essen gekocht, Schwiegereltern angerufen. An Weihnachten zeigt sich: Die Welt glaubt immer noch, dass Frauen anderen das Leben schöner machen sollen. Wie wäre es an dieser Stelle mal mit Streik?
Weihnachtsshopping in Berlin (Archivbild)

Weihnachtsshopping in Berlin (Archivbild)

Foto: DPA

Fröhliche Weihnachten, das heißt immer auch, fröhliche Tage in einer Welt, die von Frauen zusammengehalten wird. Frauen, die sich kümmern, weil es sonst niemand tut, weil sonst alles zusammenbricht.

Ich habe gelesen, es gibt Planungen für einen Frauen*streik  am 8. März, und wie könnte ich anders, als das gut zu finden? Aber viel interessanter wäre ein Frauenstreik über Weihnachten. Nicht im Sinne der Niederlegung von Erwerbsarbeit, sondern als Verweigerung der Familien-, Beziehungs- und emotionalen Arbeit, die am Ende dazu führt, dass die Geschenke unterm Baum liegen, das Essen auf dem Tisch steht und die Schwiegereltern angerufen werden. Einmal diese Apokalypse sehen!

Frauen sind immer noch die Stahlträger und der Zuckerguss dieser Gesellschaft. Das ist an Weihnachten am irrsten, wenn sie wochenlang dafür sorgen, dass dieses Konzentrat bürgerlicher Vorstellungen von Familie und Harmonie halbwegs ansehnlich ausfällt und man den Kindern dann erzählt, dass irgendwelche drolligen Fantasiefiguren  die Geschenke besorgt hätten. Konkret: ein Kind oder ein alter Mann, aber nie eine Frau.

Gleichzeitig berichten die Betreiberinnen von Frauenhäusern oder Hilfetelefonen regelmäßig, dass sogenannte häusliche Gewalt gegen Frauen um Weihnachten herum besonders zunimmt , was kein Wunder ist bei einem Fest, das hauptsächlich darin besteht, besoffene Angehörige zu ertragen.

Eva, Intrigen, Total-Absturz

Die allerbesten Chancen, Aufmerksamkeit zu bekommen, haben Frauen immer noch, wenn sie sich der Rolle der Harmonieversprüherin unter den Menschenartigen verweigern. Die ganze christliche Tradition beruht auf der Erzählung über eine Frau, die sich angeblich danebenbenommen hat. Eva, die erste freche Frau.

Und dann geht man im Jahr 2018 in einen beliebigen Kiosk und findet immer noch Zeitschriften, deren komplettes Geschäftsmodell daraus besteht, die vermeintlichen Verfehlungen (essen, trinken, selbst entscheiden) von Frauen zu dokumentieren: "Jennifer Aniston: ihre peinliche Trennungslüge!", "Katie Holmes: Total-Absturz! Dramatische Schock-Fotos! Jetzt droht Katie die Psychoklinik" ("InTouch").

Die "In" berichtet über den "Krieg" der Promi-Mütter, die "Bunte" lässt Boris Becker über seine Trennungsgründe sprechen ("Sie hatte die falschen Freunde, sie hatte Probleme mit meinen großen Kindern") und die "Gala" forscht in England den "Intrigen am Hof" nach, weil es unmöglich sein kann, dass Kate und Meghan einfach alles im Griff haben. Und sie alle sind bereit, seitenlang Mutmaßungen über innere Zustände zu halluzinieren, sobald sie eine prominente Frau beim Nichtlächeln erwischen, dem Verstoß gegen die erste weibliche Bürgerpflicht.

"Lächel doch mal"

Ich würde gern behaupten, dass es übertrieben ist zu behaupten, Frauen seien immer noch dafür zuständig, die Welt mit Liebe zu dekorieren, aber dazu wird Frauen immer noch viel zu oft in den unmöglichsten Situationen ein "Lächel doch mal" oder "Warum so ernst?" reinpenetriert, wenn sie gerade auf den Bus warten oder ein Graubrot kaufen. Würden Männer gleich oft solche Kommentare hören, gäbe es wahrscheinlich dreimal so viele Amokläufe, nur eine kleine optimistische Schätzung.

"Der einzige Grund dafür, warum die Welt noch nicht in Flammen steht, ist die Fähigkeit von Frauen, ihre Gefühle im Griff zu behalten", hat Alena Schröder vor Kurzem im "SZ Magazin"  geschrieben. "Frauen haben verinnerlicht, wie wichtig es für die öffentliche Wahrnehmung ist, dass sie ihre berechtigten Anliegen freundlich vortragen." Aber nicht nur für die öffentliche. Zumindest kenne ich auch aus dem Privatleben wenig Geschichten über Männer, die Konflikte mit der Familie so lächelnd wie möglich ertragen, um sich anschließend auf der Toilette einzuschließen und vor Wut zu weinen.

Jetzt könnte man sagen, Frauen sollen das alles eben nicht mitspielen, und natürlich gibt es längst Frauen, die sich dem Wahn verweigern. Das ist schön, aber nicht die einzige Lösung, weil die feministische Lösung für Probleme der Ungleichheit nie sein kann, Frauen einfach einen Tick mehr Kampf ans Herz zu legen.

Es gibt ein Kunstprojekt von Tatyana Fazlalizadeh, das "stop telling women to smile"  heißt. Der Adressat: eine Welt, die glaubt, dass Frauen dazu da sind, anderen das Leben schöner zu machen. Eine Welt, in der Frauen geben und Männer nehmen. Eine Welt, die es verdient hat, angezündet zu werden. Fröhliche Weihnachten!