Frauenverachtung im Theater Alles doch ganz geil?

Eine Vergewaltigte, die zur Sexpuppe wird: Anke Dürr hat im Theater schon zugeschaut, wenn Künstler sich in den Mund pinkelten und Väter ihre Tochter verkauften. Inszenierungen von Sebastian Hartmann besucht sie aber nicht mehr.
Szene aus "In Stanniolpapier"

Szene aus "In Stanniolpapier"

Foto: Arno Declair

Eigentlich wollte ich über diesen Theaterabend nicht schreiben. Dass mich Sebastian Hartmanns Inszenierung von "In Stanniolpapier" nach einem Text von Björn SC Deigner so in Rage gebracht hat, dass ich jetzt doch vor dem Computer sitze, wird der Regisseur vermutlich als Genugtuung empfinden. Sei's drum.

Was ist passiert? Hartmann, 50, ehemaliger Intendant des Schauspiels Leipzig, ist vom Deutschen Theater beauftragt worden, die Uraufführung von "In Stanniolpapier" zu inszenieren, einem von drei Stücken, die im Rahmen des Wettbewerbs der "Autorentheatertage" unter 143 Einsendungen ausgewählt wurden. Das Stück handelt von einer jungen Frau namens Maria, die schon als Kind missbraucht worden ist und später zur Prostituierten wird.

Sebastian Hartmann hat vom Ursprungstext nur ein paar Satzfetzen übrig gelassen, die die Maria-Darstellerin Linda Pöppel mal stammelt, meist aber schreit: "Hand um die Hüfte", "Röcke zu kurz, Blusen zu durchsichtig", solche Sachen. Der S. Fischer Verlag, der den Autor Deigner vertritt, hat daraufhin das Wort "Uraufführung" aus der Premierenankündigung streichen lassen. Die Jury, die den Text ausgewählt hatte, hat sich von Sebastian Hartmanns Fassung distanziert.

Die Frau wieder zum Objekt machen

Es ist nicht das erste Mal, dass der Regisseur nur die Körper sprechen lässt. Er hat zum Beispiel einen "Faust" ohne Worte inszeniert, in dem die Schauspieler zweieinhalb Stunden lang nur stammeln, stöhnen und keuchen durften. So ähnlich ist es auch diesmal - nur, dass es eben nicht um einen Klassiker geht, sondern um einen Text, den nun nach wie vor keiner kennt.

Das ist aber nicht das, was so empörend ist an diesem Abend. Die Arroganz und das Versagen des Regisseurs gegenüber dem Text zeigen sich in etwas anderem: "In Stanniolpapier" basiert auf den Aussagen einer realen Person. Es ist der verdichtete Bericht einer Frau, die nach Jahren Worte gefunden hat für ihr Martyrium, die erstaunlich nüchtern Einblick gibt in ihre Biografie. Und ausgerechnet dieser Frau nimmt Hartmann nun wieder die Stimme. Das ist pervers im ursprünglichen Sinn des Wortes: Es verdreht das Eigentliche in sein Gegenteil, es macht die Frau, die mit dem Text die Hoheit über ihr Leben verteidigt, wieder zum Objekt.

Ich weiß, wie ihr Schamhaar frisiert ist

In Sebastian Hartmanns Inszenierung ist Linda Pöppel als Maria fast die ganze Zeit nackt. Wenn sie ekstatisch tanzt, wenn sie von ihren Freiern (Frank Büttner, Manuel Harder, auch sie beide meist komplett nackt) an den Füßen über den Boden geschleift wird, wenn sie von vorn und von hinten genommen wird, wenn sie erschöpft in der Ecke kauert. Sie ist dabei einerseits geschützt durch einen hausähnlichen Betonbau auf der Bühne - und zugleich extrem ausgestellt durch die Kamerabilder, die für die Zuschauer live und riesig groß aus dem Inneren des Hauses auf zwei Leinwände projiziert werden.

Ich kenne nach dieser Aufführung jeden Zentimeter ihres Körpers, ich weiß, welches Tattoo sie an der Hüfte hat und wie ihr Schamhaar frisiert ist. Von ihrem Gesicht kenne ich nur zwei Ausdrücke: einen merkwürdig exaltierten Blick und einen weggetretenen (es geht auch um Tablettenkonsum). Ihr Mund ist fast immer geöffnet, als sei sie eine Sexpuppe.

Vielleicht soll es ja genau das zeigen, so authentisch und radikal wie möglich: dass hier eine Frau zum Objekt degradiert wurde. Leider ist Sebastian Hartmanns vermeintliche Authentizität aber in Wahrheit ein Pseudo-Realismus. Die Szenen sind meist in rotes Licht getaucht, manchmal wird hinter der Leinwand agiert, so dass man nur Schemen sieht. In den Sexszenen, in denen es richtig hart zur Sache geht, sind die Bilder mit technischen Tricks verfremdet: Mal sind sie grobkörnig schwarz-weiß, mal fast ganz schwarz, so dass die Konturen weiß aufleuchten, fast wie eine Graphic Novel im Negativ. Alle Mittel haben den gleichen Effekt: Sie bewirken eine Ästhetisierung der Gewalt.

Verstörende Bilder, die nur dem Voyeurismus dienen

Das Schlimmste aber ist die Musik. Fast durchgehend sind die Szenen mit einem aufpeitschenden Elektrobeat unterlegt, der zusammen mit dem Licht eine Art Klub-Atmosphäre erzeugt - als sei das alles eben doch ganz geil.

Damit wir uns hier nicht falsch verstehen: Ich habe mir schon einiges zugemutet im Theater. Ich habe mich von japanischen Performern mit Algen bewerfen lassen, habe in einem schmuddeligen Kinderzimmer auf der Bettkante gesessen und dem Vater-Darsteller zugehört, wie er die im Bett liegende halbnackte Schauspielerin in der Rolle seiner halbwüchsigen Tochter zum Kauf anbietet, ich habe einem Künstler dabei zugesehen, wie er sich selbst in den Mund pinkelt. Ich habe bisher auch immer hingenommen, dass Sebastian Hartmann es in fast all seinen Inszenierungen geschafft hat, irgendwo eine auffallend hübsche, auffallend junge Frau einzubauen, die sich aus irgendeinem Grund ausziehen muss.

Aus einer geradezu scheißliberalen Haltung heraus habe ich das alles verteidigt: Weil es mich zwar häufig verstört hat, aber diese Verstörung etwas bewirkt hat. Im besten Fall eine andere Sicht auf die Welt. Aber bei "In Stanniolpapier" verkommt die Radikalität zum Selbstzweck, oder schlimmer: Hier dienen die verstörenden Bilder nur dem Voyeurismus.

Sebastian Hartmann soll weiterhin tun, was er für nötig hält, solange er Theater und Schauspieler findet, die freiwillig dabei mitmachen. Ich habe auch nicht gebuht nach "In Stanniolpapier", denn wer das süffisante Lächeln des Regisseurs bei der Verbeugung gesehen hat, als ein paar wenige Zuschauer ihrer Empörung Ausdruck gaben, merkt schnell, dass man ihm damit nur einen Gefallen tut.

Nein, ich habe beschlossen, seiner Kunstfreiheit einfach meine eigene Freiheit als Zuschauerin entgegenzustellen: Inszenierungen von Sebastian Hartmann? In Zukunft ohne mich.

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