Frauenfrage So wie Heiner kann das keiner

Geißler meets Schwarzer: Der Ex-General der CDU, Heiner Geißler, und die Feministin Alice Schwarzer diskutieren das deutsche Frauenbild. Oder: Wie prickelnde Erotik auf einem CDU-Parteitag eine Wende in der Frauenpolitik einläutete.

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CDU-Veteran Geißler: "Sex-Objekte auf dem Parteitag"
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CDU-Veteran Geißler: "Sex-Objekte auf dem Parteitag"

Berlin - Heiß ging es her im kühlen Kiel. Zum "Europaabend" hatte die CDU auf ihrem Parteitag 1979 geladen und zu Europa, da gehört ein französisches Ballett, so hatten sich die Organisatoren das vorgestellt. Also tanzten neun junge Damen, die normalerweise im Pariser Lido auftraten, über die Bühne der CDU. Und zwar oben ohne. Was sich die Organisatoren wiederum nicht so vorgestellt hatten und das Präsidium in Erklärungsnot brachte.

Mittlerweile kann Heiner Geißler über die blanken Brüste lachen. Gestern Abend etwa, als er die Geschichte im Berliner Konrad-Adenauer-Haus zum Besten gab. Da lachte sogar Alice Schwarzer mit, ewige Kämpferin gegen die Entwürdigung der Frauen. Nicht über die zur Schau gestellte Nacktheit, sondern vielmehr über die Situation, die der damalige Bundespräsident Karl Carstens noch mit den Worten zu retten versuchte: "Das soll uns die SPD erstmal nachmachen."

Die launige Anekdote taugte gut als Auftakt des Gesprächs über Deutschlands Frauenbild, zu dem der gerade 75 Jahre alt gewordene CDU-Politiker Geißler mit der Feministin Schwarzer in der Parteizentrale zusammen gekommen war. Damals, 1979, war das nicht so lustig. Geißler, im ersten Jahr Generalsekretär, musste böse Briefe der Deutschen Bischofskonferenz beantworten, Jungsozialisten hielten ihm wenig später Plakate entgegen: "Geißler instrumentalisiert Frauen auf Parteitag als Sex-Objekte." Das sei ein Schlüsselerlebnis gewesen, ein "Incentive", wie Geißler es neudeutsch ausdrückte, für eine neue Frauenpolitik. Der Ansporn war so groß, dass Geißler sieben Jahre später als Herausgeber eines Buches den "Abschied von der Männergesellschaft" verkündete.

Heiner Geißler, "die beste Frau in der CDU"

Heiner Geißler und die Frauen - es wurde ein inniges Verhältnis. Er sei "die beste Frau in der CDU", hat eine Nachwuchspolitikerin einmal zu Parteichefin Angela Merkel über den Mann mit den männlich-markanten Falten gesagt. Für den gestrigen Abend konnte die Vorsitzende diese Feststellung akzeptieren. Schließlich war es Geißler, unter dessen Federführung als Generalsekretär und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit 1985 in Essen die "Leitsätze der CDU für eine neue Partnerschaft zwischen Mann und Frau" formuliert wurden. Auch Alice Schwarzer war auf dem Essener Parteitag zu Gast, "als das alles anfing zwischen Heiner Geißler und mir".

Alice Schwarzer in der Kölner "Emma"-Redaktion: Alle Türen offen
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Alice Schwarzer in der Kölner "Emma"-Redaktion: Alle Türen offen

Sie kennen sich genau, Schwarzer und der "liebe Heiner Geißler". Über Jahrzehnte hat die 62-jährige "Emma"-Herausgeberin die politische Karriere des Individualisten journalistisch begleitet. "So wie Heiner kann das keiner", begann einst ein "Emma"-Artikel. Gestern sagte Schwarzer: "Er hat schnell gelernt." Und weil es ihr doch ein wenig unheimlich war, dass ausgerechnet ein Christdemokrat die Frauenfrage auf die Agenda hob: "Manchmal auch zu schnell."

Geißler gestand ein, Frauenpolitik auch aus wahltaktischen Gründen zum Thema gemacht zu haben, verwies aber auf die "Revolution" der Idee des Erziehungsurlaubs. Der sei, entgegnete Schwarzer, allerdings zur "größten Frauenfalle" geworden, weil nach drei Jahren kaum eine Frau realistische Chancen auf eine Rückkehr in den Beruf habe.

Die Männer sind immer schon da

Doch eigentlich war man sich ja einig. Darüber, dass "auch der Türke in Deutschland die Gleichberechtigung der Frau akzeptieren muss" (Geißler), darüber, dass "es kein Zufall ist, dass ausgerechnet ein grüner Außenminister die Zwangsprostitution fördert" (Schwarzer), und darüber, dass "geschlechtsspezifische Verfolgung auch politische Verfolgung ist" (Geißler). Also rieb man sich an Kleinigkeiten.

Ausgerechnet Schwarzer rutschte heraus, Angela Merkel sei an die Spitze der CDU "gespült worden", wofür sie einen erstaunten Blick nicht nur der CDU-Chefin erntete und schnell ergänzte, sie meine das als Kompliment: Die Basis habe sie nach oben getragen. Geißler lobte die Frauenquote in der Politik, die Schwarzer zur "Krücke" degradierte: "Es ist ja wie bei Hase und Igel: Die Männer sind immer schon da, machen letztlich die Tür vom Kaminzimmer zu und dealen alles unter sich aus."

20 Jahre nach Essen also kein Fortschritt in der Frauenfrage, die laut Geißler eigentlich eine "Machtfrage" und laut Schwarzer eine "Menschenfrage" ist? Trotz des gerade noch geschlossenen Kaminzimmers erklärte Schwarzer: "Eigentlich stehen den Frauen heute alle Türen offen." Das größte Handicap seien nach wie vor die Kinder. Die Politik müsse ein Klima schaffen, dass die Väter in die Pflicht nehme. Geißlers Schlusswort klang da düsterer. Die Arbeitsmarktreform Hartz IV habe vor allem für Frauen negative Auswirkungen. "Frauen werden genauso behandelt wie Alkoholiker. Sie stehen auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter."

Die Frauenpower sei erschlafft, befand Geißler am Schluss. "Sie sind mir viel zu sanft geworden. Sie müssen wieder mehr kämpfen", appellierte er an seine Gesprächspartnerin. Da musste die Feministin breit grinsend feststellen: "Jetzt ist er auch noch die bessere Alice Schwarzer."



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