Medienkritik Den Hass benennen

Im Ruhrgebiet rast ein Mann in Menschenmengen - aus rassistischen Motiven. In Wien schlägt ein Frauenhasser eine 25-Jährige fast tot. Viele Medien verharmlosen die Taten, den Hass blenden sie aus, die Opfer auch.

Gewalt gegen Frauen
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Gewalt gegen Frauen

Eine Kolumne von


Wenn Menschen Gewaltverbrechen begehen, kann man nicht immer sagen, warum genau sie so gehandelt haben. Manchmal jedoch geben die Täter über ihre Motive bereitwillig Auskunft und andere tun sich trotzdem schwer damit. Bei Verbrechen, die durch Rassismus oder Frauenhass begründet sind, scheint es eine Art magisches Denken zu geben: Wenn wir es nicht so benennen, dann war es das nicht. Aber das hat schon beim NSU nicht funktioniert und wird mit der Zeit nicht besser.

Der Mann, der in Bottrop und Essen in Menschengruppen fuhr und damit acht Menschen verletzte, hat sich schon kurz nach seiner Festnahme dazu geäußert, dass er Jagd auf "Kanaken" und "Schwarzfüße" machen wollte, die aus seiner Sicht zu viel Geld vom Staat bekämen und außerdem keine Menschen seien. Das ist recht deutlich. Dennoch ging das Wort vom rassistischen Anschlag vielen nur schwer über die Lippen.

Lieber psychisch krank als rassistisch

NRW-Innenminister Herbert Reul erklärte in einem Radiointerview, dass Andreas N. offensichtlich wollte, "dass Ausländer hier verschwinden". Es scheine sich um jemanden zu handeln, "der aus einer persönlichen Betroffenheit und Unmut heraus dann Hass auf Fremde entwickelt hat". Auf Fremde? Fremde im Sinne von: Leute, die er nicht persönlich kannte? Kleiner Scherz. Andreas N. hat sehr genau benannt, um wen es ihm ging. Nicht um dänische Touristen oder kanadische Expats, sondern um syrische und afghanische Flüchtlinge.

Minister Reul erklärte zwar auch, man dürfe jetzt "nicht zulassen, dass irgendeine Gewalttat verharmlost wird". Dann müsste man konsequenterweise aber auch hinterfragen, was für eine Form von "Betroffenheit" den Täter getrieben haben könnte. Betroffen davon, in einem Land zu leben, das Menschen Asyl gibt? Millionen andere sind davon auch betroffen und fahren trotzdem nicht mit dem Auto in Menschen.

Schnell ging es auch darum, dass Andreas N. früher mal in psychiatrischer Behandlung gewesen sei und Medikamente genommen habe. Ja, wer nicht? Als gäbe es eine psychische Erkrankung, die es wahrscheinlicher macht, dass man Syrer töten will.

"Der Terror einsamer Wölfe" hieß ein Beitrag zu der Tat im WDR. In dem Interview ging es dann zwar auch darum, ob diese Formulierung möglicherweise problematisch sei - für eine Überschrift war sie offenbar gut genug. Der Begriff "einsame Wölfe" wurde in den Titel übernommen aus dem Buch des Politikwissenschaftlers Florian Hartleb, der zwar einerseits deutlich sagt, dass "einsame Wölfe" politisch radikalisiert sind und nicht entpolitisiert werden sollten, dann aber selbst vorführt, wie gefährlich die Pathologisierung von rassistischen Taten ist: nicht nur, weil eine Überpsychologisierung politische Motive verdecken kann, sondern auch, weil damit psychisch kranke Menschen stigmatisiert werden können.

Täter als Opfer stilisiert

Also, das sagte er nicht so. Sondern: "Meine Studien zu dem Thema Einzeltäterterrorismus zeigen auch, wenn die Migrationsdebatte weiter sich polarisiert und eben auch für Entfremdungsprozesse sorgt, dann ist es wahrscheinlich, dass wir eben solche Taten wie jetzt häufiger erleben, denn dann fühlen sich vielleicht eben auch Menschen, die persönlich psychisch gestört sind, auch dazu berufen, hier eben allein loszuschlagen." Das klingt dann leider doch so, als wären psychische Störungen das Problem und nicht rassistische Einstellungen.

Ein anderer Fall, ähnliches Problem: In Wien hat ein Mann eine Frau beinahe totgeschlagen. Wochenlang verfolgte der 41-jährige Österreicher Frauen mit dem Fahrrad. Am Morgen des 30. Dezember beobachtete er über mehrere Stunden eine junge Frau. Er habe sie ansprechen wollen, sich aber nicht getraut, und verletzte sie dann mit einer Eisenstange lebensbedrohlich. Außerdem stahl er ihr Handy und ihre Bankkarte.

Die "Stuttgarter Zeitung" schrieb darüber: "Aus Flirt-Frust - Mann schlägt mit Eisenstange auf Frau ein". Und bei "heute.at" schrieb man über den Fall: "Flirt scheitert - Radler schlägt Frau (25) fast tot. Ein Radfahrer wollte Frauen ansprechen, stellte sich dabei aber denkbar ungeschickt an. Aus Frust schlug er zu!" Denkbar ungeschickt waren offenbar auch beide Redaktionen. Nach massiver Kritik in sozialen Netzwerken änderten beide Medien ihre Überschriften. Bei der Stuttgarter Zeitung heißt es jetzt nur noch "aus Frust", nicht "aus Flirt-Frust", bei "heute.at" formulierte man um in "Radler verfolgt Frau (25) und schlägt sie fast tot".

Irreführendes Narrativ

Vielleicht haben die Journalistinnen und Journalisten beider Medien verstanden, dass es mit Flirten nichts zu tun hat, wenn man Frauen verfolgt und sie dann lebensgefährlich verletzt. Vielleicht hatte man dort auch nur zu viel Arbeit mit kritischen Social-Media-Kommentaren. Wie derartige Vorfälle in den Medien immer wieder als Einzelfälle präsentiert werden, beschrieb die Journalistin Nicole Schöndorfer: "Die Taten werden medial wie unfassbare Einzelfälle abgehandelt, die aus heiterem Himmel passieren. Boulevardesk, voyeuristisch, unsensibel und einer immer gleichen Erzählstruktur folgend. Die Frau hat etwas getan und daraufhin ist der Mann ausgerastet. Dieses Narrativ ist nicht nur irreführend, sondern vor allem gefährlich, denn es rechtfertigt Gewalt von Männern zumindest implizit als eine Reaktion auf das Verhalten einer Frau."

"Ihr Nein ist niemals der Grund für seine Gewalt" nannte Schöndorfer ihren Beitrag. Die allermeisten Männer bekommen es hin, als Reaktion auf eine Ablehnung keine Frau halbtotzuschlagen.

Und damit noch einmal kurz zurück nach Bottrop und Essen: Die "WAZ" titelte kurz nach dem Anschlag: "Attentäter wollte wohl Anschlägen von Flüchtlingen zuvorkommen". Journalisten müssen im Zeitalter des Internets zwar schnell sein, aber sie sollten nicht schneller sein, als sie denken können. Die "WAZ" änderte den Titel dann - auch hier: danke Social Media - in: "Attentäter bekundet Ausländerhass: 'Anschlägen zuvorkommen'". Bei der Berichterstattung über Gewaltverbrechen nicht einfach die Perspektive des Täters zu übernehmen, gehört zur Verantwortung derer, die Journalismus machen.

Sowohl im Falle des Anschlags zu Silvester als auch beim Wiener Mordversuch hat das nicht funktioniert. In beiden Fällen wurden Taten, die ohne Rassismus und Sexismus nicht passiert wären, verharmlost, entpolitisiert, psychologisiert. Es ist ein Geschenk an die Täter und Gleichgesinnte, ihren Hass auszuklammern und ihre Gewalt als Sonderfall darzustellen. Auch wenn es hart ist, in einer Welt zu leben, die immer noch von Rassismus und Frauenhass geprägt ist, hilft es nicht, wenn Journalistinnen und Journalisten die Taten, die daraus entstehen, kleinreden. Und es sollte nicht die Aufgabe von Twitter- und Facebook-Usern sein, sie daran erinnern zu müssen.



insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
Lykanthrop_ 08.01.2019
1.
Danke Frau Stokowski, hier haben Sie wenigstens schön die Einzelfälle beschrieben und nicht die Medien angeprangert. Differenzierung scheint ihnen aber immer noch schwer zu Fallen, zumindest wenn es um weiße TätER geht. Es gibt solche, die handeln aus ideologischer Überzeugung und sind ansonsten klar bei Verstand, Sie haben sich verrannt. Es gibt solche die handeln auf Grund einer psychischen Störung und nutzen eine Ideologie lediglich als Rechtfertigung und Ventil ihrer Probleme. Es ist kompliziert, nicht für Sie. Täter darf, muss man oft psychologisieren sonst wird ihre Taten nicht verstehen, Ideologien nicht. Und vergessen Sie nicht, Kausalketten sind keine Schuldverweise, dienen aber dem Verständnis.
arvenfoerster 08.01.2019
2. Erklären heisst nicht Entschuldigen
Frau Stokowski, etwas erklären zu wollen, ist bitte noch lange nicht das Gleiche, wie etwas zu verharmlosen oder etwas zu entschuldigen. Unser Rechtssystem strebt danach, dass Motiv des Täters zu kennen, aus einer ganz einfachen Frage: Würde er oder sie wieder so handeln?
dasfred 08.01.2019
3. Sehr nachvollziehbar beschrieben
Heute finden wohl weniger Foristen einen Grund, Frau Stokowski für ihre Texte als Emanze anzugreifen. Die Art, wie sie hier die Fälle noch einmal dargestellt hat, hat mir gefallen. Explizit die Psyche auszuklammern und die Taten so darzustellen, wie sie sich ereignet haben und welche Folgen das auch für die Opfer hat. Wo nicht schon der Hass eingeimpft wurde, da kann auch eine Krankheit nicht diese Folgen haben. Ein Verbrechen aus Hass muss auch so bezeichnet werden.
dt24535322 08.01.2019
4.
Es weiß doch keiner von uns wirklich was in den Köpfen der Täter wirklich vorgeht und dennoch sehe ich ständig Versuche die Deutungshoheit darüber zu erlangen, welche Motive vorlagen und was die Täter zu ihren Taten veranlasst hat. Noch dazu kann es rassistische oder frauenfeindliche Motive vermischt mit anderen Gründen geben - diese Denkweise es könne nur das eine oder das andere gewesen sein ist doch Banane.
Dr. Kilad 08.01.2019
5. Danke. Ist sehr aktuell.
Denn nun geht es um den Angriff auf den AfD-Politiker Frank Magnitz. Wird die WAZ nun in Anlehnung an den rassistischen Mordversuch in Bottrop titeln: "Attentäter bekunden Hass auf Nazis: 'Anschlägen zuvorkommen'"? Denn letzten Oktober drohte Magnitz: "Wir werden ganz schnell andere Verhältnisse schaffen.". Kann es nicht sein, dass es auch Menschen gibt, die Angst vor solchen Rechten haben? Dies wird hier nicht erwogen. Und es typisch. Die Angst entschuldigt in beiden Fällen nichts. Aber statt nun plötzlich großtönig Gewalt abzulehnen, sollte sich die Politik vielleicht mal fragen, was sie für die Sicherheit tut - eben auch vor solchen Drohungen, wie die von Magnitz.
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