Gleichberechtigung in den Medien NDR führt Männerquote ein

Jahrelang galt für die angestrebte Frauenquote im NDR: Die 50 muss stehen. Jetzt führt der Sender plötzlich eine 30-Prozent-Regel ein - für Frauen und für Männer. Das Journalistinnen-Netzwerk ProQuote Medien fürchtet, beim Berufseinstieg könnten nun sogar Männer bevorzugt werden.
NDR-Intendant Lutz Marmor: 50 Prozent Frauen bleiben "strategisches Ziel"

NDR-Intendant Lutz Marmor: 50 Prozent Frauen bleiben "strategisches Ziel"

Foto: dapd

Hamburg - Egal, wie wenig es mit der Realität zu tun haben mag: Für die öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt Norddeutscher Rundfunk gilt seit langem das Ziel, Positionen im Haus geschlechtergerecht zu verteilen. Das Idealbild sieht vor, alle Positionen je 50-50 unter Frauen und Männern aufzuteilen.

Im NDR-Staatsvertrag heißt es zum Unterpunkt Gleichstellung von Mann und Frau: "Der NDR hat durch Dienstvereinbarung die berufliche Gleichstellung von Frauen und Männern (...) zu fördern." Das sei "Teil der Unternehmenskultur".

In der Intendanz und auf den Direktorenposten des NDR allerdings ist davon wenig zu sehen. Neben Intendant Lutz Marmor sind sein Stellvertreter sowie vier Direktoren für Fernsehen, Hörfunk, Produktion und Verwaltung für die Inhalte des Senders verantwortlich - alles Männer.

So könnte man die neue "Dienstvereinbarung zur beruflichen Gleichstellung von Frauen und Männern" beim NDR für eine Anpassung an die öffentlich-rechtliche Wirklichkeit halten. Darin steht: "Eine Unterrepräsentanz liegt vor, wenn der Frauen- bzw. Männeranteil in Organisationsbereichen und Funktionen (…) jeweils unter 30 von 100 liegt."

Das klingt nun gar nicht mehr nach 50-50. Es hört sich vielmehr an wie eine Abkehr vom bisherigen Kurs, als ginge dem NDR bei der öffentlich so oft betonten Frauenförderung die Puste aus. Dem Vernehmen nach regt dieser Passus Gleichstellungsbeauftragte bei mehreren öffentlich-rechtlichen Rundfunkhäusern derzeit gehörig auf, denn dort war bisher die Maxime: Das 50-Prozent-Ziel muss stehen. Sie fühlen sich nun von dem Papier, das rückwirkend seit 4. Mai in Kraft ist, ausgebremst.

NDR: 30 Prozent sind "verwaltungstechnische Grenze"

Ebenfalls verärgert über die Dienstvereinbarung ist das Frauen-Netzwerk ProQuote Medien e.V. . Der Zusammenschluss von Journalistinnen setzt sich für mehr Frauen in mächtigen Medienpositionen ein. Auch ProQuote Medien verlangt zwar eine 30-Prozent-Quote - allerdings nur für Frauen und in Führungspositionen. Die neuen Maßgaben des NDR verurteilt der Verband dennoch.

In manchen Bereichen des Norddeutschen Rundfunks, in dem derzeit Frauen überproportional vertreten sind, etabliere die neue Dienstvereinbarung eine "Männerquote". Als Beispiel nennt ProQuote-Medien-Vorsitzende Annette Bruhns die Redaktion NDR Aktuell: Dort arbeiten zwar insgesamt mehr männliche als weibliche Redakteure. In einer besonders niedrigen Gehaltsstufe für journalistische Berufseinsteiger seien allerdings vor allem Frauen beschäftigt. "Da müssten dann Männer bevorzugt eingestellt werden, wenn ihr Anteil unter 30 Prozent sinkt." Während also "die Spitze des NDR weitgehend von Männern beherrscht" sei, würden am anderen Ende der Karriereleiter auch noch bevorzugt Männer eingestellt.

Was denn nun gilt, wollte ProQuote Medien auch von Intendant Marmor wissen. Die Antwort des NDR: Die Absenkung auf 30 Prozent sei nur eine "verwaltungstechnische Grenze", während das "strategische Ziel" intern weiterhin "unverändert bei 50 Prozent" liege, gerade auch für die Führungsetagen. Auf Nachfrage bestätigte der NDR: "Gleichstellung heißt für den NDR immer eine Verteilung von 50 Prozent."

Männer habe man auf Anregung des Personalrats in die Dienstvereinbarung aufgenommen. Zwar sei eine Stelle bei NDR Aktuell tatsächlich mit dem Vermerk "Männer bevorzugt" ausgeschrieben gewesen. Am Ende habe den Job aber eine Frau bekommen, so ein NDR-Mitarbeiter.

Der Initiative ProQuote Medien gehören gut 350 deutsche Journalistinnen an. Vorsitzende Annette Bruhns arbeitet als Redakteurin beim SPIEGEL. Anfang 2012 war ProQuote mit einer Kampagne für eine 30-Prozent-Quote in Entscheiderpositionen an die Öffentlichkeit gegangen. Die Initiative wird von prominenten Journalistinnen wie der TV-Talkerin Anne Will, der Kriegsreporterin Antonia Rados und der Moderatorin Gabi Bauer unterstützt.

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