Frauenzeitschrift "Woman" Pragmatisch, praktisch, gut?

Trotz Medienkrise traut sich Gruner + Jahr, die neue Zeitschrift „Woman“ auf den Markt zu bringen. Der Verlag will das Blatt auf einen neuen Pragmatismus ausrichten und bleibt damit im Konventionellen stecken.

Von Frauke Niemeyer


Soll neu und pragmatisch sein: die Frauenzeitschrift "Woman"
DDP

Soll neu und pragmatisch sein: die Frauenzeitschrift "Woman"

Sie ist Frauenzeitschrift Nr. 63 in Deutschland, und als Begrüßungsgeschenk ist sie am Kiosk für nur einen Euro zu haben. Die neue "Woman" will Leserinnen zwischen 25 und 45 Jahren für sich gewinnen, die bisher ohne "Brigitte", "Für Sie", "Freundin" oder "Journal für die Frau" ausgekommen sind. Denn mit den marktführenden Blättern will Chefredakteur Karsten Flohr, 52, nicht konkurrieren. Schon gar nicht will er dem Gruner + Jahr-Flaggschiff "Brigitte" in die Quere kommen, mit dem "Woman" im 14-tägigen Wechsel erscheint. Dass der Neuling den Etablierten das Wasser abgräbt, soll die von Flohr nebulös gehaltene Ausrichtung auf einen "neuen Pragmatismus" verhindern. Neu und pragmatisch sind demnach Themen wie "22 Trend-Outfits zum Nachstylen", "Die vier Trend-Looks für Herbst/Winter" oder auch "Köstliche Kartoffel-Ideen". Vielleicht hatte der Hamburger Verlag bisher den Eindruck, die 62 anderen Blätter böten nur Rezepte mit Nudeln und Reis.

Anders als manche Konkurrentin hat "Woman" aber auch Politik im Programm. Im doppelseitigen Interview erzählt beispielsweise Rita Süßmuth aus ihrer Politikerinnen-Karriere. "Woman bietet Aktualität, Vielfalt und Nutzwert und das Ganze sehr People-orientiert", erklärt G+J-Zeitschriftenvorstand Rolf Wickmann auf der Website des neuen Magazins. Dann hat es sicher etwas mit der "People-Orientierung" zu tun, dass die "neuen jungen Abgeordneten im Bundestag" im Porträt wenig Gelegenheit haben, sich zu ihren politischen Zielen zu äußern. Da ist die Organisation der nun entstandenen Fernbeziehungen Berlin - Freiburg, Berlin - Bamberg oder Berlin - Westerwald wohl interessanter.

Die neue "Woman" ist deswegen nicht schlecht. Man muss ihr zugute halten, dass sie nicht als "Modernitäts-Indikator" jenes "@" im Namenszug trägt, das vor zwei Jahren schon bei "Vivi@n" so abgegessen daher kam. Drei Monate lang hatte der Burda-Verlag damals versucht, den etablierten Frauenzeitschriften vorzumachen, wie man ein Blatt modern ausrichtet. Leserinnen indes hatte er nicht gefunden. Die neue "Woman" bietet Rubriken wie "Beruf", "Fitness", "Living" und "Gefühle" mit kurzen Texten und bunten Bildern. Das tut keinem weh und liest sich angenehm. Um jedoch Konzept und Layout neu zu finden, muss man sein bisheriges Leben wohl auf einer Hallig verbracht haben. "Einzigartig", wie Gruner + Jahr in seiner Pressemitteilung ankündigt, ist daran nichts.

Dennoch verfolgt zumindest die Branche den Start von "Woman" mit regem Interesse. "Große Zeitschrifteneinführungen sind in diesen Tagen, in denen alle Verlage und Medienunternehmen wegen der konjunkturell bedingten Erlösrückgänge zu kämpfen haben, schon etwas Außergewöhnliches", sagt Wickmann. Er will mit dem neuen Blatt auch der allgemeinen Rückzugsstrategie im Medienmarkt entgegen wirken. "Man kann sich auch auf Null Verluste mit Null Umsatz herunterschrauben. Nur macht es dann erstens weniger Spaß und zweitens ist die wirtschaftliche Perspektive übersichtlich." 50 Redakteurinnen und Redakteure arbeiten für "Woman", zehn Millionen Euro pumpt Gruner + Jahr in diesem Jahr allein in die Werbung. Denn sicher wird es teuer, den zukünftigen Leserinnen zu erklären, was denn nun mit "neuem Pragmatismus" gemeint ist. Wer im Heft sucht, findet auf diese Frage jedenfalls keine Antwort.



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