"Freiheit der Kunst respektieren" Thierse befürwortet Haacke-Installation

Bundestagspräsident Thierse sprach sich im Streit um das Haacke-Kunstwerk für die Installation aus. Der Bundestag debattiert und entscheidet heute Abend über die Zukunft des erdigen Konzeptes mit dem Titel "Der Bevölkerung".


Berlin - Hans Haackes Konzept sieht vor, dass die Parlamentarier Erde aus ihren Wahlkreisen in einen Holztrog füllen, der in einem Lichthof des Reichstages steht. Auf diesen Trog käme die Neon-Inschrift "Der Bevölkerung". Seit Wochen ist das Projekt heftig umstritten.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse
AP

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse

Der Kunstbeirat des Bundestages, dessen Vorsitzender Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ist, hatte sich ursprünglich mit großer Mehrheit für das Projekt ausgesprochen. Daraufhin hatten rund 150 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen mit Ausnahme der PDS einen von der CDU/CSU-Fraktion eingebrachten Antrag gegen das Kunstwerk unterschrieben. Zu den Unterzeichnern gehören etwa die designierte CDU-Vorsitzende Angela Merkel und der scheidende Parteichef Wolfgang Schäuble, die Vizepräsidenten des Bundestages, Antje Vollmer von den Grünen und Hermann Otto Solms von der FDP, sowie CSU-Landesgruppenchef Michael Glos. Die Argumente für die Ablehnung reichen von "Biokitsch" bis zum Vergleich mit "Blut-und-Boden-Ritualen" der Nazis.

Bundestagspräsident Thierse sprach sich erneut für die Installation aus. Nach seiner Ansicht wäre dies ein Akt der Souveränität und des angemessenen Umgangs mit Kunst. "Die Kritik an diesem Kunstwerk ist moralinsauer", kommentierte er. Die Widmung "Der Bevölkerung" erzeuge eine Spannung zur Inschrift des Reichstagsgebäudes "Dem deutschen Volke". "Das meint, dass die Parlamentarier in diesem Land nicht nur den Deutschstämmigen verpflichtet sind, sondern allen die hier leben, der Bevölkerung insgesamt." Thierse verteidigte das Projekt als "Akt der Bewusstwerdung", das Interessante an dem Kunstprojekt sei die intellektuelle Spannung. "Deswegen stehe ich dem auch mit Sympathie gegenüber", sagte er. Der Bundestag solle die Freiheit der Kunst respektieren.

Haacke wies vor der Debatte im Bundestag darauf hin, dass er die Verwirklichung seines umstrittenen Kunstwerks für den Reichstag an einem anderem Ort nicht akzeptieren wird. Sein Kunstwerk wirke nur, wenn es in Beziehung zur Portalinschrift des Reichtages "Dem deutschen Volke" gesetzt werde, betonte Haacke.

Haacke erklärte, er wolle mit der Beschriftung seines Werks die Problematik des Begriffs "Volk" deutlich machen, der von den Nazis und anschließend auch in der DDR missbraucht worden sei. Das Wort "Bevölkerung" hingegen sei ein präzises Wort, ohne Mythos, ohne Blutgerausche und ohne Fanfarenklänge. Den Vorwurf aus Reihen der CSU, dass es sich bei seinem Kunstwerk nur um einen Dreckhaufen handele, wollte er sich nicht gefallen lassen. "Wenn ein Abgeordneter sich geschmäcklerisch äußert, dann kann man nur sagen: Über Geschmäcker kann man sich streiten. Dann sind wir aus dem sachlichen Bereich der Diskussion ausgestiegen und reden am Stammtisch weiter."



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