Freizeit Wie wollen wir leben?

Viel Arbeit, wenig Zeit: Lange galt das als einziger Weg zu einer erfolgreichen Existenz. Doch die Krise wird das ändern - zum Glück.

Nur mal ein paar Fragen: Was machen Sie eigentlich so den ganzen Tag im Büro? Wie viele Songs haben Sie sich während der Arbeitszeit schon auf Ihren MP3-Player geladen? Wie oft schlendern Sie zum Kaffeeautomaten, wie oft lesen Sie Ihre privaten E-Mails? Nicht so wichtig. Zumindest nicht bisher. Denn wer abends nur lange genug an seinem Schreibtisch sitzen blieb, musste sich um seine Karriere keine Sorgen machen. Weil Führungspositionen angeblich nur mit Daueranwesenheit und Überstunden zu bewältigen sind, signalisiert der ehrgeizige Angestellte seinem Chef gern, wie viel er arbeitet. Zur Not reicht es auch, abends das Sakko über den Schreibtischstuhl zu hängen, das Licht brennen und den Computer angeschaltet zu lassen. Was für eine Vergeudung von Zeit und Geld.

Aber damit ist es womöglich bald vorbei: "Arbeitgeber werden niemanden mehr nur dafür bezahlen, dass er zu einem Gebäude fährt, sich an seinen Schreibtisch setzt und etwas tippt", schrieb gerade das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time" in einem Artikel über die Zukunft der Arbeit. "Der Grund, zur Arbeit zu gehen, wird darin liegen, dort zu arbeiten." Das ist eine ziemlich gute Nachricht. Denn kaum ein Büroangestellter arbeitet doch im Ernst durchgehend zehn, zwölf Stunden täglich. Wir haben alle viel Übung darin, so zu tun als ob, aber wie viel Zeit könnten wir gewinnen, wenn wir damit aufhören würden?

Es ist seit den siebziger Jahren etwas aus der Mode gekommen, Zeit zu haben. Wer Zeit hatte, war entweder alt oder hatte schon in jungen Jahren verloren. Doch es gibt Anzeichen, dass sich daran etwas ändert. Ein Angestellter der Investmentbank Lehman Brothers in London, keines von den ganz großen Tieren, aber doch einer, der so viel verdient hat, dass er sich keine Sorgen über seine Hypothek machen muss, sprach neulich bei einem Abendessen davon, in Zukunft erst einmal ehrenamtlich arbeiten zu wollen. Wie bitte?

Nun mag bei solchen Überlegungen ein innerlicher Ablasshandel keine geringe Rolle spielen, aber sie senden darüber hinaus doch ein klares Signal: Ich will mir Zeit nehmen. Das gilt auch für den erfolgreichen Freund, der an einem Dienstagvormittag eine SMS schickte mit den Worten: "Gehe jetzt ins Freibad."

Warum hat sich vor allem die Generation der heute etwa 40-Jährigen so lange einreden lassen, dass die Erwerbstätigkeit ihr Leben mit Sinn erfüllen würde? Natürlich hat ein Job durchaus seine Vorteile: ein regelmäßiges Einkommen, hoffentlich interessante Aufgaben, einige nette Kollegen. Aber als Lebensmittelpunkt? Bis weit nach Feierabend? Jeden Tag?

Es kommt nicht unbedingt etwas Gutes dabei raus, wenn jemand 14 Stunden am Tag in einem Büro an der Wall Street hockt.

Die geschätzten hundert Regalmeter Ratgeber zum Thema Glück können, grob gesagt, zu einer Erkenntnis zusammengefasst werden: Glücklich machen uns Anerkennung und gelingende Beziehungen. Wieso aber haben wir so lange versucht, beides vor allem an unserem Arbeitsplatz zu finden? Warum sollten ausgerechnet beruflicher Erfolg und Geld jene Sehnsucht nach Glück stillen, die uns scheinbar alle antreibt?

In dieser Hinsicht hat die aktuelle Wirtschaftskrise etwas Gutes. Sie ist so tiefgreifend und systemerschütternd, dass plötzlich Raum entsteht für Fragen: Wie haben wir eigentlich gelebt? Was war uns wichtig, was waren unsere Werte? Soll das so weitergehen? Und: Wie wollen wir leben? Das ökonomische Argument triumphiert nun nicht mehr gleich über jeden zweifelnden Gedanken.

Schon lange bevor im vergangenen September Lehman Brothers pleiteging, war klar, dass es in einer globalisierten Welt mit ständig effizienter werdenden Arbeits- und Herstellungsabläufen keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben kann.

Aber vor der Krise stellte kaum jemand die Systemfrage. Selbst als die deutschen Arbeitslosenzahlen im Jahr 2006 erneut über die Fünf-Millionen-Marke kletterten, blieb ein Theoretiker wie Thomas Straubhaar, der Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, ein mit höflicher Herablassung betrachteter Außenseiter: Er forderte ein staatlich garantiertes, lebenslanges, steuerfinanziertes Grundeinkommen für jeden Bürger.

Natürlich kann es zynisch klingen, einem Familienvater, der zur Kurzarbeit gezwungen wird, oder einer alleinerziehenden Kassiererin, die einen zweiten Job annehmen muss, von den Vorteilen eines individuellen Arbeitszeitmodells vorzuschwärmen.

Doch solche gesellschaftsverändernden Modelle nehmen ihren Anfang nicht selten in der oberen Mittelschicht. Die finanzielle Absicherung schafft Raum für den Zweifel - und für das Experiment. Im Idealfall würde vor allem die gutbezahlte Arbeit auf viele Schultern verteilt werden.

Der ehrgeizige Einzelkämpfer, der sich völlig überarbeitet, würde zum Auslaufmodell. Denn ganz nebenbei wurde im Herbst vergangenen Jahres ja auch bewiesen, dass nicht zwangsläufig etwas Gutes dabei herauskommt, wenn jemand 14 Stunden am Tag in seinem Büro an der Wall Street hockt.

Geld gegen Zeit

Es gibt ein etwas angestaubtes, konsumkritisches Motto aus den siebziger Jahren: Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit zum Leben. Das klingt gut 30 Jahre später noch ein bisschen ungewohnt, aber es könnte wieder in die Zukunft weisen. Die Teilzeitarbeit ist viel zu attraktiv, um nur eine Notlösung zu sein. Es gibt eine berühmte Geschichte aus dem VW-Konzern, wo 1994 aus wirtschaftlicher Not eine Vier-Tage-Woche mit Lohnverzicht eingeführt wurde. Erst murrten die Betroffenen, aber als Jahre später erneut voll gearbeitet wurde, weil es wieder effizienter war, wollten viele VW-Arbeiter nicht zurück zur Fünf-Tage-Woche.

Bisher fehlt der Teilzeit allerdings noch die Anerkennung. Denn von den fast fünf Millionen Teilzeitbeschäftigten im Jahr 2008 waren die allermeisten Frauen. Der Anteil der Männer ist in den vergangenen zehn Jahren nur leicht angestiegen, von 10 auf 13 Prozent. Dabei ließen sich durch eine generelle Aufwertung der Teilzeitarbeit zwei zentrale gesellschaftliche Fragestellungen entscheidend voranbringen: Wie kommen wir zu mehr Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen? Und wer kümmert sich um die vielen älter werdenden Menschen?

Unzählige junge Mütter müssen sich bisher von ihren Männern anhören, sie würden als Vater ja gern mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen, aber wenn sie zu lange in Elternzeit blieben oder in Zukunft "nur noch" Teilzeit arbeiteten, wäre es mit der Karriere ganz schnell vorbei. Und das Schlimme ist: Sie haben sogar Recht. Noch scheint der Gedanke revolutionär zu sein, dass sich auch in 30 Wochenarbeitsstunden kluge Ideen entwickeln oder gar ganze Abteilungen leiten lassen. Doch die technologischen Entwicklungen und die Konsequenzen der Krise werden daran zwangsläufig etwas ändern. Fragt sich nur, ob sich die Veränderung in den Köpfen ähnlich schnell vollziehen wird. Viele Chefs argumentieren angeblich auch deshalb gegen die Teilzeit in Führungspositionen, weil sie damit ihr eigenes Lebensmodell in Frage gestellt sehen. Haben Chefs eigentlich kein Zuhause?

Was fangen nun jene Menschen an, die schon heute nicht mehr rund um die Uhr an ihrem Arbeitsplatz sind? Die ihre Arbeitszeit reduziert haben oder sie frei einteilen können, die - und genau darum geht es - ausreichend verdienen, aber mehr Zeit haben als die Vollbeschäftigten?

Zuerst einmal verzichten sie auf einen Teil ihres Einkommens. Sie tauschen Geld gegen Zeit. Eine Haltung, die viele Jahre nur mitleidig belächelt wurde. Und die gewisse Herausforderungen mit sich bringt, denn nicht alle werden sich um Kindererziehung oder Altenbetreuung kümmern. Schon heute sitzt jeder Deutsche im Schnitt 207 Minuten am Tag vor dem Fernseher. Nicht nur angesichts des Programms ist das eine erschreckende Statistik.

Freiheit - und Freizeit - ist auch eine Aufgabe. Man muss sich überlegen, was man mit ihr anfangen will. In den USA wird gerade ausgiebig über die "gleefully frugal" berichtet: Fröhliche, genügsame Menschen, die aus Überzeugung - und nicht aus echter Geldnot - ihre Ausgaben einschränken. Die glücklichen neuen Verzichter sozusagen. Mit großer Begeisterung legen sie einen Gemüsegarten an und ernten ihre eigenen Tomaten; sie laden ihre Freunde zu Kleidertauschpartys ein und freuen sich über Komplimente für Kleider, die sie keinen Cent gekostet haben; sie stehen am Wochenende auf dem Flohmarkt und verkaufen ihre alten Sachen. "Wir versuchen herauszufinden, was uns wirklich wichtig ist", sagt eine Anhängerin der Frugal-Bewegung in der "New York Times", eine andere glaubt, durch ihre veränderte Lebenshaltung überall "neue Möglichkeiten" zu entdecken, "das gibt einem so viel Energie".

Das klingt nach einer aufgebürsteten Variante der guten alten deutschen Öko-Bewegung und ist doch auch Ausdruck davon, dass sich etwas verschiebt in den westlichen Gesellschaften.

Selbst unter berufstätigen Vätern gilt es neuerdings wieder etwas, zur Schulaufführung des eigenen Kindes nicht in letzter Minute in den Zuschauerraum zu hetzen, sondern sich im Schulverein an der Organisation des Sommerfestes zu beteiligen. Lange war die Rolex der Ausdruck eines erfolgreichen Lebens, in dem man ständig auf die Uhr schauen musste. Doch die Rolex zeigt nur die vergehende Zeit. Zeit zu haben ist das neue Statussymbol.

Und was kann man nicht alles Großartiges damit anstellen. Auf dem Sofa liegen und nachdenken. Fremdsprachen lernen. Eine Jugend-Fußballmannschaft trainieren. Schlafen. Sahnetorte mit der alleinlebenden Tante essen. Lesen. Zum Beispiel. Oder Mittagessen an Obdachlose austeilen. Die Zahl jener, für sich für soziale Projekte engagieren wollen, steigt deutlich an. Besonders sichtbar wird das bei der Tafelbewegung - hier melden sich so viele freiwillige Helfer, dass bereits eine ganze "Anne Will"-Talkshow lang die Frage diskutiert wurde, ob das noch gut sei für die Bedürftigen. Etwas verändert sich. Und je mehr Zeit man hat, desto ungewöhnlicher werden die Ideen. Die kühnste heißt Faulenzen. So ein schönes Wort. Und das Schönste daran: Es wird langsam salonfähig.

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