"Fridays for Future"-Aktionstag Politik ist keine Fernsehsportart

Der Klimawandel geschieht - jetzt. Bei den internationalen Protesten dazu muss es um die Möglichkeit eines künftigen menschenwürdigen Lebens gehen. Das betrifft alle - und darum sollte sich niemand auf nationale Regierungspolitik verlassen.

"Fridays for Future"-Aktivisten schwimmen in der Spree
Hannibal Hanschke/ REUTERS

"Fridays for Future"-Aktivisten schwimmen in der Spree

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Neulich beobachtete ich eine Menge grüner Sittiche, die aus den Fugen an der Fassade eines Kastenbaus aus den Sechzigerjahren Sand und Steinchen herauspickten. Einen benachbarten Baum haben sie zu ihrer WG gemacht, es wird geflattert und gekreischt und es klingt alles wie in einer Naturdoku aus Costa Rica, aber die Vögel wohnen und arbeiten in Wiesbaden und es ist Mitte November. In Paris bleiben die Heizstrahler über den Caféterrassen ausgeschaltet - nicht aus ökologischer Vernunft, sondern weil es so warm ist, dass man auch ohne die Dinger auf dem Stuhl vor dem Haus sitzen kann, ohne zu frieren: Draußen ist immer beheizt.

Der Klimawandel vollzieht sich, und er betrifft alle, es gibt kein Land, keine Region, wo seine Auswirkungen nicht zu beobachten wären. Aber die politischen Institutionen sind eigentlich noch national verfasst und durch die mächtigen Interessengruppen der fossilen Energieverbraucher leicht unter Druck zu setzen. Daher ist es wichtig, dass heute in der ganzen Welt Menschen für eine andere Art des Wirtschaftens und eine klügere Klimapolitik demonstrieren. Diese Proteste bieten eine einmalige Chance:

  • Zivilgesellschaftliche und politische Initiativen nicht national, sondern mit denen vieler Länder zu koordinieren.

Die Märkte für Öl und Gas sind seit vielen Jahrzehnten schon internationale Veranstaltungen, aber der Umgang mit den Folgen ihrer Produktion und ihres Konsums war das nicht; das wurde als Kollektion von Einzelfällen verhandelt und verlief im Sande.

Es geht bei den kollektiven Forderungen heute nicht um die Rettung des Planeten, der wird stets weiter rotieren, zur Not als kahler Kiesel. Zu bewahren ist, wie es die französische Philosophin Cynthia Fleury ausdrückte, die "gemeinsame Humanität der Menschheit" - dass das Leben eben auch unter den Bedingungen eines wenn möglich gemilderten, gesteuerten Klimawandels menschenwürdig bleibt.

Viele Institutionen sind schon dabei, daran zu arbeiten, insbesondere die Städte: In Indien wird an Cool Cities mit zentralen Kühlsystemen geforscht, London und Paris unternehmen einiges, um Autos aus der Stadt zu drängen und Grünflächen zu renaturieren. Es ist längst nicht genug, und damit der Takt der Reformen und Innovationen sich verstärkt, sind Proteste das beste Mittel. Dabei sollte man sich aber nicht der Illusion einer umfassenden Gemeinsamkeit hingeben, als seien alle Akteure durch Bilder von der ökologischen Katastrophe und Demonstrationen zu beeindrucken.

Einige der unangenehmsten politischen Systeme - Saudi-Arabien, Iran und Russland - beziehen ihre Macht aus den Profiten, die sie aus dem Handel mit Öl und Gas erzielen. Und mit diesen immensen Summen betreiben sie durchaus erfolgreich Politik.

Die heutigen Proteste richten sich somit nicht nur an eine einige Weltgemeinschaft, sondern direkt gegen einige der mächtigsten politischen und ökonomischen Akteure, die wir kennen. Um hier voranzukommen, braucht man politische Macht und sie ergibt sich durch Wahlen, Koalitionen und Kompromisse.

Dafür braucht man die Unterstützung von mehr Menschen, als heute schon überzeugt sind. Die Symbolik des Protests wird wichtig: Wer im Berliner Olympiastadion Politik machen will, indem dort massenhaft Onlinepetitionen unterschrieben werden, irritiert mehr, als er überzeugt. Gleiches gilt für die fiese Relativierung des Massenmords an den europäischen Juden durch Roger Hallam von "Extinction Rebellion."

  • Eine gute Absicht allein sorgt nicht für politische Macht, und wissenschaftliche Befunde sind noch keine Gesetze.

Der nötige Wandel unserer Art, zu konsumieren, zu wohnen und zu arbeiten ist weitreichend und er braucht daher eine unabweisbare Legitimität. Sie erreicht man nur, wenn man soziale und ökologische, politische und ökonomische Aspekte zusammenführt und ein neues Zukunftsbild entwirft, etwa in dem Begriff des "Green New Deal", den die Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez aufgegriffen hat. Wohnen, Nahverkehr, Arbeitswelt - die drängendsten sozialen Probleme sind auch jene, in denen der größte ökologische Effekt zu erzielen ist.

Eine Politik, die dem Klimawandel Rechnung trägt, ist alles andere als eine Verbotspolitik, sondern ein begeisterndes Zukunftsprojekt, an dem alle sich beteiligen können. So ergibt sich die Chance, dass Politik aufhört, eine Fernsehsportart zu sein, bei der alle zusehen, wie die Profis sich abmühen. Umgestaltung von Wohnquartieren, Renaturierung von Stadtwäldern, Anlage von kommunalen Gemüsegärten, Wiederbelebung von Sumpfgebieten - es gibt schier unendliche Möglichkeiten, wie Klimarettung und zivilgesellschaftliches Engagement, wie bürgernahe Politik und Vereinswesen zusammenwirken können.

Was die Natur rettet, heilt auch Ermüdungssymptome in Politik und Wohlstandsgesellschaft, darum sind heute, am freitäglichen Protesttag, neben Wut und Ungeduld auch Zuversicht, Neugier und Wagemut gefragt: Das kann ein schöner Tag werden.

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Seite 1
bernhard.geisser 29.11.2019
1.
"Eine Politik, die dem Klimawandel Rechnung trägt, ist alles andere als eine Verbotspolitik, sondern ein begeisterndes Zukunftsprojekt". Mit Klimarettung-macht-Spass wird leider fälschlicherweise suggeriert, es brauche für die Klimarettung nichts was nicht Spass macht. Deutschland sollte den Import von Soja und Getreide um 50% reduzieren. 'Ihhh wir werden verhungern'? Nein, natürlich nicht, zwei Drittel werden heute in die Futtertröge für Tiere gekippt. Würden alles Soja und Getreide direkt die Menschen essen, dann hätten wir mit der Hälfte deutlich mehr Nahrungsmittel-Kalorien für die Menschen. Klar, Fleischverzicht macht keinen Spass, aber die Klimarettung ist nun mal eine ernste Sache.
Frank Meiner 29.11.2019
2. Halsbandsittiche
Diese Halsbandsittiche leben seit den sechziger Jahren in Wiesbaden. Das sind auch keine eingeflogen klima Flüchtlinge sondern freigelassene käfigvögel.
Brösel4 29.11.2019
3.
Der Autor benennt einige der "CO2-Dealer" wie Saudi-Arabien, Iran und Russland. Die Erwähnung des angeblichen CO2-Emission-Musterknaben Norwegen hätte wohl nicht zur Achse der Bösen gepasst? Und auch das ins Boot holen der mit Abstand größten Verbraucher, China, USA und Indien, fehlt um das ganze Bild zu zeigen. Eine Reportage über die dortigen FfF-Aktivitäten wäre äußerst interessant!
Leibdschor 29.11.2019
4. Problem...
Wenn nicht mal ein Prozent der Weltbevölkerung auf die Straße geht, und dann auch nur in den Wohlstandsländern der ersten Welt, was soll da bitte erfolgreich umgesetzt werden? Solange 90% der Länder kein Interesse daran haben, und darunter zwei der größten Industrienationen, wird sich leider nichts bewegen. Selbst wenn sich Europa einig wäre, wird es die Welt alleine nicht retten können. Schon weil es wirtschlaftlich und politisch nicht mehr die Machtposition hat, die es haben sollte. Man kann deshalb nur hoffen auf Einsicht in die Notwendigkeit beim "Rest" der Welt.
HaraldSchaaff 29.11.2019
5. Vorteil Erderwärmung
Man kann im November in Berlin baden gehen, spart Heizkosten, denn man muß weniger heizen.
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