Friedman bei Christiansen Auf der Intensivstation

Bei Sabine Christiansen trafen sich Michel Friedman, Oskar Lafontaine, Ole von Beust, Guido Westerwelle und Arnulf Baring zum lamentablen Talk über die Krise der Politik - ein Phrasen-Brei aus echter Eitelkeit, falscher Demut und heiterer Impotenz.

Von Henryk M. Broder


Rückkehrer Friedman: "Bereit, die bittere Medizin zu schlucken"
DDP

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Das Thema hieß "Politik in der Krise?" und wurde von den Teilnehmern der Runde anschaulich verkörpert. Da saß Guido Westerwelle für die FDP und forderte mehr Mut zu Reformen, Olaf Scholz von der SPD plädierte für Reformen mit Mut und Ole von Beust von der CDU meinte, man müsste das eine tun, dürfte das andere aber nicht lassen.

Dann waren da noch die Veteranen Oskar Lafontaine und Michel Friedman, zwei Quer-Aussteiger, die in die politische Arena zurückstreben und ihr Comeback gerne mit der Renten-, Steuer- und Gesundheitsreform verbinden möchten. Es war also wie immer, wie in Hunderten von Talk-Shows, die wir hinter uns haben und die noch vor uns liegen. Es wurde geredet, geplaudert, geschwatzt, man war sich einig, dass etwas geschehen müsse, um die Krise der Politik zu beenden, nur in den Details gingen die Ansichten leicht auseinander. Westerwelle forderte eine "Entwicklung zur Vernunft über Parteigrenzen", Lafontaine war "für vernünftige Kompromisse" und von Beust für einen "Systemwechsel mit mehr Eigenverantwortung", weil die "auch Freude macht". Leben in die tief gefrorene Phrasen-Sülze kam nur, wenn sich der Historiker Arnulf Baring zu Wort meldete. Der ist zwar ein alter Grantler und sagt auch immer dasselbe, aber er macht es wenigstens mit Wut im Bauch und Überzeugung im Kopf. Es war also die übliche Mumienparade.

Politiker von Beust: Schwierigkeiten mit dem inneren Schweinehund
AP

Politiker von Beust: Schwierigkeiten mit dem inneren Schweinehund

Aber eigentlich ging es um etwas Anderes, nämlich um ein Reha-Programm für eine kranke Gesellschaft. Und wer wäre qualifizierter, ein solches Programm zu entwerfen, als einer, der es selber durchgemacht hat? "Kaum sind fünf Monate vorbei, und Sie mischen sich wieder ein", sagte Frau Christiansen gleich zu Anfang zu Herrn Friedman, so als wäre der eben auf dem Weg von der Selbsthilfegruppe nach Hause zufällig am Studio vorbeigelaufen, ohne zu wissen, was er mit dem angebrochenen Abend machen sollte. "Deutschland ist ein Patient auf der Intensivstation", sagte Friedman, "bereit die bittere Medizin zu schlucken", wenn ihm von den Ärzten die Wahrheit gesagt wird und wenn es "gerecht zugeht".

Da sprach einer ganz offensichtlich aus eigener Erfahrung, und weil er die Behandlung schon hinter sich hat, die dem Land noch bevorsteht, ging es erst mal eine Weile um Friedmans neue Befindlichkeit. "Sind Sie wieder glaubwürdig?" fragte Frau Christiansen. Und da verpasste Friedman die Gelegenheit, in die Geschichte einzugehen. Statt zu antworten: "Nein, ich schwindle und rede um den Brei herum, wie es hier alle tun!" antwortete er erwartungsgemäß: "Ja, ich habe einen Fehler gemacht, ich habe die Strafe angenommen, ich bemühe mich darum, wieder Vertrauen zu gewinnen!" Ein reuiger Sünder, auf dem Wege zu neuen Ämtern und Ehren, allen anderen Sündern ein Beispiel und Vorbild. "Hat Sie das verändert?" fragte Frau Christiansen investigativ nach. Und Friedman nahm das Stichwort an. "Natürlich, sonst hätte ich nichts dazu gelernt." Und faselte dann etwas von "unserer Aufgabe als Bürger, als ganz einfache Bürger" darauf zu achten, was die Politiker so treiben.

SPD-Dissident Lafontaine: "Das ist verkehrte Welt"
DDP

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Es gab in diesem Eintopf aus echter Eitelkeit, falscher Demut und heiterer Impotenz nur ein paar Momente, in denen einem der Brei nicht im Hals stecken blieb. Da lobte Lafontaine plötzlich das amerikanische Wirtschaftssystem, wo man 7,2 Prozent Wachstum erreicht habe, "mit einer Steuerreform ohne Gegenfinanzierung", worauf Westerwelle sich vor Staunen nicht mehr einkriegen konnte: "Das ist verkehrte Welt, dass Oskar Lafontaine amerikanische Verhältnisse empfiehlt!" Worauf Baring wieder deutsche Verhältnisse ins Spiel brachte: "Das Angebot der Parteien ist lamentabel", die Politiker müssten "den Leuten sagen: Ihr kriegt keine Zuteilungen, ihr kriegt Zumutungen", nur so käme eine "Umgründung der Republik" zustande. Aber auch das hat man von ihm schon öfter gehört, ohne dass es zu echten Konsequenzen gekommen wäre.

Wirklich erstaunlich und beeindruckend war allein die Gewissheit, mit der die Talker ihre Einsichten präsentierten, so als hätten sie gerade das perpetuum mobile im Bastelkeller erfunden. Friedman beklagte "das Mittelmaß der Mittelmäßigen in einer Zeit wie der unseren" und empfahl Eigenverantwortung als "Patriotismus", Olaf Scholz meinte: "Wir müssen sagen, was wir meinen", eine politische Diskussion sei "mehr als ein Talk", Westerwelle philosophierte: "Man macht sich Gedanken, wenn man ein nachdenklicher Mensch ist!", Lafontaine plädierte dafür, "mit den Opfern bei sich selbst anzufangen", und Ole von Beust gestand, auch ihm gelinge es nicht immer, "den inneren Schweinehund zu überwinden".

Historiker Baring: "Das Angebot der Parteien ist lamentabel"
MARCO-URBAN.DE

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Ganz am Ende, wo beim "Musikantenstadl" der Zugabenteil anfängt, begannen Christiansens Gäste sich öffentlich zu kasteien: So viele Sünder, die einander zu überbieten versuchten, hat man im Fernsehen seit dem lamentablen Null zu Null gegen Island nicht mehr gehört. Nur einer wollte keine Beichte ablegen und wandte sich lieber direkt an den Allmächtigen. Er sei, sagte Baring, dem "Herrgott dankbar, dass Lafontaine nicht Kanzler geworden" ist. Dann wäre nämlich alles noch viel schlimmer.

Aber vielleicht wären die Talk-Shows besser.



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