René Pollesch im Friedrichstadt-Palast Hätte, hätte, Verwertungskette

Im Friedrichstadt-Palast wurden zwei grundlegend unterschiedliche Welten gemixt: Revue- und Sprechtheater. René Pollesch schuf aus "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" ein triumphales Spektakel.

Fabian Hinrichs: Hier der Glimmer der Masse, dort der Aufruhr des Individuums
William Minke

Fabian Hinrichs: Hier der Glimmer der Masse, dort der Aufruhr des Individuums

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Auf den Stufen vor dem Eingang, im Foyer und im Saal sah es so aus, als dürfe das Theater endlich mal einen Abend lang aufregender als Fußball sein. Verzweifelte Menschen bettelten mit Pappschildern um übriggebliebene Tickets, Fotografen knipsten Katja Riemann und andere wichtige Gäste, man stieß mit Sekt auf Kosten des Hauses an und war sich einig teilzunehmen an einem historischen Kulturmoment. Vielleicht hat es seit der Uraufführung der "Dreigroschenoper" von Kurt Weill und Bertolt Brecht am 31. August 1928 keine derart rummelige und begeistert gefeierte Theaterpremiere mehr gegeben in Berlin. Im Friedrichstadt-Palast beklatschten am Mittwochabend 2000 Zuschauerinnen und Zuschauer die Premiere von René Polleschs "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt".

Es ist eine Inszenierung, in der getanzt, tolle Musik gespielt und von der Schlechtigkeit der Welt gesprochen wird. Und am Ende gilt, was der Schriftsteller Elias Canetti vor neun Jahrzehnten über das Publikum der "Dreigroschenoper"-Uraufführung geschrieben hat: "Die Leute jubelten sich zu, das waren sie selbst, und sie gefielen sich."

Mix aus zeitkritischem Sprechtheater und Revuehandwerk

Ganz in der Art, in der Brecht und Weill einst gesellschaftskritisches Sprechtheater und Oper zu einer grandiosen neuen Bastardkunstform zusammenrührten, haben nun der Regisseur Pollesch, der Schauspieler Fabian Hinrichs und 27 Tänzerinnen und Tänzer aus dem Friedrichstadt-Palast-Ensemble einen Mix aus zeitkritischem Sprechtheater und Revuehandwerk hergestellt. Man sieht gelbe, blaue und rote Laserstrahl-Skulpturen und sorgsam choreografierten Ballettzauber auf der Bühne.

Man sieht einen goldschimmernden Helden wie einen Astronauten am sternfunkelnden Nachthimmel schweben. Und man hört Sätze über das Elend des im Kapitalismus gefangenen Massenmenschen. Von den Jugendlichen, die am Alexanderplatz "mit ihren Mindeststandards der Teilhabe" und "ohne Verwertungslogik" herumlungern, ist die Rede. Von der "Einsamkeit im Nettosupermarkt" und vom Untergang der DDR. Helmut Kohl habe sich einfach auf Erich Honecker draufgesetzt und ihn körperlich plattgemacht, heißt es einmal. "Was war denn das für eine sozialistische Situation?"

Fast zwei Jahrzehnte lang war der Regisseur Pollesch neben Frank Castorf der herausragende Theatermacher der Berliner Volksbühne. Die hat sich einst den Schriftzug "Ost" aufs Dach gestellt. Nun darf Pollesch, aufgewachsen und ausgebildet in Hessen, im Friedrichstadt-Palast antreten, der in sozialistischen Zeiten die Show-Prachtbude des Honeckerstaats war - und in den Jahrzehnten seit dem Mauerfall mehr Osten geblieben ist, als es die Volksbühne je war. Eine großartige, aber auch riskante Konstellation. Zwei sich gewöhnlich ignorierende Theaterwelten werden kurzgeschlossen.

Witz, Glitzerpracht und choreografische Präzision

Seit ein paar Monaten ist bekannt, dass Pollesch im Herbst 2021 neuer Intendant der Volksbühne werden wird, wo nach Castorfs erzwungenem Abschied dessen belgischer Nachfolger Chris Dercon krachend gescheitert ist. Berühmt ist Pollesch für ein Theater, in dem die Schauspieler zu erzkomplizierten, hochgescheiten, von Pollesch selbst verfassten Texten heiter improvisieren. Das im Friedrichstadt-Palast gepflegte Revuegenre aber verlangt nach schamlosem Witz, Glitzerpracht und choreografischer Präzision.

Mit einem bunten Federbusch auf dem Schädel, in Pluderhemd und Pluderhosen stolziert der Schauspieler Hinrichs zu Beginn ganz allein aus dem Kulissendunkel ins Rampenlicht. Bald hat er nur noch ein Ganzkörper-Golddress an. Nach einer halben Stunde seufzt er in einem ruhigen Moment: "Warum stehe ich hier? Ich habe doch O-Beine. Ich kann doch gar nicht tanzen." Schiere Koketterie. Denn als er das sagt, hat der Tanzamateur Hinrichs bereits in einer Chorusline-Parade mit den Friedrichstadt-Palast-Tänzern nahezu perfekt die Schlaksbeine zum Himmel geschleudert und sich sehr komisch in Choreografien eingepasst, die hämmernde Fabrikarbeiter oder vor Kälte schlotternde Obdachlose zeigen.

Fabian Hinrichs tanzt im Glitzerfummel
William Minke

Fabian Hinrichs tanzt im Glitzerfummel

Der Stücktext von "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" hat, wie bei Pollesch oft, kaum mit dem Titel zu tun und berichtet erstaunlich geradlinig von lauter Einsamkeitserfahrungen. Vom Selbstmordversuch eines sechsjährigen Jungen zum Beispiel. Von der traurigen Schönheit der Shopper an der Supermarktkasse. Und vom Schicksal des Entertainers Daniel Küblböck.

Die Musik besteht aus lauter Gassenhauern, mal von Pink Floyd und mal von Maurice Ravel. Während der scheinbar strahlenden Showeinlagen der Tänzerinnen und Tänzer aber ergeben sich immer wieder irritierende Bilder. In dem von Pappfelsen dominierten Bühnenbild der aktuellen Bühnenshow "Vivid" treten Einzelmenschen aus der Gruppe hervor, kauern unter einer neonhell illuminierten Brücke oder stürmen wild verstreut ins Publikum. Hier der Glimmer der Masse, dort der Aufruhr des Individuums - einmal fasst der Hauptdarsteller Hinrichs die Paradoxie des Abends in einem alten Kabarettistenscherz zusammen: "Nur Gefängniswärter haben etwas gegen Eskapismus."

Keine bloße Fortschreibung des Erfolgsmodells

Tatsächlich bietet die nur 70 Minuten lange Inszenierung hinreißendes und keineswegs besonders verstörendes Entertainment. Vielleicht werden ein paar Mäkler sagen, es sei ein leichter Sieg, den Pollesch und Hinrichs hier erringen. "Kill Your Darlings!" hieß der von Pollesch inszenierte Volksbühnenabend, in dem Hinrichs 2012 mit Freizeitturnern eine ähnlich lustige Kombination aus Artistik und Politdiskurs vorführte. Wer will, kann "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" als Fortschreibung dieses Erfolgsmodells begreifen.

Und doch zeugt die Aufführung nicht nur von bewundernswerter Chuzpe, historischem Bewusstsein und Cleverness, sondern auch von einer phänomenalen Kunstbegeisterung. "Man geht durch die Stadt und denkt: Nur die Gebäude wollen unsere Liebe haben", ruft Hinrichs einmal in den Saal. Am Ende, wenn 2000 Menschen die Bühnenhelden johlend, klatschend und trampelnd feiern, kann man sagen: Der Friedrichstadt-Palast liebt an diesem Abend zurück.


"Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" : Friedrichstadt-Palast Berlin, nächste Vorstellungen am 23.10. (ausverkauft), 6.11. und 11.12. www.palast.berlin



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