Frische "Jedermann"-Inszenierung Brandenburg empört sich!

Glanzvoller Stoff in brandenburgischer Provinz: Die Neue Bühne Senftenberg eröffnet ihre Spielzeit mit Hugo von Hofmannsthals "Jedermann". Und will das Stück mit Hilfe des Polittraktats "Empört euch!" aus der Kommerzfalle befreien.
Von Johan Dehoust

Er steht für glamouröse Theaterabende, für die ganz große Show: der "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal. Jahr für Jahr wird die Geschichte des reichen Mannes, der sich erst angesichts des Todes zu Gott hinwendet, bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. Wer spielt den Jedermann? Wer seine Buhlschaft? Und vor allem: Welche Prominenten sitzen auf dem Domplatz in der ersten Reihe? Um das mit eigenen Augen sehen zu können, zahlen Zuschauer weit mehr als hundert Euro.

All dieser Pomp ist an der Neuen Bühne Senftenberg unvorstellbar. Die teuerste Karte kostet hier 39 Euro. Und genau dieser Gegensatz macht ihre Spielzeiteröffnung am kommenden Freitag (16. September) so spannungsreich. Während des 8. GlückAufFests zeigt das ambitionierte Theater den fast hundert Jahre alten "Jedermann" erstmals in der Niederlausitz.

Senftenberg? Das ist eine Kleinstadt im Süden Brandenburgs, mitten in einer strukturschwachen Region, die bis zur Wende vom Braunkohleabbau lebte. "Seither ist die Gegend auf der Suche nach einer neuen Identität", sagt Sewan Latchinian, Intendant der Neuen Bühne und Regisseur der "Jedermann"-Inszenierung".

Zwei Stücke, die sich provozieren

Rund um das ostdeutsche Theater sei das Sterben des reichen Mannes "mit den Händen zu greifen", sagt Latchinian. Und die Geschichte in diese Krisen-Atmosphäre einzubetten, das sei für ihn und sein Ensemble sehr reizvoll. Der 50-Jährige hat sich im Vorfeld zahlreiche "Jedermann"-Inszenierungen angeschaut. Natürlich auch in Salzburg. Sein Fazit: Der Stoff stecke in einer "Kunstgewerbefalle", werde als "Touristenabzocke" benutzt und könne sich so nicht weiter entwickeln.

"Ich möchte diesen Faust-artigen Klassiker unserem Publikum vorstellen und schauen, was in einer eher protestantischen bis religionsfreien Gegend mit dieser katholischen Geschichte zu machen ist", sagt Latchinian. Der Theatermacher will das Stück in Senftenberg von seinen "starken religiösen Klammern" befreien und viel stärker in der Gegenwart verankern.

Dafür verwebt er das Stück mit Stéphane Hessels Pamphlet "Empört euch!". Die pazifistische Schrift des ehemaligen französischen Widerstandskämpfers erschien im vergangenen Herbst und wird an der Neuen Bühne jetzt zum ersten Mal aufgeführt. Ein auf die allgemeinen Menschenrechte pochendes, ein agitatorisches Werk. "Es wird sich sehr spannend mit dem 'Jedermann' reiben, da die Wertvorstellungen der beiden Stücke heftig kollidieren", verspricht der Regisseur.

Todeskampf in der Skihalle

Einen einzigen Jedermann gibt es in Senftenberg nicht, er wird kollektiv verkörpert. Die Hauptrolle wird mal von einer Person, mal von einer Gruppe und mal vom ganzen Ensemble gespielt. Er habe sich für diesen Zugriff entschieden, da das Stück sich nicht um ein Einzelschicksal drehe, sondern etwas über die ganze Menschheit sage, erklärt Latchinian. Es geht um Leben und Tod, um Liebe und Macht, um Geld und Armut.

Um ein bisschen Attraktion, ein bisschen Salzburg kommt man übrigens auch in Senftenberg nicht herum. Statt im gewöhnlichen Theatersaal spielt der "Jedermann" in einem Freizeitpark am Stadtrand, direkt an der Autobahn Dresden-Berlin. "Snowtropolis" heißt er. In einer Skihalle kämpft der reiche Mann hier gegen den Tod. "Das ist kein berechnendes Marketing, sondern hat mit der Metapher des Schnees zu tun, der ja für die Dekadenz und die Kaltherzigkeit des Jedermanns steht", sagt Latchinian. Nach etwa eineinhalb Stunden in der Kälte ziehen Publikum und Schauspieler weiter in eine Tennishalle. Am Ende können sie sich hier alle gemeinsam mit einem Tanz erwärmen. Die Band "Wallahalla" spielt auf.

Auch wenn der Jedermann in Senftenberg nicht in den Himmel gehoben wird, gipfelt die Vorstellung somit in einem fröhlichen Fest.


"Jedermann". Premiere am 16. September, weitere Termine 17., 23., 24., 30. September, 1., 2., 7., 8., 9., 14., 15., 16. Oktober. Eine Produktion der Neuen Bühne Senftenberg  im Snowtropolis, Kartentelefon 03573/80 12 86.

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