Theaterpremiere in Hamburg Troja liegt in Flandern

Der Belgier Luk Perceval inszeniert am Hamburger Thalia Theater "Front", ein Stück über das Geschehen an der Westfront im Ersten Weltkrieg. Es geht nicht um Schuld, sondern um Leid, beide Seiten kommen zu Wort. Der Regisseur setzt vor allem auf akustische Effekte.

Schläge auf die Blechwand: Die Thalia-Schauspieler liefern eine Art Wortkonzert
Armin Smailovic

Schläge auf die Blechwand: Die Thalia-Schauspieler liefern eine Art Wortkonzert


Die Männer tragen Zivil. Das heißt, sie sind schon uniformiert, aber in Anzug und weißem Hemd, wie ein Orchester, und so haben sie sich auch vorne an der Bühnenrampe platziert. Neun Männer sitzen da hinter Notenständern verschanzt, aber sie spielen keine schöne Melodie, sie berichten vom Krieg, in dem sie mittendrin sind. Ein Deutscher erzählt stolz, was für eine effiziente Waffe sein Spaten ist, ein Belgier, wie viele Deutsche er schon getötet hat. Beide kämpfen im Ersten Weltkrieg an der Westfront.

"Front" heißt das Stück, das der Belgier Luk Perceval, seit 2009 Leitender Regisseur des Hamburger Thalia Theaters, jetzt an seinem Haus herausgebracht hat. Es ist ein dramaturgisch gut gemachter Zusammenschnitt aus Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" von 1928, dem Roman "Le Feu", den der Franzose Henri Barbusse bereits zwölf Jahre zuvor veröffentlicht hatte, und Zeitdokumenten.

Die Texte berichten von unterschiedlichen Seiten der Front, aber immer aus der Perspektive der direkt Betroffenen, die geschilderten Erlebnisse ähneln sich: der gleiche Hass, die gleiche Angst, die gleichen Lügen über Heldentode. Einmal, das ist eine der stärksten Stellen des Abends, berichten Soldaten auf beiden Seiten parallel von einem Verwundeten, der zwischen den Linien liegengeblieben ist und tagelang schreit vor Schmerzen. Weder die Deutschen noch die Alliierten wagen es, ihn zu bergen, aus Angst um ihr eigenes Leben.

Nicht alle Textpassagen sind so stark - die beiden Frauenrollen etwa wirken wie nebenbei konzipiert. Katelijne Verbeke als flämische Bauersfrau bleibt in der Trauer um ihre Kinder auf das immer schriller zeternde Klageweib reduziert; Oana Solomon als englische Krankenschwester muss viel Verständnis für ihren Geliebten zeigen, der sofort zurück ins Gefecht will, nachdem sie ihn gesund gepflegt hat - und darf dann nur noch verkünden, dass sie schwanger ist.

Die Bühne versinkt die gesamten zwei Stunden lang in düsterem Halbdunkel, die Gesichter der Schauspieler sind nur durch Leselampen punktuell erleuchtet. Natürlich ist der Regisseur schlau genug, auf der Bühne das Schlachten nicht nachspielen zu lassen - sowas kann der Film besser. Und weil es nicht um Identifikation geht, kann Perceval den 19-jährigen Ich-Erzähler aus "Im Westen nichts Neues" auch vom gut 30 Jahre älteren Bernd Grawert spielen lassen; dessen älteren, erfahrenen Freund Katczinsky, genannt Kat, von Burghart Klaußner. Die historischen Soldatenporträts aus dem Ersten Weltkrieg, die im Hintergrund übergroß eingeblendet werden, heben diese Distanzierung allerdings leider wieder auf.

Grundton von Schmerz, Bedrohung und Verlorenheit

Eine "Polyphonie" nennt Perceval sein Stück; die Mehrstimmigkeit bezieht sich zum einen darauf, dass sein internationales Ensemble viersprachig agiert, auf Deutsch, Französisch, Flämisch und Englisch; es gibt Übertitel (auch für die zahlreichen schon geplanten Gastspiele im Kriegsgedenkjahr 2014). Zum anderen ist seine Inszenierung eine Art Wortkonzert, ein auf- und abschwellender Klagegesang über den Krieg. Den Grundton von Schmerz, Bedrohung und Verlorenheit erzeugt der Live-Musiker und Klanginstallationskünstler Ferdinand Försch mit jaulenden Sägen, blechernem Scheppern und metallischen Schlägen auf einer 13 Meter hohen Blechwand.

Zu dieser Installation ließ sich die Bühnenbildnerin Annette Kurz, wie sie im Programmheft erläutert, von der tatsächlich metallenen Decke eines Speisesaals auf der Titanic inspirieren. Das gestanzte Muster wirkt wie Stuck; die auf alt getrimmte Metallfront lässt aber auch an das mächtige Burgtor einer antiken, längst versunkenen Kriegsmacht denken. Unten rechts ist es schon schwer beschädigt.

Gegen diese Macht der Töne gilt es anzukommen: Da singen Deutsche und Franzosen ihr Liedgut gegeneinander an, da keucht einer laut ins Mikro, wenn er im Gefecht ist, da lässt Perceval Steven van Watermeulen als belgischen Leutnant zur Karikatur werden, wenn er Durchhalteparolen brüllt. Und Bernd Grawert muss laut und zynisch (oder irre?) lachen, wenn er vom Tod seiner Mutter zu Hause erfährt.

Ferdinand Försch ist bestimmt ein großer Klangkünstler; die Schrecken des Krieges, das Leid der einfachen Soldaten, von dem etwa der belgische Schauspieler Oscar van Rompay als flämischer Bauernsohn Emiel nüchtern und konzentriert erzählt, fangen seine Töne nur selten ein. Auch Karin Beier hat in "Die Rasenden", ihrer Eröffnungsinszenierung als neue Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, vor kurzem den Trojanischen Krieg musikalisch interpretieren lassen vom Ensemble Resonanz - mit hohem Aufwand und ähnlich wenig Effekt.

Perceval hat sichtbar viel Aufwand getrieben, um für die "Front"-Texte adäquate Bilder und Klänge zu finden. Aber am stärksten ist sein Abend da, wo er sich ganz auf den Text konzentriert.


Front. Premiere am Thalia Theater Hamburg. Regie: Luk Perceval. Nächste Vorstellungen am 29. und 30. März sowie am 1. und 25. April. Karten unter Telefon 040-32814444.



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