Führungsseminar US-Offiziere büffeln nach der Shakespeare-Methode

Von Shakespeare lernen heißt Siegen lernen. So sieht es zumindest Kenneth L. Adelman, ehemaliger Rüstungsberater von Ronald Reagan. Mit Rollenspielen aus "Julius Cäsar" und "Henry V" macht der Politstratege hohe US-Militärs für politische Konflikte fit.


Charlton Heston als Marc Anton in "Julius Caesar": Top-Politiker und falsche Schlange
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Charlton Heston als Marc Anton in "Julius Caesar": Top-Politiker und falsche Schlange

Brutus ist bei amerikanischen Spitzenmilitärs nicht sonderlich beliebt. Wenn es nach L. General William R. Looney III geht, sollte man ihm gleich jedes Ehrgefühl absprechen. "Er war ein Verräter. Und er beging einen kaltblütigen Mord", zitiert die "New York Times" den hoch dekorierten Offizier. Dass Brutus das Wohl der Republik im Sinn hatte, müsse ihm zwar angerechnet werden. Aber Cäsar sei nun mal sein Vorgesetzter gewesen. "Gemäß unseres Ethos müssen wir die Befehlskette einhalten", so Looney pflichtbewusst.

Fit für die politische Bühne

Loyalität und Revolte, Gemeinsinn und persönliche Überzeugung: Am Kaiser-Killer, wie er in William Shakespeares Stück "Julius Cäsar" in Erscheinung tritt, lassen sich grundlegende Konflikte politischen Handelns ablesen. Deshalb studieren seit rund zwei Jahren ranghohe Offiziere und Funktionäre der amerikanischen Luftwaffe den berühmten Theaterautor - inklusive Textarbeit und Rollenstudium.

Initiiert haben die literarische Mobilmachung Kenneth L. Adelman und seine Frau Carol, beide Veteranen der Reagan-Administration. Adelman war in den achtziger Jahren Reagans Chefberater für Rüstungskontrolle und verfügt über beste Kontakte zu Militärs, Politikern und Wirtschaftsbossen. Die hat er in ein florierendes Management-Trainingsunternehmen umgemünzt, das seit 1995 Führungskräfte unterrichtet. Zwischen 30 und 40 Seminare geben die Adelmans mittlerweile pro Jahr; zu ihren Kunden zählen Wirtschaftsunternehmen ebenso wie Regierungsbehörden.

Auch wenn bei Shakespeare politische Intrigen und Machtkämpfe fest zum Repertoire gehören - die Militärs fanden die Idee des Literaturtrainings erst einmal bedenklich. Die meisten der Seminarteilnehmer kennen den englischen Renaissance-Dichter allenthalben aus dem Highschool-Unterricht. Doch Adelman hat die Top-Soldaten überzeugt: Zum Schnäppchenpreis von 18.000 Dollar pro Seminar (Unternehmen zahlen 24.000) analysieren sie ausgesuchte Dramen, sehen Filme wie Joseph L. Mankiewiczs "Julius Caesar" mit John Gielgud als Imperator und Charlton Heston als Marc Anton und treten schon mal in historischer Tracht zum Kursus an.

Der Offizier als Exeget

US-Verteidigunsminister Rumsfeld: Nicht ohne meine Krone
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US-Verteidigunsminister Rumsfeld: Nicht ohne meine Krone

"Einmal musste Rumsfeld Robe und Krone tragen", erinnert sich Adelman in der "New York Times" an eines seiner frühen Seminare mit dem US-Verteidigungsminister. "Wir brauchten zwei Tage, um sie ihm wieder abzunehmen." Heute erfreuen sich Spitzenoffiziere wie Major General Paul J. Fletcher an der theatralischen Selbst- und Welterkundung. "Für mich sind diese Diskussionen sehr fruchtbar", so Fletcher. "Außerdem hatte ich als Wissenschaftstyp gar keine Zeit für Kunst."

Kunstsinn bewies der General dann aber in hohem Maße: Als einzigem Seminarteilnehmer fiel ihm auf, dass Shakespeare Brutus' Grabrede in Prosa verfasst hat, die Marc Antons jedoch in jambischen Pentametern. Die subtile Bebobachtung soll ihm genervtes Grummeln seitens eines Kollegen eingetragen haben: "Ich weiß noch nicht mal, was ein jambischer Pentameter überhaupt ist."

Dass Shakespeare ein exzellenter Lehrmeister in Sachen Politik ist, darüber sind sich die Soldaten jedoch einig. Cäsars Arroganz beispielsweise und Brutus' Fehler bei der Führung der Verschwörer nach dem Kaisermord verwiesen auf zentrale Konflikte in Hierarchieverhältnissen. Wann und wie lehnt man sich gegen den Boss auf? Und wie kommt man aus dem Schlamassel raus, wenn die Sache auffliegt? Wer taugt überhaupt zum Führer? Brutus, der zaudernde Revoluzzer, eher nicht. Und Marc Anton, in Shakespeares Stück Brutus' Widersacher, ist zwar ein exzellenter Politiker, aber auch eine falsche Schlange.

Überhaupt: Gibt es nicht Parallelen zwischen Brutus und seinen Verschwörern auf der einen und der Bush-Regierung auf der anderen Seite? Brutus wollte einen Tyrannen verhindern, hatte aber keine ausreichenden Beweise, dass Cäsar seine Macht missbrauchen würde. Bush wollte präventiv die Welt vor dem Terror beschützen. Beweise? Nun, die Geschichte ist bekannt.

Wichtige Fragen, auf die zumindest einer eine eindeutige Antwort hat: "Der Präsident hatte mehr Beweise als Brutus", so Shakespeare-Trainer und Irak-Kriegsbefürworter Adelman.



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