Furtwängler-Edition Biblischer Elefantengalopp

Eine Box mit den remasterten Live-Aufnahmen von Wilhelm Furtwängler feiert den Mythos in Originalgröße - und fasziniert, obwohl's scheppert und kracht.
Von Kai Luehrs-Kaiser

Wer ist der Beste im ganzen Land? Wenn man heute großmannssüchtig nach dem Meister aller Klassen, dem Helden aller Fraktionen und dem Dirigenten für die einsame Insel fragt, erhält man, erstaunlich genug, von Fachleuten zumeist eine Antwort: Wilhelm Furtwängler.

Karajan war zu technizistisch, Bernstein zu sprunghaft, Toscanini zu strikt und Celibidache zu sehr spezialisiert. Dagegen: Der zerstreute Professor F., das Fossil mit den langen Armen und dem heiklen Leisetreten gegenüber dem NS-Regime, er steht in der Rangliste immer noch ganz einsam oben. Wilhelm Furtwängler Superstar.

Nur dass die Schallplatten, so stöhnt man, einen nebulösen Eindruck seines Genies wiedergeben. Furtwängler ließ Aufnahmen nur widerstrebend zu. Er muss tatsächlich ein Live-Dirigent gewesen sein wie er im Buche steht. Bei Proben widmete er sich fast nur den Übergängen, verschliffene Einsätze und mulmigen Klang tolerierte er. Die Zeus-Blitze jedoch, die er nach einem finster sich dahinwälzenden Beethoven-Anfang schleudern konnte, waren hinreißend. Sie verwandelten Abonnenten in Anbeter und machten Furtwängler zum legendären Erschütterer unter den kühlen Klassik-Köpfen.

Jetzt ist Furtwänglers Bestes, nämlich seine kompletten Berliner RIAS-Mitschnitte mit den Berliner Philharmonikern, erstmals grandios remastert in einer CD-Box erschienen. "The Complete RIAS Recordings" (1947 bis 1954) blasen den Staub weg, lassen den Puls hoch schlagen und enthüllen ein hitziges Dirigenten-Temperament: Beethovens "Eroica" unterm Schrappnell-Dampf traumatischer Kriegserfahrungen, ein rasend in Schwung kommender Elefantengalopp im Scherzo von Bruckners Achter und eine Frische bei Wagner und Strauss, die man bei früheren, rabenschwarzen Mitschnitten (und selbst bei den Editionen der Deutschen Grammophon) bei weitem nicht erzielte.

Erstmals werden Furtwänglers Konzertprogramme so wiedergegeben, wie sie waren - ungekürzt unter Hervorhebung seines Engagements für die damals neue Garde: Wolfgang Fortners Violinkonzert (mit Gerhard Taschner), Boris Blachers "Concertante Musik" und Furtwänglers Favorit, der verfemte Paul Hindemith, würzen die großen Schubert-, Brahms- und Beethoven-Exegesen der Berliner Philharmoniker.

Natürlich scheppert's und kracht's in den Archivbändern. Aber was soll's: Es handelt sich um kaum weniger als das "Alte Testament" der Schallplattengeschichte.

Das metaphysische Bedürfnis der Gegenwart dürfte sich kaum besser stillen lassen als mit dieser genialen Box.


Wilhelm Furtwängler: The Complete RIAS Recordings (Audite, 12 CDs + Bonus CD)