Streit über Polizisten beim Fusion-Festival Ohne Wasserwerfer feiert es sich besser

Ein Polizeipräsident will Uniformierte auf das Fusion-Festival schicken - Ausrichter und Lokalpolitiker sind empört. Nun stoppt der Innenminister das Vorhaben. Ein Testfall dafür, wie liberal Deutschland heute ist.
Dramatischer Himmel über Fusion-Bühne

Dramatischer Himmel über Fusion-Bühne

Foto: Frank Brexel/ imago

"You gotta fight for your right to party", sangen die Beastie Boys einst. Aber gibt es auch ein Recht darauf, ohne Polizei zu feiern? Beim Streit um das Fusion-Festival an der Müritz war genau das der Streitpunkt. Es ging um ein "Betretungsrecht", das der Polizeipräsident von Neubrandenburg für unerlässlich hielt, und um eine Polizeistation auf dem Festgelände.

Die Veranstalter des alternativen Festivals in Lärz (Mecklenburg-Vorpommern) sind der Meinung, es verhalte sich mit den Ordnungskräften wie mit den Geldautomaten: Auf dem Festivalgelände wolle sie niemand sehen, wer sie brauche, könne ja zehn Minuten bis zum Ausgang laufen. Hätte sich die Polizei durchgesetzt, wäre das diesjährige Fusion Festival das letzte gewesen, ließen sie verlauten. Inzwischen hat allerdings der Innenminister Mecklenburg-Vorpommerns, Lorenz Caffier, versichert, an der Polizei werde das Festival nicht scheitern.

Es ist ein reichlich überflüssiger Konflikt. Denn das friedlich-hippieske Spektakel zwischen den grünbewachsenen Hangars eines ehemaligen sowjetischen Militärflugplatzes ist ein Musterbeispiel dafür, wie entspannt ein linkes Kollektiv, lokale Behörden und die benachbarte Bevölkerung miteinander umgehen können.

Wie ist das nur möglich, fragte der US-DJ

Auf jedem Dorffest in der Region gäbe es mehr Stress als auf der Fusion, sagte der Leiter der zuständigen Polizeidienststelle vor zwei Jahren. Wer die Fusion kennt, weiß: Die Entspanntheit hat Gründe. Denn alles, was bei den meisten anderen Musikfestivals nervt, gibt es bei der Fusion nicht. Keine Zäune vor den Bühnen, keine Uniformierten, die die Gäste am Einlass nach mitgebrachten Getränken filzen, keine Bierpreise, die bei 4,50 Euro anfangen, keine Werbebanner und Sponsoren, keine Foodie-Stände zu Feinschmeckerpreisen. Die Gäste dürfen ihr Essen und ihre Getränke nach Lust und Laune aufs Festivalgelände mitbringen.

Ich erinnere mich an den amerikanischen DJ, der mir nach seinem Fusion-Gig vor etwa fünf Jahren im Backstage-Bereich des Festivals fassungslos gegenüberstand: Wie das nur möglich sei? Ein Festival ohne Security, ohne eingezäunte Bühnen? Das habe er noch nie erlebt! Wir sprachen darüber, was passiert, wenn man Menschen machen lässt und sie gut behandelt, statt sie bei jeder Gelegenheit zur Kasse zu bitten und als potentielles Sicherheitsrisiko herumzuschubsen.

Fusion-Besucher

Fusion-Besucher

Foto: Frank Brexel/ imago

Auch der Eintrittspreis trägt zur entspannten Grundstimmung bei: 145 Euro für vier Tage volles Programm. Seit jeher verzichtet die Fusion auf kostspielige Werbung. Selbst Superstars bekommen nur bescheidene Gagen. Das Programm wird im Vorfeld nicht veröffentlicht, trotzdem reißen sich die Bands darum, zur Fusion zu kommen. Das Publikum sowieso. Bei der Fusion-Ticket-Verlosung zu gewinnen, ist kaum aussichtsreicher als Sitzplätze für ein WM-Finale zu ergattern.

Apropos Fußball: In einer Hinsicht sind die Kontrollen sehr streng auf der Fusion. Alle zwei Jahre findet das Festival während einer EM bzw. WM statt, doch wer eine Deutschlandfahne im Gepäck führt, muss sie abgeben. Die Einlass-Crew schneidet die gelben Streifen ab und lässt die erbeuteten Flaggen als rotschwarze Anarcho-Trophäen auf dem Tickethäuschen wehen. Keine Frage: Man ist links und antinational auf der Fusion, die Crewmitglieder tragen "Refugees Welcome"- und Antifa-T-Shirts, die Aufbauhelfer rekrutieren sich aus bundesweiten linken Zusammenhängen. "Ferienkommunismus" nennen die Veranstalter ihr alljährliches temporäres Sozial- und Feierexperiment.

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Fusion in Gefahr: Ein Ort der Selbstentfaltung

Foto: Katherine Rydlink/ SPIEGEL ONLINE

Für Neubrandenburgs neuen Polizeipräsidenten Nils Hoffmann-Ritterbusch ist der linke Charakter offenbar ein Anlass gewesen, sich nochmal ganz neu und anders mit dem Festival zu beschäftigen. Die "Beteiligung in Teilen hoch gewaltbereiter Personen" sei zu erwarten, behauptete Hoffmann-Ritterbusch bei einer Pressekonferenz Anfang Mai.

Er habe zudem im Internetforum der Fusion gelesen, so Hoffmann-Ritterbusch, dass 2018 ein DJ wegen sexistischer Aussagen mit Sand und Flaschen beworfen wurde. Die Polizei habe das nicht verhindern können, sie sei ja nicht vor Ort gewesen. Keinesfalls wolle er "mit massiver Polizeipräsenz das Kulturerlebnis stören" beteuerte der Polizeichef, aber die Anwesenheit der Polizei auf dem Gelände sei "eine Selbstverständlichkeit".

Tatsächlich lag zu diesem Zeitpunkt schon zwei Monate lang ein martialisches Einsatzkonzept in seiner Schublade, wie ein Bericht von "Zeit Online"  enthüllte. Demzufolge sollten 100 Beamte uniformiert und in zivil rund um die Uhr auf dem Festival patrouillieren. In der Nähe der Fusion wollte man laut Konzept eine "Beweis- und Festnahmeeinheit" der Bereitschaftspolizei und bis zu 1000 Einsatzkräfte unterbringen, dazu Räumpanzer und Wasserwerfer sowie eine Einheit "Technische Maßnahmen Öffnen und Lösen", die üblicherweise bei Blockaden eingesetzt werden.

Außerdem leitete Hoffmann-Ritterbuschs Polizeipräsidium offenbar das ursprüngliche Sicherheitskonzept der Fusion ungeschwärzt an Studierende einer Polizeifachhochschule in Güstrow weiter. Pikanterweise ist der Betreuer der Studierenden ein ehemaliger AfD-Politiker, der 2014 an einem AfD-Wahlstand zwei Jugendliche mit Reizgas angegriffen hatte und deshalb an die Polizeifachhochschule strafversetzt worden war. Fusion-Sprecher Martin Eulenhaupt empörte sich, es sei ein Skandal, dass die vertrauliche Sicherheitsarchitektur der Veranstaltung "auf direktem Wege an verurteilte rechte Gewalttäter weitergereicht" würde.

"An der Polizei wird es jedenfalls nicht scheitern"

Die Empörung ist berechtigt. Es gehört mehr als Ignoranz dazu, ein friedliches und alternatives Festival wie eine militante Demo voll gewaltbereiter Vermummter zu taxieren. Wer so agiert, politisiert Kultur in einer Weise, die Rechtspopulisten in die Hände spielen muss.

Tatsächlich hat die Fusion über zwei Jahrzehnte erfolgreich rechte Tendenzen in der Region bekämpft: Sie hat antifaschistische Jugendarbeit in der Region geleistet und das Vertrauen der umliegenden Gemeinden erworben. Das Festival stelle einen "nicht unerheblichen Wirtschaftsfaktor" dar, erklärte der ehemalige Leiter der neubrandenburgischen Polizeiinspektion, Siegfried Stang, in einem öffentlichen Brandbrief: "Es wäre bedauerlich, wenn das Ansehen der ganzen Region wegen mutmaßlicher Profilierungsversuche eines relativ unerfahrenen Polizeipräsidenten Schaden nähme." Der Bürgermeister von Röbel - immerhin ein CDU-Mann - stellte sich offen gegen den Polizeipräsidenten. Im benachbarten Lärz gingen die Anwohner auf die Straße, um gegen Hoffmann-Ritterbuschs Pläne zu protestieren, der lokale Fahrlehrer dichtete gar ein Spottlied auf den Polizeipräsidenten.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU)

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU)

Foto: ARMANDO BABANI/ EPA/ EFE

Inzwischen lenken Polizei und Politik ein. In Pressemitteilungen hat die Polizei bereits mitgeteilt, ein neues, verbessertes Sicherheitskonzept der Veranstalter mache es unnötig, dass die Polizei auf dem Gelände präsent sei. Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) beteuerte am vergangenen Freitag im Landtag: "An der Polizei wird es jedenfalls nicht scheitern."

Noch ist offen, ob die Fusion wie erwartet am Mittwoch wie angekündigt eine Genehmigung erhält - das Ordnungsamt verlangt Nachbesserungen  in diversen Punkten. Anlasslose Polizeipräsenz auf dem Festivalgelände gehört aber nicht dazu. Sollte es dabei bleiben, wäre das mehr als erfreulich.

Nicht nur deshalb, weil es keine polizeiliche Aufgabe ist, DJs vor Flaschenwürfen zu schützen und weil Raves mit Zehntausenden von Menschen nicht sicherer werden, wenn die Polizei dazwischen patrouilliert. Beim Streit um die Fusion geht es um mehr: Darum, wie liberal in Deutschland mit alternativer Kultur umgegangen wird.

Dass sich ein ostdeutscher Landkreis schützend vor ein linksalternatives Kulturfestival stellt, ist ein gutes Zeichen. Offensichtlich ist das beste Mittel gegen die rechte Propaganda vom linksgrünversifften Gutmenschen-Deutschland immer noch: Die gemeinsame Erfahrung zu machen, dass die Gegend lebenswerter wird, wenn wenigstens ein Mal im Jahr ganz viele Gutmenschen zusammenkommen.

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